Welten entstehen und zerbrechen

Wer Kinder hat, erinnert sicher dieses überwältigende Glücksgefühl nach der Geburt, wenn man sein Neugeborenes das erste Mal im Arm hält und betrachtet. Magische, überquellende Liebe und der unfassbar starke Beschützerdrang der einen erfüllt. Die Gedanken, die diffus durch den Endorphin gefluteten Kopf ziehen und die plötzliche Sorge, die man für dieses kleine Wesen hat. Das schwächt sich nicht ab, das Wissen um die Unperfektheit der Welt und den Beschützerdrang und gleichzeitig dieses, Erziehung hauptsächlich ausmachende, immerwährende Loslassenmüssen.

 

 

Je älter sie werden, desto mehr muss man ihnen vertrauen, sie ihre eigenen Fehler machen lassen, und immer ist es ein Balanceakt. Wieviel kann ich ihm zumuten, wo greife ich ein, wo stärke ich, wie viel Wahrheit über diese strahlend schöne und doch so unperfekte Welt kann ich diesem Kind zumuten. Das unterscheidet sich je nach Charakter. Ist der Osterhase eine schlimme Lüge, ist eine Diskussion über Massentierhaltung verkraftbar? Immer wägen Eltern ab, und wenn das Kind hochsensibel ist, wissbegierig und angeschlagen, wie gehe ich dann mit den grausamen Wahrheiten dieser Welt um? Wovor schütze ich, wie stärke ich? Besonders bei Kindern, die nicht zu 100 % der Norm entsprechen, wie dem fast neunjährigen Robin Byrne aus Richard Powers neuem Roman „Erstaunen“.

„Womöglich finden wir sie nie?“

Was Vater und Sohn da suchen ist nicht nur eine bewohnte Welt irgendwo im Universum, sie suchen auch, unbewusst, wieder die verstorbene Mutter und Ehefrau, die ein riesiges schwarzes Loch in ihrer beider Leben hinterlassen hat, das sich omnipräsent durch den Roman zieht. Sie suchen und finden aber auch das Leben. Feiern es, versuchen es zu schützen, erfreuen sich am alltäglich aufs Neue zu bestaunenden Wunder der Evolution.

Astrobiologe Theo, Robins Vater, ist frischverwitwet. Er muss den Altag strukturien und stemmen bei aller Trauer um seine Frau für seinen Sohn funktionieren, der eben dies nicht mehr kann. Er ist auffällig, rastet aus. Seine Impulskontroll- und Emotionsregulationsstörung, die bereits zuvor labil war, wurde mit verschiedensten Diagnosen bedacht. Psychopharmaka sollen es richten, doch ist das wirklich der richtige Weg? Theo entscheidet sich für noch mehr Aufmerksamkeit und Liebe, bietet Empathie und Naturerlebnisse, reist in imaginäre Welten mit Robin, auf denen fremde Lebensformen an die herrschenden Umweltbedingungen eine phantastische Evolution durchlaufen. Ein noch in der Erprobungsphase befindliches Neurofeedback soll Robin helfen. Autor Richard Powers knüpft dabei an eines meiner Alltime-Favourite- Bücher an: „Blumen für Algernoon“. Und wie bei Algernoon gibt es Verbesserungen, stabilisiert sich Robins Psyche. Doch dann kommt die Welt dazwischen.

Beim Lesen, ich habe das Buch eher inhaliert, bleibt viel Raum für eigene Gedanken zum Thema Erziehung, Kinder auf die Welt vorbereiten, Richard Powers „Erstaunen“ entwickelt einen ganz eigenen Sog, führt die Komplexität dieser Welt, ihre Schönheit, ihre Abgründe und die anthropozentrischen Auswirkungen vor Augen. Aktuelle politische Entwicklungen in den USA und weltweit runden das Bild ab. Powers triggert im Roman permanent das eigene Empfinden, mit einer handwerklichen Lässigkeit, die das Kopfkino umso mehr anwirft. So ist „Erstaunen“ ein unglaublich gefühlstiefer und intensiver Pageturner, der neben der Eltern-Kind-Beziehung noch die kognitive Dissonanz der Menschheit im Umgang mit der Bedrohung unseres Planeten, aber auch die  für die Probleme verantwortliche, brutale ideologische Dummheit der Gier nach Wachstum und Profit zeigt. Und immer wieder entführt Powers feinfühlig und mitreißend die LeserInnen in die unfassbare Schönheit, die uns umgibt.

Powers, der mit „Erstaunen“, auf der Shortlist für den Booker Prize 2021 war, erhielt ihn 2018 für seinen Roman „Die Wurzeln des Lebens“.

Für mich war „Erstaunen“, ein Roman der an die Schmerzgrenze geht, mich umgehauen hat in seiner Intensität und Atmosphäre, mich tief berührt und gepackt hat und eingefangen hielt bis zum Ende, das entsetzlich schwer auszuhalten war.

Ich glaube wirklich, dass dies eines, wenn nicht das großartigste Buch 2022 für mich ist. Ein Highlight, das den Dodo-Award mit seiner Leichtigkeit, seiner Komplexität und seinem Stil mehr als verdient hat.

28 Dodos mit Sternchen und Krönchen und eine unbedingte Leseempfehlung von mir.

Erstaunen von Richard Powers ist im September 2021 als Hardcover bei S. Fischer erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

 

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