Lesen ist seit geraumer Zeit ein wenig schwierig für mich, weshalb ich tatsächlich häufiger als früher auf Hörbücher zurückgegriffen habe. Einerseits praktisch, weil ich nebenher eben noch mit den Händen arbeiten kann, andererseits ist das Zuhören manchmal einfach weniger intensiv, als wenn ich mit meiner eigenen Stimme im Kopf selbst lese. Gelernt habe ich neulich, dass diese Stimme im Kopf nicht bei jedem oder jeder existiert – ich frage mich, wie funktioniert lesen dann? Spannende Sache, aber hier soll es um etwas anderes gehen, nämlich darum, wie Hannah, für mich die Hauptprotagonistin aus Alena Schröders Trilogie um die Borowski Frauen, ihren Weg ohne den Beistand ihrer Großmutter und Mutter weitergeht. Damit hat Alena Schröder ihre Familientrilogie, in der die Frauen aus Gründen im Mittelpunkt stehen, bravourös zum Abschluss gebracht.
Strukturell ist sich Schröder treu geblieben: Auch im dritten Band der Geschichte um die Borowski Frauen hat sie zwei Erzählstränge eingearbeitet. Einerseits zeitlich aktuell im Jahr 2024 verortet ist Hannahs Geschichte, deren Leben durch Einflüsse von außen, die sie nicht steuern kann, plötzlich eine Wendung erfährt. Der zweite nicht weniger wichtige Strang beginnt mit dem Zusammenbruch der DDR und damit mit einer kurzen Bekanntschaft, die Hannahs Großmutter als ehrenamtliche Helferin in Marienfelde macht und eine Verbindung zu ihrer früheren Heimat Güstrow schafft. Erzählt wird im zweiten Strang vor allem von Marlen, die sich nach Kriegsende 1945 alleine durchschlagen muss, Obhut bei der Malerin Wilma findet und deren künstlerische Gehilfin wird.
Hannah muss im Jahr 2023 ebenfalls irgendwie alleine klar kommen, zieht doch ihre beste Freundin Rubi (wir kennen sie aus dem ersten Band der Trilogie) aufs Land in eine ökologisch lebende Kommune in Brandenburg. Zwar ist schnell ein Mitbewohner gefunden, doch das ist schon eher eine Zweckgemeinschaft, als alles andere. Außerdem meldet sich Hannahs Vater nach 34 Jahren Abwesenheit in ihrem Leben zurück. Weshalb, das lässt sich mit fortfahrender Lektüre immer deutlicher vermuten: Nicht aus ganz uneigennützigen Gründen. Hannah muss Entscheidungen treffen – etwas, das ihr nicht unbedingt in die Wiege gelegt ist.
Über den Sprachstil oder die Struktur des Romans muss man nicht viel sagen, wenn man die beiden Vorgängerbände kennt. Schröder ist sich auch hier treu geblieben. Schwere, tiefe Themen lockert sie mit der ihr eigenen Fähigkeit, einzelnen Personen eine unvergleichliche, echt wirkende Stimme zu geben und einen gewissen Witz in Situationen einzuarbeiten, auf. Das ist modern, liest oder in meinem Fall hört sich gut, ohne kitschig oder platt zu werden.
Überhaupt muss ich hier unbedingt die Leseleistung von Julia Nachtmann hervorheben. Nachdem ich kurz vor diesem, den zweiten Band der Trilogie von Elisabeth Günther gelesen extrem gut fand, musste ich mich erst ein wenig an die neue(n) Stimme(n) gewöhnen. Doch nach kurzer Zeit kam es mir vor, als ob Julia Nachtmann bestimmte Figuren haargenau so sprach, wie sie von Günther im zweiten Band angelegt waren. Chapeau, das muss man erst mal hinbekommen. Also auch für Nachtmann nur Liebe für diese Interpretationsleistung.
Viel Recherchearbeit Schröders steckt in der Darstellung des Aufstiegs der Malerin Wilma zu einer anerkannten Künstlerin der, von sich selbst als „Arbeiter- und Bauernstaates“ bezeichneten DDR, in deren Fokus wiederum Frauen stehen. Frauen sind es allenthalben, die, wenn auch nicht immer sichtbar, alles zusammenhalten und voranbringen. Dabei geraten sie – so wie Marlen – häufig in ein Spannungsfeld, das ihre eigene Entwicklung zumindest verzögert, wenn nicht sogar verhindert.
Doch Schröders Frauen sind keine Verliererinnen. Schlussendlich emanzipieren sie sich von äußeren Zwängen und nehmen ihr Leben bewußt in die Hand. Eigentlich etwas, das jeder Person, egal welchen Geschlechts, zugestanden sein sollte. Das ist doch wahrlich das, was man ein aktives Erleben nennt: Sich seiner eigenen Bedürfnisse gewahr zu werden und sich diese – natürlich niemals auf Kosten anderer – erfüllen zu können.
Ein stimmiger, unterhaltsamer, vielschichtiger Abschluss ist Schröder hier gelungen. Ich bin gespannt, was sie uns weiterhin präsentieren wird, denn das wird sie, da bin ich mir sicher.
Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel von Alena Schröder ist als Hörbuch gelesen von Julia Nachtmann im Januar 2026 bei Hörbuch Hamburg erschienen. Für mehr Informationen zum Buch per Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder direkt auf der Verlagsseite.
