Was nach Olympia ’36 geschah

Ich kann mich noch sehr gut an meine erste Begegnung mit Gereon Rath, einer der Hauptfiguren aus Volker Kutschers mittleweile sogar verfilmten Kult-Krimi-Reihe eben um den Kommissar Rath, der aus Köln stammend, nach Berlin versetzt wurde, um dort die Großstadt-Kriminellen im Zaum zu halten. „Der nasse Fisch“, der erste Band der Reihe, war gerade erschienen und auf Lovleybooks fand eine Leserunde dazu statt. Mit dem Autor. Der sich unseren Fragen stellte. Was für ein Erlebnis – das Buch hat mich wahrlich umgehauen und mir kam es vor, als wäre hier nicht nur eine neue Krimi-Reihe am Entstehen, sondern eben viel mehr. Mit Rath gemeinsam bin ich dann nach und nach immer weiter ins Berlin der 1920er Jahre eingetaucht. Bilder formten sich in meinem Kopf – Bilder, die mit der Serie Babylon Berlin, die durchaus ihren Charme hat und für mich eine Variation der Romane darstellt, nicht viel zu tun hatten. Dafür um so mehr mit der Art von Illustrationen, die Kat Menschik so meisterhaft zustande bringt. Nun ist, nach dem ersten Zusammenarbeit von Volker Kutscher und Kat Menschik mit dem Titel „Moabit“ ein weiteres Juwel enstanden. Wie „Moabit führt uns „Mitte“ über die Geschehnisse, die in den Romanen unerwähnt bleiben müssen ganz dicht an einzelne Personen und ihre Geschichte heran. War es in „Moabit“ die Familiengeschichte, bzw. der familiäre Hintergrund Charly Ritters, so erfahren wir in „Mitte“, wie es Friedrich Thormann nach „Olympia“ ergangen ist …

Wie großartig ich die Illustrationen von Kat Menschik im allgemeinen finde, kann ich schon gar nicht mehr in Worten ausdrücken. Ihre Grafiken haben eine so eigene Handschrift, dass ich mir einbilde, sie sofort erkennen zu können. Weil sie so sind, wie sie sind, passen sie für mich auch so wunderbar zu Volker Kutschers Gereon-Rath-Reihe – denn Berlin und die Goldenen Zwanziger waren eben nicht immer nur golden. Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten und wie sich der Schatten des Nationalsozialismus über Berlin und das ganze Land legt, das zeichnet Kutscher in seinen Romanen ganz deutlich nach. Kriminalromane sind das schon lange nicht mehr – oder zumindest nicht nur. Vom ersten Band ab, hatte ich das starke Gefühl, hier will jemand die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse greifbar machen. Die Klüngeleien, die kriminellen Verbindungen, die notwendig waren, dieses Regime zu errichten. Eine Struktur, die schlußendlich auch Positionen rechtsgerichtet handeln ließ, die eigentlich neutral zu sein hatten.

Auch Fritz Thormann muss das leider erfahren. Er muss untertauchen, weil er Informationen hat, die ihm gefährlich werden können. Ihm, dem jungen Burschen, der den uniformierten Ehrendienst während der Olympiade 1936 ernst nimmt und dabei völlig übersieht, was sich da an Rassismus zusammenbraut. Weil er eben noch jung ist und niemanden um sich hat, mit dem er sprechen kann, beginnt er Briefe zu schreiben. An Charly Ritter und an seine Freundin Hannah. Zwar Postlagernd und so – wie er meint – nicht leicht nachzuverfolgen, doch hier wird schon deutlich, wie perfide das nationalsozialistische System gearbeitet hat.

Bei jedem Brief, den ich las, der mir schilderte, was Fritz erlebt und entdeckt hat, wollte ich den jungen Mann schütteln und ihm zurufen, nun geh doch endlich außer Landes. Du bist nicht sicher – denn niemand war das. In der Figur des Fritz Thormann kann man den Prototypen dessen sehen, was Hitler letztendlich auch möglich gemacht hat. Dabei ist Fritz eben einfach jung und deshalb auch naiv. Wir heutigen Leserinnen tun uns aber auch leicht, wissen wir ja um den Verlauf der Geschichte, den kaum jemand für möglich gehalten hatte. Atemlos verfolgte ich, wie es Fritz erging – Spannung ist auch in diesem schmalen Bändchen garantiert, das durch seine Illustrationen ein richtiges Regaljuwel ist. Gereon Rath Fans brauchen diesen feinen und mit großer Liebe bis ins kleinste Detail gestalteten Band unbedingt.

„Mitte“ von Volker Kutscher und Kat Menschik ist am 07. Oktober 2021 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen. Für mehr Information zum Buch über Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder direkt auf der Verlagsseite.

2 Gedanken zu “Was nach Olympia ’36 geschah

  1. Lieber Stefan, vielen lieben Dank für den schönen Kommentar. Jason Lutes merke ich mir auf jeden Fall. Wir haben uns schon eingehender mit dem Berlin der Zeit damals beschäftigt, leben wir ja auch ein schon ein paar Jahre hier und stolpern immer wieder über Dinge, Orte, die wir dahingehend besser kennen möchten. LG, Bri

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  2. Was für eine wunderschöne Besprechung und auch gleichzeitig Würdigung der Reihe, Brigitte. Danke dafür! Ich habe mir das Buch auch vor kurzem gegönnt. Falls Dich das Berlin dieser Epoche per se interessiert, kann ich Dir auch das Graphic Novel „Berlin“ von Jason Lutes ans Herz legen. Bisher habe ich nur rein bzw. quergelesen, aber das hat gereicht, um die hohe Qualität zu erkennen. Ein Epos, für das ich mir demnächst unbedingt mal Zeit nehmen muss.

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