Freiheit über den Wolken

Zu „Wolkenkuckucksland“ von Anthony Doerr kam ich per Zufall. Ich kannte den Namen des Autors zwar, wusste auch, dass er bereits den Pulitzer-Preis erhalten hat, hatte aber noch nie etwas von ihm gelesen. Völlig unvoreingenommen machte ich mich also an diesen brachialen, über 500 Seiten fassenden Wälzer – und wurde mehr als reich belohnt!!

Seit Wochen las ich in Büchern quer, legte sie beiseite, fing Neues an, befand nichts für lesenswert, suchte weiter, fand nichts – bis dieser dicke Klopfer vor mir lag und mich aus meiner Leselethargie befreite! Juchu! Ein Hoch auf Herrn Doerr!

Doerr erzählt süffig, unterhaltsam und dennoch auf hohem Niveau, das ist eine wahre Kunst, denn oft bedeutet hohes Niveau komplizierte Schachtelsätze, anstrengende Satzkonstruktionen, verkopfte Gedankengänge. Doch hier haben Leser und Leserin Spaß und rutschen dennoch nicht in Trivialliteraturniederungen ab.

Auf verschiedenen Ebenen wird erzählt: Mal bewegen wir uns in der Zukunft, mal in der Vergangenheit, mal in der Gegenwart. Dazu kommen weitere Schichten, nämlich die unterschiedlichen Protagonisten. Wir begleiten sie in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens und bekommen so ein vollkommen abgerundetes Bild der Hauptpersonen.

Da wäre zuerst einmal die vierzehnjährige Konstance, die sich in einer Art Raumschiff befindet, offenkundig auf dem Weg zu einem besseren Planeten, der als Alternative zur Erde fungieren soll. Dann gibt es Zeno, einen alten Herrn, der mit Schülern und Schülerinnen in der Stadtbibliothek in Lakeport ein Theaterstück probt; den siebzehnjährigen Seymour, der mit einem prallvollen Rucksack in einem Auto vor der Stadtbibliothek sitzt und letztlich beschließt, hineinzugehen. Und dann wären da noch Anna und Omeir, die sich Ende des 15. Jahrhunderts im Dunstkreis von Konstantinopel über den Weg laufen, inmitten eines großen Durcheinanders aufgrund der Belagerung der Stadt.

All diese Erzählstränge und Zeitebenen werden zusätzlich untergliedert in Einheiten, denen jeweils immer Auszüge aus dem Originaltext von Antonios Diogenes‘ „Wolkenkuckucksland“ in der Übersetzung von Zeno Ninis vorangestellt sind. Diese Berichte der utopischen Stadt in den Wolken, die sich die Vögel als Zwischenreich gebaut haben, umgeben die gesamten Erzählungen wie ein Kokon. Das Wolkenkuckucksland ist Wunschort, Sehnsuchtsort und Lebenshilfe zugleich.

Klingt verwirrend? Keine Angst! Den Aufbau des Romans zu beschreiben, ist schwieriger, als die Geschichte tatsächlich zu lesen. Doerr gelingt es, all diese losen Stränge kunstvoll zusammenzuflechten – was anfangs unabhängig voneinander scheint, wird verwoben. Was die Gegenwart nicht erklären kann, wird durch die Vergangenheit aufgelöst und ergibt Sinn und selbst die Zukunft hat ihren Beitrag zur Geschichte zu leisten und dieser Strang ist noch überraschender als die anderen.

Ein buntes Potpourri wird uns hier vorgesetzt von Sinneseindrücken, von Situationen, Bildern, die heraufbeschworen werden und von Persönlichkeiten, die wir kennenlernen. Jeder dieser Erzähltstränge hat so viel Power, Sogkraft und Potenzial, dass man das Gefühl hat, mehrere Bücher in einem geschenkt zu bekommen. Dabei geschieht dies mit so viel Liebe und Sorgfalt, dass man sich immer kaum lösen kann vom jeweiligen Erzählstrang, immer gleichzeitig voller Ungeduld ist, den Fortgang der einen Geschichte zur Gänze zu erfahren, aber eben auch voller Angst, dass man sich unweigerlich mit jeder Seite, oh weh!, dem Ende des Romans nähert.

Selten hat mich ein Roman so überzeugt wie dieser. Selten haben mich die vielen Seiten so wenig abgeschreckt wie hier. Und selten bin ich so ratlos am Ende des Buches dagesessen, wohlwissend, dass mir wahrscheinlich für sehr lange Zeit kein Buch mehr einen solchen Lesespaß bereiten wird, wie dieses!

Ich kündige es ungern bereits Mitte Oktober an, aber: Es wird auch dieses Jahr wieder Weihnachten 😉 und hier ist Euer perfektes Weihnachtsgeschenk. Einfach gleich mehrere Exemplare kaufen, unterschiedlich verpacken, wahllos im Freundes- und Familienkreis verteilen – man kann nichts falsch machen damit!

Wirklich dringende Leseempfehlung!

„Wolkenkuckucksland“ von Anthony Doerr ist am 4. Oktober 2021 im C.H.Beck-Verlag als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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