Das Spiel mit den Genres

Den ganzen Vormittag schon schleiche ich um den PC herum, weil ich beim besten Wille nicht weiß, wie ich dieses Buch hier adäquat besprechen soll, denn es handelt sich um ein äußerst wunderbares, aber schwer zu beschreibendes Exemplar 😉

„Die Kunst des Verschwindens“ von Melanie Raabe ist mein erstes Buch dieser Autorin – viele werden sie aber bereits als versierte Krimischriftstellerin kennen. Und genau diese Erfahrung und Routine im Formulieren und Kreieren von Spannung machen es vielleicht aus, dass auch dieses Buch so soghaft zu lesen ist, als wäre es ein Krimi – was es aber nicht ist.

Raabe spielt äußerst gekonnt mit verschiedenen Genres, wir kriegen hier als Leser*innen sozusagen alles in einem: Roman mit kriminalistischen Anklängen, dabei Figuren, die so gut beschrieben sind und deren innere Tiefe so gut ausgelotet wird, dass es echte Psychogramme sind, eine Prise Fantasy ist hie und da auch zu erkennen, und dann gibt es auch noch so viele Aspekte und Ebenen, die bei jeder Person erzählt werden, hach, ich sag es ja: schwierig, das auf den Punkt zu bringen.

Wir werden direkt ins Geschehen geworfen, mitten auf die Bühne, wo Ellen gerade Titania spielt, die Gattin des Oberon im „Sommernachtstraum“ von Shakespeare. Spielt Ellen Titania? Nein, das trifft es eigentlich nicht, sie IST in dem Moment Titania und das ist auch schon ein Teil ihres Ichs: Sie spielt ihre Theater-Figuren nicht, sie lebt sie. Das macht sie äußerst überzeugend als Schauspielerin und begründet wohl mit ihren Erfolg, ist aber für sie als Mensch äußerst anstrengend.

Ellen stammt aus Deutschland, festigt aber ihren internationalen Schauspielerfolg gerade mit gefeierten Theateraufführungen in New York. Gleich im Anschluss an die letzte Darbietung steigt sie ins Flugzeug nach Berlin, nach Hause. Eine kurze Pause über den Jahreswechsel, dann Werbung machen für die neue Serie in Deutschland beim angesagten Streamingdienst. Ganz Berlin ist zugepflastert mit ihrem eigenen Konterfei, wie sie bemerkt, als sie ankommt.

Nico ist etwa gleich alt wie Ellen und Fotografin. Sie lebt in der Hauptstadt, hat einen Freund und betreibt ein kleines Fotostudio. Als sie mit Nasenbluten im Kiosk um die Ecke steht, ist es Ellen, die ihr Taschentücher reicht, ein paar nette Sätze sagt und wieder aus Nicos Leben verschwindet. Aber Nico ist baff, wie man das eben ist, wenn einem so etwas Unglaubliches passiert. Wieder zu Hause googelt sie ein bisschen über die erfolgreiche Schauspielerin, irgendwie ist sie fasziniert von dieser Frau.

Die Verbindungen sind gelegt, es kann losgehen 😉 Die beiden laufen sich noch ein paar Mal über den Weg, kommen länger ins Gespräch und an Silvester sind sie gar ein paar Stunden zusammen unterwegs. Eine merkwürdige Nähe ist zwischen ihnen, instinktiv ist Ellen klar, dass Nico ihr nichts Böses will, sie kann sich ihr von einer sehr sensiblen Seite zeigen. Um so wichtiger für Ellen, da sie durch ihr Berühmtsein auch übergriffige Fans hat, die die Distanz nicht mehr wahren können/wollen. Doch dann ist Ellen weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Zuerst vermuten die Medien einen genialen Werbegag dahinter, um noch mehr Aufmerksamkeit auf die anstehende Serie zu richten, doch allmählich wird klar, dass es nicht so ist.

Obwohl sie sich kaum kannten, rührt Nico Ellens Schicksal, sie fühlt sich ihr verbunden und sie braucht es für ihr inneres Gleichgewicht, nach ihr zu suchen.

Beide Figuren sind derart komplex angelegt, dass es jeden Rahmen sprengen würde, wollte ich beginnen, diese zu beschreiben. Jede von ihnen ist vielschichtig, hat eine Vergangenheit, die sie, wie es natürlich bei jedem Menschen der Fall ist, prägt und zu dem macht, was sie heute ist.

Spannend ist, dass sowohl Handlung als auch Charaktere auf gleichbleibend hohem Niveau geschildert werden und in allen Belangen überzeugen. Während man Nico bei ihrer Suche nach Ellen begleitet, kommen Bausteinchen für Bausteinchen neu dazu, Einblicke in die fernere und jüngste Vergangenheit erweitern den Blickwinkel und lassen Situationen, die man bereits miterlebt hat, plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen.

Das Buch hat viele Wendungen, mit denen ich nicht gerechnet habe, ich habe viele Situationen zuerst falsch aufgefasst, habe mit den Protagonist*innen ein weiteres Level der Erkenntnis erlangt, neue Einblicke bekommen, musste Urteile revidieren, die ich zuvor gefällt hatte.

Selten hat mich in letzter Zeit ein Buch so auf allen Ebenen angesprochen, wie dieses. Feingeistig, sprachlich gut, clevere und überraschende Dramaturgie, manchmal fast ein wenig übersinnlich, hochspannend und psychologisch versiert.

Wie mir dieser Roman, der im Oktober 2022 erschienen ist, durchrutschen konnte, ist mir unerklärlich und ich bin enorm froh, dass ich aufgrund einer nur zur Hälfte gehörten Radiorezension derart angefixt war, dass ich das Leseexemplar noch am selben Tag aus der Buchhandlung mit nach Hause genommen und das Buch atemlos an zwei Abenden inhaliert habe.

Ein Hoch auf solche Autoren! Chapeau! 🙂 8 von 5 Sternen 🙂

„Die Kunst des Verschwindens“ von Melanie Raabe ist am 13. Oktober 2022 bei btb als gebundenes Buch erschienen. Für mehr Infos zum Buch per Doppelklick auf das im Beitrag angezeigte Cover oder auf den Verlagsnamen.

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