Jesus und der Virus des Guten

Was habe ich mich gefreut, als ich den Klappentext gelesen habe: Jesus weilt in Berlin, der Roman soll starke satirische Elemente aufweisen, urkomisch sein und auch noch punktgenau LiebhaberInnen der russischen Literatur adressieren. Das schien genau in mein Beuteschema zu passen. Bedauerlicherweise wurden alle diese potenziellen Pluspunkte so gehörig an die Wand gefahren, dass es ein Drama ist. Die Geschichte verstößt fundamental gegen mein erstes Literaturgebot: „Du sollst nicht langweilen“. Eine Buchfreundin hat den Roman als dröge bezeichnet. Abgesehen davon, dass ich dieses deutsche Wort als Österreicherin selten verwende, trifft es den Nagel kurz und knackig auf den Kopf. Nun aber zur ausführlicheren Version meiner Kritik:

Zuerst habe ich die Schuld noch bei mir gesucht, denn ich habe zwar die unter LiteraturliebhaberInnen erforderlichen eineinhalb Meter Dostojewski, aber keinen Bulgakow gelesen. Als ich aber die Analogien, die ich kenne (Goethes Faust, Die Brüder Karamasow, Der Name der Rose), entdeckt habe, war ich erschüttert, wie oberflächlich diese durch winzige, irrelevante Szenen und Namedropping in Form von Figuren, die ebenso heißen wie ihre berühmten Vorbilder, auf den Plot gepfropft wurden. Nach einer intensiveren Rezensionsrecherche bin ich überzeugt, dass auch ein Großteil der Bulgakov-Kenner an dem Roman zu Recht kritisiert, dass die Bezüge zu schwach und die Figuren zu flach sind.

Die Figuren, und in dieser Geschichte ist nicht ein bisschen, sondern viel zu viel nutzloses Personal vorhanden, bleiben allesamt merkwürdig blass. Mischa und die Beziehung zu seinen beiden Freundinnen verstand ich bis zum Ende des Romans überhaupt nicht. Jeschua/Jesus ist überhaupt der urlangweiligste Protagonist, der völlig teilnahmslos durch seine Wiederkehr auf der Erde stolpert. Jeschua reflektiert keine Sekunde unsere heutige Zeit, was sicher sehr witzig gewesen wäre, wie im Roman Gott bewahre von John Niven nachzulesen wäre. Die einzige Wirkung und den Nutzen, den der wiedergekehrte Heiland hat, ist, dass er seine Umwelt alleine durch seine Anwesenheit dazu anstiftet, Gutes zu tun. Ich habe ja schon sehr oft vom philosophischen Konzept eines gleichgültigen Gottes gehört. Aber Gottes Sohn, der ja bekanntlich ein Mensch ist, war noch nie so gleichgültig gegen Seinesgleichen.

Der Autor kann sich in seinem Plot nicht fokussieren und führt nach und nach inflationär immer mehr Personal ein, das er dann total unambitioniert in ein bis zwei Absätzen abhandelt. Ja das Gute, das Jeschua in den Menschen weckt, ist ein Virus und befällt exponentiell viele Leute, diese Funktionskurve kennen wir seit Corona alle, aber da braucht man nicht gefühlte hundert Figuren anteasern und kurz abfertigen, um das zu demonstrieren. Da hätte der Autor durchaus mal bei Saramagos Stadt der Blinden  nachlesen können, wie man so einen Inhalt spannend und gut umsetzen kann.

Ach ja, die Antagonisten zu Gottes Sohn, unzählige Teufel und zwei Hexen, schwirren auch scharenweise durch die Handlung und zertrümmern dann restlos jegliche Spannung, denn sie geben durch kindische, oberflächliche Fantasy Elemente den Plot völlig der Lächerlichkeit preis. Versteht mich nicht falsch, eine tiefe, philosophische, intensive Auseinandersetzung zwischen Böse und Gut in Persona, werbend um den Menschen, fand ich schon immer spannend, aber hier findet gar nichts dergleichen statt. Und wie die adressierten LiebhaberInnen anspruchsvoller russischer Literatur mit dem kindischen Fantasygeplänkel zusammenpassen sollen, ist mir sowieso schleierhaft.

Zum Schluss als I-Tüpfelchen auf den Enttäuschungen serviert mir der Autor auch noch logische Lücken während eines Flächen-Stromausfalls in Berlin. Da gehen die Leute dann einfach ins Internet, um die Gründe für den Blackout zu recherchieren. Hallo! Stromausfall in einigen Bezirken Berlins! Die vorhandenen Generatoren werden in so einem Fall gebraucht, um die Notfall-Radio, -Funk und die Notfall-Telefoninfrastruktur aufrechtzuerhalten, um Notrufe der Bevölkerung und die Blaulichtorganisationen abwickeln zu können. Google und das Internet sind das erste, was in so einem Fall nicht funktioniert und abgedreht wird, um die dringend notwendige Infrastruktur zu schützen.

Fazit: Leider diesmal ein Totalverriss! Viele Versprechungen nicht eingelöst: flache Figuren, langweilige, sprunghafte Handlung ohne Ziel und Botschaft. Ich kann mir eigentlich gar nicht vorstellen, wer überhaupt Freude an diesem Werk haben könnte. Aber vielleicht irre ich mich und da finden sich doch noch ein paar Fans da draußen in den unendlichen Weiten des Leseuniversums.

Mischa und der Meister von Michael Kumpfmüller ist im Verlag Kiepenheuer&Witsch als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

6 Gedanken zu “Jesus und der Virus des Guten

  1. @Bri genau, später gibt es Versorgung, aber zum Zeitpunkt wenn der Strom ausfällt, kann man auf keinen Fall die Ursachen dafür googeln

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  2. Also wir hatten ja vor ein paar Jahren Stromausfall recht flächendeckend. Da wurden dann an bestimmten Stellen Busse mit Generatoren aufgestellt, damit man Handys laden könnte, aber halt erst später … LG

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  3. OMG! Das trifft es (LEIDER!) in allen Punkten! Ich glaube, das mit dem „dröge“ war ich, oder? 😉
    Ich habe auch 2/3 des Buches den Fehler bei mir gesucht, im letzten Drittel habe ich nur noch überblättert, um wenigstens das Ende zu erfahren. Gääähn! Ich hatte eine begeisterte Radiobesprechung dazu gehört und frage mich wirklich, wie es dem Herrn (oder der Dame, ich erinnere mich nicht mehr!) gelungen war, daran Gefallen zu finden. Ich habe tatsächlich vor 20 Jahren Bulgakow gelesen und gefeiert, aber das hier hat mir nur ein müdes Lächeln auf die Lippen gezaubert. 1 von 5 Sternen, weil der Autor sich sicher Mühe gegeben hat, als er das schrieb und auch sonst sympathisch wirkt, aber mehr auch nicht.

    Gefällt 2 Personen

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