Es ist, was es ist, sagt die Liebe

Neuerdings gibt es zwei Lager in unserer Buchhandlung, der neue Arenz „spaltet“ uns. Das klingt jetzt dramatischer als es ist, aber tatsächlich finden es gleich viele Leute bei uns gut, wie es Leute nicht so gut finden. Einig sind wir uns immerhin darin, dass Ewald Arenz gut schreiben kann und dass selbst ein Buch, das ein Teil von uns „nicht so toll“ findet, immer noch ein ziemlich gutes Buch ist, denn: Es ist ja von Ewald Arenz.

Worum geht es also in aller Kürze? Clara und Elias verlieben sich Knall auf Fall ineinander, völlig ungeplant, in einer eher unromantischen Situation. Beide sind keineswegs auf der Suche, eher im Gegenteil, denn Elias ist in einer Beziehung (zwar eine, an der er sowieso zweifelt, aber dennoch) und Clara Witwe und sie hat aufgrund des frühen Todes ihres Mannes die Nase voll von und vor allem sehr viel Angst vor der Liebe. Außerdem steht sie gerade an einem Scheideweg, denn sie wurde frisch wegrationalisiert in ihrem alten Job und muss sich nun neu definieren – als freie Fotografin arbeiten oder doch eine Festanstellung suchen?

Zeit oder Nerven für eine neue Beziehung haben eigentlich beide gerade nicht. Und trotzdem fällt ihnen diese Liebe vor die Füße und sie greifen zu. Sie entscheiden sich ganz klar füreinander und genießen diese überbordende Freude und Lust im ersten Stadium der Liebe. Es ist so leicht mit ihr – schwärmt Elias irgendwann einmal, denn wirklich, die beiden scheinen fast zwei Hälften zu sein, die zusammen ein Ganzes ergeben: Sie verstehen die Gedanken voneinander, sie nehmen einander wirklich wahr, sie fragen nach, sie wollen den anderen verstehen, sie reden die gleiche Sprache – manchmal scheint es wie ein (gutes) Tennisspiel, wenn sie einander die verbalen Bälle zuspielen. Und beide sind künstlerisch veranlagt – sie Fotografin, er Schauspieler.

Doch dann kommt es, wie es muss: Der Alltag platzt mit voller Wucht in diese große Liebe hinein. Denn anders als bei den meisten Liebesromanen ist dieses Pärchen nicht ein junges, ungebundenes, sondern eines mittleren Alters (er sogar ein bisschen jünger als sie), was hier gleichbedeutend mit bestehenden Verpflichtungen ist. Er hat eine Teenager-Tochter aus einer allerersten Beziehung, die bei der Mutter lebt, deretwegen er aber in genau dieser Stadt wohnt und arbeitet; sie hat eine demente Mutter, ein Haus, das sie loswerden will, da es das Zuhause ihrer alten Beziehung war, und eine unsichere Arbeitssituation. Zwischen alter Beziehung, dem Vatersein, dem Kümmern um die alte, kranke Mutter und der Suche nach einem neuen Job scheinen die beiden schnell vom Kurs abzukommen und dann passieren plötzlich Dinge, die dramatischer nicht sein könnten, und plötzlich geht es nicht mal mehr nur um Liebe oder nicht Liebe, sondern um Leben und Tod.

Ich bin ganz klar im „Pro-Arenz“-Lager unseres Teams und kann sagen, dass es ein Buch ist, das mich angerührt hat, das unglaublich schöne Passagen enthält und das viel Lebenskluges und -weises beinhaltet. Die Idee, nach vielen wahnsinnig guten Büchern über das Erwachsenwerden in den letzten Jahren (wie „Blackbird“ von Brandt, „Hard Land“ von Wells und „Der große Sommer“ von Arenz) auch mal ein Buch über eine Liebe in der Mitte des Lebens zu schreiben, über zwei Personen, die ihre eigene Persönlichkeit nicht erst finden müssen, sondern bereits gefunden haben, weil sie schon mitten drin sind in ihrem Dasein, das ist eine gute Idee. Dabei werden viele Themen aufgegriffen, die die Realität abbilden, nichts wird romantisiert oder geschönt.

Aber – und ja, das gibt es auch aus dem Pro-Lager: Was mich persönlich getriggert hat, waren die inneren Monologe, diese transkribierten Selbstgespräche. Wenn sich Clara und Elias in ihrer Kennenlernphase gut unterhalten, wird das innerlich, in Gedanken, immer kommentiert. Das ist manchmal clever, manchmal gänzlich überflüssig und hat mich extrem im Lesefluss gestört. Warum, habe ich mich gefragt, macht das Arenz? Er hat das Talent, jeder Figur seiner Bücher eine individuelle Stimme zu geben, warum muss er Dialoge dann erklären? Wenn zwischen zwei Menschen die Luft knistert, die Anziehung förmlich greifbar ist, warum muss er es dann noch explizit dazuschreiben? Das hat er doch gar nicht nötig.

Und dann gibt es noch den kleinen Kritikpunkt der Eitelkeit, ohne ihm zu nahe treten zu wollen, glaube ich, dass hier auch etwas von Ewald Arenz selbst drinsteckt, was ihm persönlich sehr wichtig ist: Wie oft wird erwähnt, dass Clara ’sich nie hatte gehen lassen‘? Wie oft wird erwähnt, dass sie sehr gut ‚in shape‘ ist? Wie häufig wird auch erwähnt, dass Elias ein drahtiges, gutaussehendes Kerlchen ist?

Natürlich liest es sich schöner, wenn man beim Lesen und beim eigenen Kopfkino wunderhübsche Menschen vor Augen hat, aber wäre es der Geschichte so abträglich gewesen, diese Personen gar nicht weiter physisch zu beschreiben? Ist es wichtig, dass sich Clara morgens was-weiß-ich-wie-lange in der Planke halten kann? NÖ! Ich hätte sie auch mit schwabbeligen Oberarmen gemocht.

Fazit: „Die Liebe an miesen Tagen“ ist nicht Ewald Arenz‘ allergrößter Wurf, aber es ist ein gutes Buch. Die Geschichte fesselt einen, sie hat mich angerührt, mitgenommen und gut unterhalten. Greifen Sie also unbesorgt zu, bilden Sie sich ein eigenes Urteil und entscheiden Sie selbst, ob Sie das Buch richtig dolle mögen oder eher nicht so sehr. Richtig viel falsch machen, können Sie dabei nicht 😉

„Die Liebe an miesen Tagen“ von Ewald Arenz hat heute, am 16. Januar 2023, offiziellen Ersterscheinungstag, geistert aber bereits seit Ende letzter Woche in sämtlichen Buchhandlung herum. Erschienen ist es bei Dumont. Für mehr Infos zum Buch per Doppelklick auf das im Beitrag angezeigte Cover oder auf den Verlagsnamen.

3 Gedanken zu “Es ist, was es ist, sagt die Liebe

  1. Ich finde ja nach wie vor , dass alte Sorten sein allerbestes Buch bisher ist. Und natürlich bin ich seit meiner Zeit bei ars vivendi, seinem „Heimatverlag“ im Pro-Arenz Lager … solidarische Grüße

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