Sibylle Berg hat also zu ihrer beißenden Dystopie GRM Brainfuck mit RCE einen zweiten Teil geschrieben. Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende erzählt, denn das Finale in Form von Roman Nummer drei ist schon in der Warteschlange.
Ein paar Sachen muss ich anlässlich meiner Buchkritik gleich voraussenden, denn die Umstände helfen, meine Bewertung besser zu verstehen. Ich habe GRM gar nicht gelesen, bin also bezüglich der Reihe sehr jungfräulich, deshalb war ich auch nie enttäuscht, weil ich beim Lesen von RCE automatisch Vergleiche zum Vorgängerroman angestellt habe. Ich habe aber jene Interviewsammlung von Sibylle Berg in Form eines Buches namens Nerds retten die Welt genossen, das sich als Nebenprodukt ihrer Recherche zu diesem Roman ergeben hat. Die Reportage kann ich bis auf die letzten drei bis vier Interviews wärmstens empfehlen.
Zudem fallen die Rahmenbedingungen des dystopischen Szenarios von Berg in mein universitäres Fachgebiet IT, Industrie 4.0, Digitalisierung, Bots, Social Scoring Systeme, Sensorüberwachung, Predictive Software, etc… . Als Wirtschaftsinformatikerin bin ich mit meinem Wissen und meiner akademischen Ausrichtung vollumfänglich angesprochen, denn auch Makroökonomie, Geldpolitik, Banken, Wirtschaft, Gesundheitsökonomie, Nachhaltigkeit und vieles mehr werden punktgenau und total schlüssig in der dystopischen Zukunft konzipiert. Das hat mich am meisten umgehauen und begeistert an diesem Roman, wie gut Berg recherchiert hat und wie großartig genau sie auf Basis Ihrer Ergebnisse der Gespräche mit Wissenschaftlern die dystopischen Zukunftsszenarien bis ins letzte Detail geplant hat. Das ist wirklich genial.
Zugegeben, literarisch und stilistisch ist der Roman absolut grenzwertig, ich kann jeden verstehen, der veritable Probleme damit hat. Da gibt es enorm viel und Verwirrung stiftendes Figurengewusel, die inflationär auftretenden handelnden Personen werden nicht ausführlich literarisch skizziert, sondern gemäß effizienter Informationstechnologie mit knappen Merkmalen in Schlagworten beschrieben, wie zum Beispiel: Vermögen (Platz in der Forbes Liste, geerbt aber nicht hoch, keines), Beruf, sexuelle Orientierung, politische Ausrichtung, Hobbys, Gefährderstatus, Aggressionslevel, Gesundheitsstatus, Stimmung und durch andere Faktoren, die eine Person ganz schnell für ein IT-System skizzieren und digital verarbeitbar machen. Durch diesen technokratischen Stilgriff geht sehr viel Tiefe in der Figurenentwicklung verloren. Zudem strukturiert Berg ihren Roman überhaupt nicht, es existieren keine Kapitel, keine Absätze die ganze Handlung ist ein einziger Bandwurm und Aneinanderreihung von Aktionen von sehr vielen Personen, die dann letztendlich schon eine Handlung in dieser dystopischen Zukunft ergeben, nämlich jene, dass eine Revolution vorbereitet wird.
Als Nerd, Geek, oder wie Ihr mich nennen wollt, bin ich dennoch schwer begeistert. Nämlich, wie detailgenau und konsistent diese dystopische Zukunft geplant ist. Da passen jede Technologie, jede Strategie, alle Player und auch der Weg, den diese Welt von der derzeitigen Situation in die Zukunft genommen hat. Das beschriebene Universum in seinen Zillionen Aspekten wurde mir nie langweilig.
Alle derzeitigen schlechten Auswirkungen des Turbokapitalismus, der ökologischen Krise und des Klimawandels, der Digitalisierung, der Demokratiekrise, der fatalen Zustände im Gesundheitswesen und der Wirtschaft haben sich fortgeschrieben, verschärft und für die neunzig Prozent, der nicht reichen Bevölkerung zu einem Alptraum entwickelt. Es gibt kaum mehr Arbeit außer im IT-Bereich, Europas Städte sind verödet, viele Leute leben auf der Straße, denn die Wohnungen wurden von reichen Immobilenspekulanten enteignet und entmietet, der verbleibende dürftige Mittelstand gibt sich klimafreundlich, hungert und friert in den letzten gemieteten Miniwohnungen, respektive Löchern, für den Planeten. Alles Vermögen ist weltweit auf ein paar Firmen und Superreiche konzentriert, die die Politiker schmieren und sich alle Gesetze gekauft haben.
Die Oberschicht in ihren vielen gesammelten Luxusdomizilen kümmert der Planet überhaupt nicht, sie schwelgen in Luxus und sie wollen nur noch mehr Geld scheffeln. Gesetze und Menschlichkeit gelten für die Upper-Class nicht, Korruption und der Bruch der letzten legalen Normen sind an der Tagesordnung, weil sie es können. Asozial anstatt Geiz ist das neue Geil.
Die Mittel- und Unterschicht vegetiert dahin, auch die Gesundheitsversorgung wurde mittlerweile dem Kapitalismus geopfert, die armen Leute sterben wieder an kleinen Krankheiten wie im Mittelalter wie die Fliegen, weil sie es nicht wert sind, versorgt zu werden. Die Lüge der Selbstoptimierung der Mittelschicht hat ihren Höhepunkt erreicht, wer krank wird, sei es durch Umwelt oder andere Einflüsse ist selbst schuld. Die Lebenserwartung ist massiv gesunken, aber das ist ja gut so, dadurch hat sich die Weltbevölkerung drastisch reduziert, was dem Planeten eine kleine Verschnaufpause verschafft und den Reichen noch mehr Geld in die Kassen spült. Die permanente Krise als Gelddruckmaschine für die oberen Zehntausend.
Der graue Himmel, die Autokolonnen, die überfüllten Krankenhäuser, die Verblödung der Menschen durch unbrauchbar gemachte Gehirne, die Bereitschaft aller, einander zu töten, sofort. Das waren die Verdienste der Rüdigers, die mit jedem Arbeitstag damit beschäftigt sind, das Aussterben aller Lebewesen zu erreichen, und denken, sie wären nicht mitgemeint.
China und ein paar andere Länder haben mit autokratischen Regimes auf die Umweltbedingungen reagiert, diese Länder werden aber nur am Rande erwähnt und nicht genauer betrachtet. Auch in Europa und den USA bestimmen quasi nur noch Oligarchen das Geschehen, die sich unter dem Deckmantel einer völlig ausgehöhlten Demokratie, Medienmanipulation und gekauften Politikern alles leisten können. Afrika ist mittlerweile wahrscheinlich völlig entvölkert, aber das kümmert nicht mal die Unterschicht in Europa, denn das ist so weit weg. Währenddessen werden die Massen mit populistischen und rechtsradikalen Parteien, Aufforderung zur gegenseitigen Denunziation und durch die Bildung von Feindbildern und Medienmanipulation abgelenkt.
So wird in jedem Aspekt mit vielen Figuren, die im Stakkato wechseln, das Szenario dieser apokalyptischen Zukunft in der westlichen Hemisphäre gestaltet. Nach und nach kristallisieren sich aus diesem Menschengewusel die Protagonisten heraus, nämlich jene Gruppe von jungen Leuten, die schon in GRM eine Revolution geplant haben, die gescheitert ist. Nun wagen sie einen neuen Anlauf, versuchen aber, in die Planung des neuen Umsturzes auch die menschlichen psychologischen Faktoren einzubauen, deren mangelnde Berücksichtigung ihr letztes Vorhaben zum Scheitern verurteilte. Minutiös und unter sehr gefinkelten Sicherheitsvorkehrungen wird eine große Medienmanipulation geplant, sehr kreativ das Geld von den Reichen für das Vorhaben abgezweigt und noch viele andere Faktoren berücksichtigt. Die jungen Menschen wenden das System der Reichen und der Firmen gegen sich selbst. Das wurde logisch so durchdacht, dass es eine Freunde ist und stimmt mich auch optimistisch, dass diese zukünftige Welt trotz aller Probleme noch nicht verloren ist. Wie die Geschichte nach dem Zusammenbruch des Systems weitergeht, wird dann wohl der dritte Band verraten. Denn die Revolution endet ja nicht mit der Entmachtung der Mächtigen, sondern mit dem Aufbau einer neuen Gesellschaft. Ich bin gespannt.
Fazit: Der Roman verstößt literarisch gleichzeitig gegen so viele Regeln, dass er recht weit weg von handwerklich gut gemacht ist. Die Ausgestaltung von Bergs Universum ist aber durch seine grandiose Konzeption und Detailverliebtheit traumhaft gelungen, in einer Qualität wie ich es vorher bis auf Tad Williams virtuelle Otherland-Welten noch nie gelesen habe. Dadurch kommt RCE aber extrem spröde und technokratisch rüber. Fragt sich halt, ob man über die schriftstellerischen Schwächen hinwegkommen kann. Ich habe die Geschichte sehr genossen, gebe aber meine Lese-Empfehlung eher für Nerds ab.
RCE – #Remote Code Execution von Sibylle Berg ist im Verlag Kiepenheuer&Witsch als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.
@Alexander Carmele ich fürchte heuer wird das nix mehr mit diesem Roman von der Berg, denn bei mir stehen derzeit schon 34 Bücher auf der Autorinnen-to-read-Liste, von denen ich zwar 24 schon gelesen habe, aber die bestellten Herbstexemplare fehlen auf der Liste noch völlig. Der Berg Roman wird wahrscheinlich bei mir ein Projekt für nächstes Jahr. Wäre aber fein, wenn Du mir hier noch antwortest, wie es Dir gefallen hat, wenn Du es wirklich dazwischenschiebst. Danke
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Ich habe das Buch auf ergattert, aber noch nicht gelesen. Es lohnt sich sicherlich, ist ja auch nicht so ein Brocken wie RCE. Ich habe nur ihre ersten Romane gelesen, danach legte ich eine ziemlich lange Pause mit Prosa-Lesen ein. Aber Danke für den Anlass, mich nochmal auf dieses Buch einzulassen, vielleicht schiebe ich es zwischen all den anderen Lektüren tolldreisterweise ein 🙂 Mit deiner Analyse hast du es sehr gut getroffen. In meiner Brust schlagen halt mehrere Herzen … und das eine oder andere kam bei RCE nicht so auf seine Kosten. Bin gespannt wie dir „Vielen Dank für das Leben“ gefällt!
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@Alexander Carmele Danke für das Lob der Ausgewogenheit, das ist mir immer besonders wichtig, dass meine Rezis so rüberkommen. Ich gebe Dir Recht, dass für Nerds wie uns eine noch nerdigere Version mit technischen Beschreibungen im Detail noch spannender gewesen wäre, aber gebe auch zu bedenken, dass dies die Zielgruppe für den Roman wahrscheinlich noch viel mehr bis in den Mikrobereich eingeengt hätte. Etwas über die Schlagworte und die Prozesse hinausgehendes mit den technischen Details, dann hätten wahrscheinlich 90% der Leser gar nix mehr mit dem Inhalt anfangen können, sie hätten nur Bahnhof verstanden und hätten ab den 90ern ab dem ISO-OSI-Modell (seit den technischen Grundlagen des Internets) alles nachlernen müssen. So haben viele zumindest die Schlagworte schon gehört und können damit wenigstens irgendetwas anfangen, wenn sie auch nicht genau wissen, wie so etwas wirklich funktioniert. Quasi ein Blackboxmodell, in dem die detaillierte Verarbeitung ausgeblendet wird. So bleibt, wie Du schon so treffend formuliert hast, dieser von Berg konstruierte Zwitter-Text und Plot übrig, dem Zielpublikium und dem Romanleser geschuldet.
Ich werde sicher auch noch weitere Bücher von Berg lesen. GRM steht noch auf meiner Wunschliste, den Folgeroman muss ich sowieso haben. Weiters habe ich unlängst auf einem Flohmarkt „Vielen Dank für das Leben“ von der Autorin erstanden. Kennst Du das? Keiner meiner Buchfreunde hat das bisher gelesen.
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Das ist eine sehr ausgewogene Besprechung, die mir zu lesen viel Spaß bereitet hat, teilweise mehr als Bergs Text selbst. Ich finde das Fazit sehr treffend. Ich mag Bergs Intensität in ihren Glossen, und auch ihre früheren Romane, wo sie sich durchaus krass ins Subjektive geworfen hat. Die Technologie, finde ich, bleibt ihr sehr fern. Dies kommt stark durch, wo sie sich wagt, mehr als nur Schlagworte von Algorithmen, Prozessen, und elektrotechnischer Versorgung aufzuschreiben. Hier hätte ich mir viel mehr gewünscht, mehr übers Hacking, wie Sicherheitslücken ausgenutzt, auf welche Kommunikationskanäle ausgewichen wird etc … also mehr produktionsästhetisch, mehr wie die Nerd das, was ihnen gelingt, auch hinbekommen haben. Na ja, ich gehöre ja auch irgendwie zu diesen Nerds, und ich fand, deren Arbeit/Wissen/Technik/Handwerkskunst kam nicht wirklich zu tragen. So ist es ein Zwitter – aber vielleicht sollte der Text dies auch sein. Ich werde auch das nächste und auch übernächste Buch von ihr lesen, selbst wenn sie scheinbar der Literatur den Rücken gekehrt hat. Fröhliche Grüße!
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