Von der Fremdheit in der Wahlheimat

Psychologisch feinsinnig zu schreiben, klug zu beobachten und unaufgeregt darüber zu berichten, das schaffen nicht viele Schriftsteller – aber Ayelet Gundar-Goshen schon.

Vielen ist sie bereits durch „Löwen wecken“ oder „Lügnerin“ ein Begriff, manche werden sie, wie auch ich, erst mit ihrem neuesten, gerade erschienenen Buch für sich entdecken.

„Wo der Wolf lauert“ heißt im Original „Relocation“, also Umsiedlung oder Umzug. Der deutsche Titel ist im Endeffekt nur ein Teilsatz einer kurzen Anekdote, die im Verlauf des Buches erwähnt wird – und doch passen beide Titel sehr gut.

Eine Ehepaar aus Israel ist in die USA gezogen, zum einen, weil der Ehemann Michael einen guten Job in Aussicht hatte, zum anderen, weil sie wollten, dass das Kind nicht in einem Land aufwachsen muss, in dem kriegähnliche Zustände herrschen. In Israel hat Lilach nämlich ihr erstes Kind tot zur Welt gebracht, weil sie aufgrund einer Explosion eine Frühgeburt erlitt.

Entsprechend behütet und wohl umsorgt wächst Adam, der Zweitgeborene, nun im Silicon Valley auf, wo es der kleinen Familie an nichts fehlt: Erfolgreich, wohlhabend, in der dortigen Gemeinschaft wunderbar integriert, läuft alles in gewohnten Bahnen, bis sich erste Risse im „Amerikanischen Traum“ zeigen, als es in der Synagoge vor Ort einen Anschlag gibt, bei dem ein Mädchen ums Leben kommt. Die Angst, die die israelischen Juden scheinbar mit dem Umzug in die neue Wahlheimat ablegen konnten, schleicht sich zurück in ihr alltägliches Leben.

Der traurige Höhepunkt dieser neuen angstgeprägten Stimmung ist aber erreicht, als der introvertierte Adam ausnahmsweise auf eine Highschoolparty geht, zu der er erstaunlicherweise eingeladen ist, auf die er aber überhaupt keine Lust hat. Sein Vater drängt ihn jedoch so lange, bis er klein beigibt und sich zu der Feier quält. Im Lauf des Abends erhalten die Eltern einen Anruf ihres verstörten Sohnes, der ihnen mitteilt, dass er abgeholt werden möchte, da auf der Party jemand ums Leben kam.

Ein Mitschüler Adams ist tot – war es ein natürlicher Tod, waren Drogen im Spiel – und wenn ja, hat er sie freiwillig genommen oder hat ihm jemand eine Überdosis in den Drink gemixt?

Der tote Junge ist ein schwarzer Junge namens Jamal, er war Anhänger der „Nation of Islam“, die bis heute auch antisemtische Standpunkte vertritt.

Je mehr Lilach versucht, herauszubekommen, inwiefern Adam und Jamal in Verbindung standen (denn Adam redet nicht viel), welche Rolle das Judentum bei all dem spielt, ob es hier um rein schulische Interna oder um gesellschaftlich weiterreichende Themen geht, desto entwurzelter und fremder fühlt sie sich in Kalifornien. Ihre heimatlichen Kontakte befeuern mehr ihre Befürchtungen, als dass sie ihr helfen würden, sachlich auf die Vorfälle zu schauen.

Immer fester scheint sich das feingewobene Netz um Lilach und ihre Familie zuzuziehen – Anschuldigungen gegen Adam werden laut. Hat er etwas mit dem Tod Jamals zu tun – und welche Rolle hatte Jamal zuvor in Adams Leben?

Einzige Rettungsanker für den zurückhaltenden Adam in diesem emotionalen Chaos sind sein Hund Kelev, den er vor Jahren vor einer Horde brutaler Jugendlicher gerettet hat, und sein Selbstverteidigungskurs bei Trainer Uri.

Je mehr sich die Frage aufdrängt, ob Adam Jamal auf dem Gewissen hat, desto stärker tritt Uri in Erscheinung und wird allgegenwärtiger Helfer der Familie Schuster. Und dennoch wird Lilach das Gefühl nicht los, dass Uri etwas Merkwürdiges an sich hat – von seinen äußerst rohen Trainingsmethoden, die er den Kindern beibringt, mal ganz abgesehen … ein psychologisches Katz-und-Maus-Spiel beginnt, bei dem man bis zuletzt nicht weiß, wer hier eigentlich wirklich gut und wer hier eher schuldbeladen ist.

Ein fulminantes Leseabenteuer, das einen nach kurzer Zeit komplett in seinen Bann zieht – psychologisch äußerst clever aufgezogen, berichtet Lilach aus der Ich-Perspektive und in einer Art Retrospektive auf die Dinge. Sie nimmt nichts vorweg, aber sie streut immer wieder Zweifel ein, die Lilach selbst in ihrer Gedankenwelt formt, und lässt einen so ratlos zurück – immer wenn man denkt, man hat eine Person in ihrem Kern erfasst, geht alles in eine andere Richtung.

So neu ist dieses Prinzip nicht, daher wundere ich mich, dass bei aller Freude über das Schreibtalent der israelischen Autorin Gundar-Goshen, nicht öfter eine Parallele zu Jodi Picoults Schreibweise gezogen wird. An ihren Stil hat mich das ganze Buch nämlich ständig erinnert. Auch Picoult lässt oft das Drama geschehen und rollt dann alles von vorne auf. Ähnlich diesem vorliegenden Band.

Daher rate ich allen, die Picoult mögen, Gundar-Goshen zu lesen – man kann es nur mögen, wie sie schreibt! Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Bitte lest auch Picoult! Wer ein unfassbar spannendes Buch mit einem Plot lesen möchte, der einen die Nägel abkauen lässt, bis sie fast bluten, dem sei von ihr „Neunzehn Minuten“ empfohlen. Es geht um einen Amoklauf in einer amerikanischen Schule …

„Wo der Wolf lauert“ von Ayelet Gundar-Goshen ist am 13. Juli 2021 erschienen im Verlag Kein & Aber. Mehr Informationen zu den Büchern und dem Verlag durch Klick auf das Cover oder den Verlagsnamen.

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