Nirvana ist gegessen, Virtualvana ist angesagt

Das Verspechen auf Unsterblichkeit in digitaler Ewigkeit nach dem Tod des Individuums, es geht mir dermaßen auf den Keks. Woher kommt diese Hybris? Diese Überschätzung der eigenen, kleinen, unwichtigen Persönlichkeit? Diese Urangst vor der Auslöschung und Auflösung. Uridee und Verkaufsschlagerheilsversprechen aller Religionen?

Haben die kritischen, aufgeklärten Menschen die naiv christliche, sich verzweifelt an die eigene Existenz klammernde Vorstellung von Himmel und Hölle überwunden, um jetzt in der virtuellen Endlosigkeit herumzuschwabern?

Aberglaube, Eigendünkel und Dummheit sind aus Homo Sapiens wohl nicht rauszufiltern.

Neal Stephenson nimmt sich der Thematik mit seinem seitenschweren Wälzer „Corvus“ an. Erkundet die Möglichkeit einer virtuellen Ewigkeit für die Toten. Ein wenig erinnert mich das an „Otherland“ von Tad Williams. Corvus als Otherland 3.0.

Wobei Stephenson an Williams herausragende Schreibe in keinster Weise rankommt.

Dabei ist Corvus nicht schlecht geschrieben. Doch Stephenson erzählt so ausufernd und fast völlig humorlos, dass sich die Geschichte zäh und elend liest. Sein Worldbuilding ist ab und an großartig! Mit sehr aktuellem Bezug, wie zum Beispiel Sophies Roadtrip nach dem College, der sie durch einen Teil Nordamerikas führt, in dem inkorrekte und unwahre Narrative das Leben der dort lebenden Menschen zusammen mit ihrer dogmatischen religiösen Einstellung bestimmen. Lynchen gehört hier zum „Geschäft“.

„Wenn man versuchen will, Menschen zu einer Veränderung ihres Denkens zu bringen, muss man ihnen eine Art Wertversprechen geben, und das ist bei diesen Leuten schwierig. „Warum gerade bei diesen Leuten? […] „Bronzezeitliche Hirten mögen gerademal eine Stufe über den Höhlenmenschen gestanden haben, aber sie waren zumindest realitätsbasiert.“

In diesem zukünftigen Amerika, das nicht weit von unserer Zeit entfernt liegt, können sich die Reichen und Gebildeten ihre Newsfeeds und die ihrer Kinder realitätsbasiert zusammenstellen lassen von bezahlten, je nach Portemonnaie auch real existierenden Menschen, die diese Inputs zensieren oder besser gesagt von Schwachsinn frei halten. (Eine tolle Geschäftsidee, um sie an Eltern zu verkaufen übrigens!)

Stephensons Vision einer virtuellen Totenwelt ist in Teilen fast schon poetisch zu nennen, streckenweise aber ausufernd langatmig und zudem in ihrer Weiterentwicklung höchst deprimierend. Abgesehen von den Highlights wie Dodges (zu Lebzeiten ein berühmter, reicher Spieleweltenentwickler) gescanntes Gehirn in dem PROZESS filetiert wird und mittels Rechnern wieder zum Leben erwacht und dabei berichtet, wie es sich anfühlt, aus Chaos mittels Wörtern eine neue Welt zu erschaffen. Das erzählt Stephenson wirklich beeindruckend. Ansonsten ist viel Geduld, Zähigkeit und Hintergrundwissen gefragt, um sich in diesem Roman einigermaßen wohlzufühlen. Viel zu oft verliert sich der Autor in lästigem aber teils doch sehr wichtigem Klein-Klein, um seine These zu untermauern, dass es abhängig von Charakter und Persönlichkeit sowie Kreativität, ist wie sich diese Welt entwickelt und gestaltet.

Short People creates short worlds.

So entwickelt sich in Corvus eine von innen wie außen stark umkämpfte Welt, die in meinen Augen keinerlei Existenzberechtigung hat, besonders weil sie reale Ressourcen verschlingt, die anderswo gebraucht würden.

Daher hinterlässt mich der Roman stark ambivalent. Die Charaktere, obwohl ausführlich skizziert und in Entwicklung, vermögen es nicht Anteilnahme zu wecken, die über das reine Interesse an der Weiterführung der Geschichte hinausgeht. Dabei gibt es immer wieder Passagen, die sehr gut erzählt sind, die Grundidee ist klasse und die Geschichte bietet viel Raum für eigene ethisch/philosophische  Überlegungen.

Hochgeladen in die Welt wird beispielsweise nur, wer über ausreichende Finanzmittel verfügt. Da wird mir als Atheistin sogar die christliche Lehre sympathischer, heißt es doch dort, dass ein Kamel eher durch ein Nadelöhr schlüpft als ein Reicher in den Himmel. In der Bitworld schaffen sich die Insassen ihre Hölle oder eine Art von Himmel fleissig selbst. Abhängig von ihrer geistigen Ausstattung. So manche/r wäre gänzlich tot sicher besser dran.

Unstrittig hat Neal Stephenson mit „Corvus“ ein großes Werk der Literatur geschaffen.  Unsterblichkeitswünsche und Wahn zu hinterfragen und dieses potenziell mögliche, plausibel erscheinende Szenario mit Bezug zu einer realen Welt lebender Individuen zu erschaffen, ist ein bewundernswert großer Coup.

Auch die Quest am Ende des Romans, in der die Welt der lebenden Toten vor wahnsinnigen Unterdrückern, Sektierern und ihnen stumpf folgenden gerettet werden soll, hat erheblichen Realitätsbezug. So hat mich zumindest das Ende ein wenig versöhnlich gestimmt, obwohl ich so entnervt war, dass ich die Quest ein wenig quergelesen habe, und tatsächlich war das Ende dann wie erwartet.

Neal Stephenson hat mich verloren, (außer er schreibt mit Nicole Gallard <linl Dodo<  noch einmal etwas zusammen) ein Autor, der so gnadenlos humorbefreit zäh und ausufernd schreibt findet vor meinem LeserInnenauge wenig Gnade. Corvus ist lesetechnisch oft eine Zumutung, obwohl es kaum intellektuelle Herausforderung bietet.

Eine Empfehlung* kann ich mir dennoch nicht verkneifen. Bisher habe ich nichts Vergleichbares zum Thema Unsterblichkeit, virtuelle Existenz gelesen, das Otherland an Aktualität überholt hat. Die angeschnittenen Themen sind zu faszinierend um Corvus nicht zu lesen. Daher wer es noch nicht kennt schnappt sich zuerst die Otherland Saga und widmet sich Stephenson danach.

*LeserInnen, die gern auf der Seite liegend lesen, sollten keine arthritischen Daumengelenke haben. Ältere MotorradfahrerInnen sollten besser gleich zum Buchstützkissen greifen. 😉

Corvus von Neal Stepehenson ist im Juli 2021 bei Goldmann in Übersetzung von Juliane Gräbener-Müller als Hardcover erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

2 Gedanken zu “Nirvana ist gegessen, Virtualvana ist angesagt

  1. Huhu!

    Das Thema ist wirklich total interessant und spannend und wird ja schon desöfteren (oder immer öfter) in Geschichten verwendet, zumindest im Ansatz.
    Von Stephenson kenne ich bisher nur „Error“, das ich streckenweise sehr gut, aber teilweise auch langatmig empfand. Erstmal hab ich aber Snow Crash von ihm auf der Leseliste, von dem Buch ist mein Bruder ein riesiger Fan. Allerdings die alte Ausgabe, denn ich hab gesehen, dass jetzt eine neu überarbeitete rauskommt. Was in mir immer wieder die Frage aufwirft, warum ein gutes Buch überarbeitet werden muss …

    Ich werd mir „Corvus“ auf jeden Fall merken, aber ob und wann ich dazu komme, mal sehen 🙂

    Liebste Grüße, Aleshanee

    Gefällt 1 Person

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