„And the world went white …”

Viele Wochen des vergehenden Jahres habe ich in einer anderen Welt verbracht, lesetechnisch. In einer zukünftigen Welt, in welcher Zeitreisen zu historischen Forschungszwecken möglich sind. Bücher ermöglichen uns jederzeit diese kleinen Alltagsfluchten und bei sehr guten Büchern ist das Auftauchen aus der Buchwelt Trauer auslösend. Ich trauere immer noch um die Welt der Dr. Madeleine Maxwell, einer Historikerin, deren Lebensgeschichte Autorin Jodi Taylor mit viel Esprit, Witz und wunderbarem englischen Humor derart liebevoll und detailreich ausgestaltet hat, dass ich die Reihe nach den ersten beiden auf Deutsch erschienenen Bänden unbedingt weiterlesen musste. Bisher sind 11 Hauptbände erschienen und da ich beim zweiten Buch den direkten Vergleich des Originals mit der Übersetzung hatte, war es ein größeres Vergnügen in die Originalsprache zu wechseln. Ich habe mich durch Taylors „Chronicles of St. Mary’s“ regelrecht durchgefräst.
Abenteuer, Geschichtliches, Action, Drama, Komödie, die Autorin lässt nichts aus und als ehemalige Verwaltungschefin der Bibliotheken von North Yorkshire County weiß sie davon zu berichten, wie eine derartige, wenn auch fiktive, Institution funktioniert. All ihre Charaktere sind lebendig, skurril, wachsen einem ans Herz und entwickeln sich mit jedem Band aufs Neue weiter.
Spektakulär sind die Wendungen, die Reihe entwickelt einen Sog, dem sich zu entziehen unmöglich ist, wenn Fantasy, Zukunftsromane und Geschichtliches mit dem eigenen Beuteschema vereinbar sind. Eine wirklich uneingeschränkte Empfehlung gilt daher für LeserInnen, die sowohl Jasper Ffordes Thursdaynext Series oder auch Douglas Adams mögen. Tatsächlich gibt es on top sogar noch eine Lovestory, die anfangs nicht sehr gelungen, aber kitschmässig erträglich, später akzeptabel und sogar bereichernd wird. Die kurzen Sexszenen wurden in den späteren Bänden besser, oder eher gnädiger, weil Jodi Taylor wohl einsah, dass sie den Platz und die Zeit mit detaillierten Beschreibungen der Vorgehensweise der Protagonisten doch lieber nur andeutet und freundliches Dunkel über die weiteren Vorgänge breitet. Immerhin waren sie relevant für Teile der Handlung und Figurenentwicklung, doch die zahlreichen literarischen Anspielungen sind eher ihr Metier als die sexuellen Eskapaden der Hauptfigur.

Diese ist ein schillerndes Fräuleinwunder voller Überraschungen, Pragmatismus und erfrischender Uneitelkeit, die lieber mit den Kollegen im Pub einen oder mehrere wegkippt. Ansonsten sind alle HistorikerInnen Teesüchtler, die „Mug of Tea“ überlebenssichernd, identitätsstiftend und notwendig. Es sind Nerds, die den LeserInnen hier vorgestellt werden. Begeisterte WissenschaftlerInnen, die nach ihren meist von dramatischen Ereignissen untermalten Beobachtungen historischer Ereignisse ihre geschundenen Körper in „Sick Bay“, dem gut ausgestatteten Krankentrakt des Instituts, auskurieren. Die Techniker, die für die Wartung und Sicherheit der Pods (das sind die Zeitreisemaschinen, aber nach dem Willen des Chefs dürfen sie so nicht genannt werden) zuständig sind, verbringen hier deutlich weniger Zeit, das Ärzte- und Schwesternteam ist aber auch bemüht, den Kliniktrakt von Patienten freizuhalten und dabei doch immer wieder überrascht, wie vielseitig begabt die ForscherInnen darin sind, sich verschiedene Krankheiten, Parasiten und Verletzungen zuzuziehen.

Leg dich nicht mit den Garderobieren und Schneiderinnen an und ebensowenig mit den Technikern und dem Security Team. Das musste die Time Police ebenso erfahren wie alle anderen Kontrahenten der St. Mary’s Crew. Und die Gegenspieler sind zahlreich. Max aber ist besonders gefürchtet. Sogar vom Chef, Direktor Bairstow, zumindest ihre Erklärungen zu Vorkommnissen, die so gar nicht hätten passieren dürfen und ihre unorthodoxe Art, damit umzugehen.

Jodi Taylors St. Mary’s Chronologie ist eine beeindruckende Abenteuer-Soap mit Ausflügen in die Geschichte, die mich öfter auf Wikipedia oder andere Seiten lotste, um Wissen aufzufrischen oder zu überprüfen, wie nahe die Autorin hier an der Geschichte blieb (sehr nahe, nicht umsonst wacht mit Mrs. Partridge, der persönlichen Assistentin von Direktor Bairstow und nebenbei Muse der Geschichte, eine unbestechliche Beobachterin über die Korrektheit der fiktiven Ausflüge, sei es nun nach Troja, Kreta, ins Zeitalter, als die großen Saurier die Erde bevölkerten oder zur ersten Ankunft der Menschheit in Europa. St. Mary’s war dabei. Und wie sie dort sagen, es war mir „An Honour and a Privilege“ 11 Bände mit dabei zu sein (Seit Kurzem ist klar, Band No.12 wird im Frühjahr 2021 erscheinen.)

Es ist eine Elend, St. Mary’s verlassen zu müssen, auch wenn zwei nette dicke Shortstory-Bände noch vor mir liegen (Das tun sie nicht mehr, sie waren herrlich, aber endlich … nur die Besprechung lag länger in der digitalen Schublade.). Naja eineinhalb mittlerweile, der schräge Humor und Max werden mir fehlen. Deshalb eine Warnung: Diese Reihe macht süchtig und verbessert keineswegs das gesprochene Englisch, ist aber das Kultereignis an Literatur *hüstel* für 2020 und nachdem das Jahr wirklich bescheiden ist, was kulturelle Vergnügungen angeht, ist Dr. Madeleine Maxwell unbedingt überlebensnotwendig.
Durch die Brille der Geschichte betrachtet, machen wir gerade einige kleinere Unannehmlichkeiten durch, so wir es schaffen, diesem herumgeisternden Mistvirus aus dem Weg zu gehen.
Wem gerade nach Abenteuern, Reisen und einer neuartigen Perspektive ist, sei diese Reihe wärmsten empfohlen.

Für mich ein absolutes Jahreshighlight 2020 und ein steter Freudenquell.
28 Dodos und den Award dazu.

Die Chronicles of St. Mary’s von Jodi Taylor sind bei Headline erschienen. Ihr findet sie schon, wenn ihr sie lesen möchtet. 😉


4 Gedanken zu “„And the world went white …”

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