Vorsicht vor dem Gullydeckel!

Dimitrij Kapitelmans „Eine Formalie in Kiew“ ist ein schmales Bändchen mit nicht einmal 200 Seiten und jeder Satz auf diesen wenigen Seiten sitzt. Herrlich leicht und locker liest sich dieser Bericht und transportiert doch so viel zwischen den Zeilen. Es ist eine Kunst, seine Leser*innen so luftig-schwebend durch Themen zu führen, die gewichtigen Inhalts sind. Denn so fluffig sich das Buch weglesen lässt, Kapitelman beschreibt darin seine Ambivalenz in Bezug auf seine zwei Heimaten – denn die Ukraine war die erste, die er mit seinen Eltern als Kontingentflüchtling gen Deutschland, seine irgendwann zweite Heimat, verlassen musste. Kapitelman hat in Leipzig studiert und spricht laut eigener Angaben mehr Dialekt als seine zuständige Ansprechpartnerin bei der Behörde. Dort aber muss er, als er mit knapp über 30 Jahren beschließt, doch auch noch auf dem Papier offiziell deutscher Staatsbüger zu werden, immer wieder hingehen und Dokumente, Belege und Nachweise bringen. Ein Spießrutenlauf, den auch Abbas Khider in seinem aktuellen Roman „Der Erinnerungsfälscher“ anschaulich beschreibt. Eine Besprechung zu diesem Buch gibt es hier nachzulesen.

Und so muss Kapitelman schließlich doch noch nach Kiew reisen, um eine Apostille zu besorgen und somit seine nötigen Dokumente für die Einbürgerung zu vervollständigen. Bei Wikipedia kann man in schönstem Fachdeutsch nachlesen: „Die Apostille ist die Beglaubigungs- oder Legalisationsform, die zwischen den Vertrags- oder Mitgliedstaaten des multilateralen Übereinkommens Nummer 12 der Haager Konferenz für Internationales Privatrecht im Jahre 1961[4] eingeführt wurde.“ oder wie es Frau Kunze in schönstem Sächsisch Herrn Kapitelman erklärt: „Doas ist die behördliche Beschdädiung einör behördlichen Beschdädigung von dar nächsthöheren’n Behörde.“

Also muss er sich aufmachen in die unbekannte erste Heimat, in der er sich schon deshalb unwohl fühlt, weil er gar kein Ukrainisch kann, sondern nur Russisch. Auf unwahrscheinlich charmante Weise entführt uns Kapitelman in die Hauptstadt der Ukraine, lässt Bilder im Kopf entstehen, die uns das Herz brechen, weil wir wissen, dass es jetzt dort, kaum ein halbes Jahr nach Erscheinen des Buches, bereits überhaupt nicht mehr so aussieht, wie er manches beschreibt. Dass Straßen, auf denen er entlangbummelte, bereits nicht mehr existieren. Diese Lesweise hatte Kapitelman natürlich nicht geahnt, als er das Buch 2021 herausbrachte, aber es ist eine Ebene, die in der Realität im Frühjahr 2022 mitschwingt, wenn man die Seiten verschlingt.

Zart, anrührend und melancholisch sind die Stellen, wenn er seine zerrütteten Familienbande beschreibt, wo man als Leser*in klar erkennt, wie sehr Kapitelman seine Eltern liebt, wie sehr sie ihn aber auch nerven durch ihr Festhalten an längst Überholtem, durch ihr merkwürdiges Verhalten, durch ihre mehr oder minder laut durchbrechenden Vorwürfe (vor allem der Mutter), wie deutsch er nun sei. Nicht nur einmal wirft sie ihm vor, dass er als Deutscher das ja nicht verstünde. Seine Zerrissenheit wird vor diesem Szenario noch deutlicher. Seine Liebe zur Mutter Vera wird vor allem in den Rückblenden spürbar, als sie noch in der Ukraine lebten, er nennt sie „Damals-Mama“. Besorgt sagt sie ihm bei einem Bummel durch die Straßen von Kiew: „[…]in diesem Land darfst du niemals auf Gullydeckel treten, hörst du? Du weißt nie, ob sie festgeschraubt sind, und dann fällst du rein und kommst nie wieder zu uns hoch! Versprich mir, dir das zu merken.“

Je weiter er sich von Deutschland entfernt und je mehr er in der Ukraine, auch zwischenmenschlich, ankommt, desto stärker wird die Verbundenheit zu seinen in Deutschland weilenden Eltern, sogar zu seiner Mutter, die ihn mit ihren über 10 sibirischen Waldkatzen in den Wahnsinn treibt.

Und dann, kurz bevor Kapitelman die erste Heimat mit der – ohne Bestechung erhaltenen – Apostille verlassen will, bekommt er einen schicksalshaften Anruf seines völlig desorientierten Vaters, der nach Kiew kommen will, um sich neue Zähne machen zu lassen. Die alten hat er nämlich verloren. Und je länger Kapitelman mit seinem Vater spricht, umso klarer wird, dass nicht die Zähne das Problem sind, sondern das Gehirn.

Kapitelman sieht sich also plötzlich einer komplett neuen Situation gegenüber: Statt nach Hause (Deutschland-Heimat) zu fliegen, muss er in der Ukraine bleiben, um seinem Vater bei Untersuchungen zu helfen, die dieser in Deutschland nicht mehr machen lassen kann, weil er vergessen hat, seine Krankenversicherung zu bezahlen. Das Damokles-Schwert „Demenz“ baumelt gut sichtbar über dem alten Herrn. Es stellt sich dann heraus, dass er in Deutschland – unbemerkt – mehrere Schlaganfälle hatte und da diese nicht sofort behandelt wurden, manche Bereiche seines Gehirns nun nur noch eingeschränkt arbeiten.

Nach und nach nähern sich Dimitrij und sein Vater Leonid und auch die widerspenstige Mutter Vera wieder an, es bleiben Narben zurück, aber das Leben geht weiter, irgendwann sogar als offizieller Deutscher mit Reisepass, der einen die Welt ohne Grenzen bereisen lässt.

»Ich weiß nicht, ob ich Kiew je wiedersehen werde. Und was dann noch übrig sein wird von dem, was es einst war.« hat Dmitrij Kapitelman angesichts der russischen Invasion in die Ukraine im Frühjahr 2022 gesagt. Dieser Satz schwebt nach dem 24. Februar 2022 bei jedem Satz des wunderbaren Buches mit und lässt einen sprachlos vor Wut und Trauer zurück.

„Eine Formalie in Kiew“ von Dimitrij Kapitelman ist 2021 im Hanser Verlag als Hardcover erschienen. Informationen zum Titel und dem Verlag durch einen Doppelklick auf das Buchcover oder den Verlagsnamen.

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