Schräger Trip auf Viennese Weed aka Bärlauch

Wahnsinn! Was für eine Vorstellungskraft und was für eine abgefahrene Fiktion! Wer schräge Geschichten so wie ich liebt, ist mit diesem „Stoff“ bestens bedient.

Zudem hat die Autorin das perfekte Timing für den Roman erwischt, denn nächste Woche dürfte es den ersten Bärlauch in den Auen Österreichs und Deutschlands geben. Ein neuartiger Pilz hat den wilden Bärlauch befallen, der in den Parks und Grünflächen von Wien überall wächst. Dieser tötet rund um die Stadt viele Menschen. Die Opfer nippeln abrupt ab, aber sie sterben wenigstens extrem glücklich mit einem Lächeln auf den Lippen. Wer ein Gericht mit dem kontaminierten Bärlauch, nun Viennese Weed genannt, isst, kann mit einer hundertprozentig tödlichen toxischen Wirkung rechnen. Die Biologen haben eine extrem starke psychodelische Wirkung des Pilzes beim Verzehr festgestellt, die innerhalb von wenigen Minuten zuerst zu unglaublichen Glücksgefühlen und tiefen Lebenserkenntnissen und gleich anschließend zu einem völligen Atemstillstand führt.

Da einige Menschen ja in den heutigen Zeiten schwer davon abzuhalten sind, den Darwin Award zu gewinnen, stürmen Massen die Grünflächen und die Wälder rund um Wien, um die tödliche Pflanze zu sammeln. Staatliche Notmaßnahmen gegen den Massenselbstmord, wie die Absperrung der Wälder und das Verbrennen der befallenen Pflanzen helfen wenig, denn die Leute wollen überhaupt nicht vernünftig sein, die Rettungsdienste und Leichentransporte sind hoffnungslos überfordert, die unzähligen Toten einzusammeln. Zudem ist gar nicht klar, ob es sich immer um Selbsttötungen oder um Irrtümer handelt, denn die Hemmschwelle zu einem Mord dürfte auch plötzlich stark gesunken sein, wenn sich der Täter sicher sein kann, dass das Opfer schnell und glücklich stirbt.

Hier wird nun im Plot ein wundervoller Bogen zur Kritik an den Coronamaßnahmen und den damit einhergehenden Verschwörungserzählungen geschlagen. Die Handlung spielt in naher Zukunft, nachdem wir das Coronavirus in den Griff bekommen haben. Das Volk wehrt sich nun erneut gegen diese unmögliche staatliche Bevormundung: Man wird sich doch noch sein Essen günstig selbst beschaffen können, solche Aktionen nutzen der Tiefkühlindustrie, mit der der korrupte Staat unter einer Decke steckt, die Regierung will die Leute von den Wäldern fernhalten, um sie fett und unfit zu machen … , solche und andere Verschwörungserzählungen kursieren in der Stadt. Natürlich gibt es auch genügend wundervolle Seitenhiebe auf rechte Parteien gleichzusetzen mit der österreichischen FPÖ und der deutschen AFD, die sich selbstverständlich wieder an die Spitze der Protestbewegung gesetzt haben und das neue Problem sofort wieder gemäß ihrer Agenda mit Grünen Bashing, Klimawandel und Flüchtlingskrise in total bekloppte Zusammenhänge bringen.

Die wahnwitzigsten Aktionen im Plot stellten aber die religiös motivierten Verschwörungsschwurbeleien und die angeworfene Propagandamaschinerie in Form von TV-Diskussionen dar, die vor allem durch eine kleine Spitze auf den österreichischen Sender ServusTV gar köstlichst in die Geschichte eingebaut wurden. Da faseln dann alternative Experten etwas vom neu definierten Verhältnis zum Tod.

Die Menschheit ist die gefährlichste Krankheit des Planeten. In diesem Kontext wird Viennese Weed quasi als letztes freundliches Angebot der geknechteten Natur betrachtet, die sich der Menschheit auf die eine oder andere Art entledigen muss, wenn sich nicht rasch etwas ändert.

Die Abschaffung des Todes – tatsächlich ein sehr zeitgemäßer Gedanke! Der Narzissmus, den sie anführen, Herr Kollege, ist ja ein Phänomen, dessen Aufstieg erst mit dem Ende des Mittelalters begonnen hat. Zuvor war der Einzelne Repräsentant seiner gottgegebenen Rolle in der Gesellschaft. Der Tod war nicht Kränkung, sondern Transit ins Himmelreich.

Den Irrsinn perfekt machen in der Handlung dann auch noch kostenpflichtige Viennese Weed-Selbstmordparties mit Reiseleitung bis in den Tod, ein lukratives Geschäft. So viel schräge Vorstellungskraft und perfekte Umsetzung dieser in einer Fiktion ist ganz meine Baustelle.

Bei all diesem wundervollen Setting kommen aber auch die eingebetteten Figuren nicht zu kurz, die sich perfekt in das Ambiente einschmiegen: Der gestrauchelte EX-Knacki Kiki, der nun ein ehrliches Leben führen möchte und als Pflegerin und Freundin der an Multiple Sklerose erkrankten Olga den Bärlauch für den Pflegefall als Last-Exit-Strategie sammelt, die todunglückliche Teenager-Göre Jasse, die sich möglicherweise selbst umbringen möchte, der deutsche Pilzblogger und Biologiedoktorand mit dem Namen Marko Pilz, genannt Myko, Chefinspektor Holzer, der in dieser Krise sehr viel zu tun hat, wie Bärlauchmorde aufzuklären, Selbstmorde von Morden zu trennen, Selbstmordparties aufzulösen und die Betrüger zu verhaften und viele andere liebevoll gestaltete Nebenfiguren bevölkern dieses abgedrehte Universum und fügen sich mit glaubwürdigen Taten und Motiven in den Plot ein.

Sprachlich war ich sehr entzückt von den schrägen Dialogen und der Fabulierkunst der Autorin, zudem habe ich so en passant sehr viel über Pilze gelernt.

Das Ende der Geschichte ist wundervoll und wieder die perfekte Analogie zu Corona – gleich einer leichteren Mutation wie Omicron wird die Transformation von Viennese Weed die Welt nicht mehr verlassen, es ist nie vorbei und wird bleiben. Die Duplizität unserer Erlebnisse während der Krise mit den Ereignissen in der Geschichte und der Transport der Corona Probleme auf ein völlig neues Thema hat mir fast am besten an dem Roman gefallen. Die Autorin schreibt im Nachwort, dass der Plot schon vor Corona fast fertig war und diese Aspekte erst im Nachhinein eingefügt wurden. Das war eine ausgezeichnete Idee und hat dem Werk sehr genützt.

Fazit: Grandios! Witzig bis wahnwitzig, gleichzeitig erschreckend und lehrreich mit einer Botschaft eingebettet in eine ausgezeichnete Geschichte! Von mir gibt es eine warmherzige Empfehlung, für mich persönlich ist dieser Roman sogar erneut zu den Buchstoffhöhepunkten 2022 zu zählen, aber man muss halt schon ein Faible für schräge Stories haben, um diesen Irrsinn genießen zu können. 5 Bärlauchfinger an jeder Hand!

Das giftige Glück von Gurdrun Lerchbaum ist im Verlag Haymon als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..