Bester historischer Winterschmöker

Lange hatte ich nach einem Buch Ausschau gehalten, das mich unterhält, nicht seicht, trotzdem süffig und das vor allem spannend ist. Dabei bin ich bereits immer wieder um „Judith und Hamnet“ herumgeschlichen, ich altes Shakespeare-Fangirl, aber immer schob sich mir ein anderes Buch dazwischen. So liegt dieses Kleinod noch ungelesen hinter mir im Regal.

Aber dann hörte ich neulich im Radio eine Besprechung zu „Porträt einer Ehe“ von Maggie O’Farrell und wusste: Jetzt ist sie dran, die Gute! Wenn schon nicht mit Shakespeare, dann mit Lucrezia di Medici. Über die junge Frau, die nur 16 Jahre alt wurde, gibt es nicht allzu viele Informationen, nur Eckdaten sind historisch verbrieft. Das „Dazwischen“ füllt Maggie O’Farrell meisterhaft mit äußerst plausiblen Szenen.

Das junge Mädchen aus dem Hause Medici wächst im 16. Jahrhundert am Hof seiner vermögenden Eltern in Florenz auf. Es fehlt Lucrezia an nichts und allem gleichzeitig, denn während es ihr finanziell bestens geht, sie mit Kleidern, Schmuck, Essen aufs Prächtigste verwöhnt wird, fühlt sie manchmal eine gewisse emotionale Leere, da weder ihre Geschwister noch ihre Eltern sie wirklich verstehen. Ihre Mutter Eleonora, eine wahre Gebärmaschine, die ein Kind nach dem anderen auf die Welt bringt und dennoch wunderschön bleibt, ist ein meist unerreichbares Wesen, das sich klug und anpassungsfähig am Hofe ihre gute Position sichert und immer weiter ausbaut durch die permanente Produktion gesunder Erben. Das macht sie wertvoll und anziehend für ihren Gatten, und auch das Volk und die Angestellten bewundern sie.

Lucrezia ist von Anfang an schwierig, unangepasst, überreizt. Sie kommt als Baby zu den Angestellten in die Kellerküche, wo sie auch übernachtet. Dort bekommt sie Liebe, Essen und Zuwendung. Gleichaltrige Spielkameraden hat sie auch und so ist das eine der unbeschwertesten Zeiten, die sie erlebt. Als sie größer wird, holt ihre Mutter sie wieder nach oben, auf vehementes Anraten des Kindermädchens Sofia, nicht, weil sie selbst das Bedürfnis gehabt hätte. Lucrezia darf wieder in die Gemächer der Adelsfamilie und muss sich neu eingewöhnen. Sie hat keinen Platz im Familiengefüge, ist weiterhin viel zu wild, ungezähmt, dabei aber feinfühlig und bleibt folglich immer eine Außenseiterin. Sie wird nicht schlecht behandelt, aber man anerkennt ihre Fähigkeiten nicht, sieht sie nicht als das feinsinnige, hochsensible Wesen, das sie ist. Sie malt, muss aber sehr viel für die Schule lernen und sich an die Etikette des Hofes halten und vor allem den durchgetakteten Tagesablauf, den die Mutter vorgibt, absolvieren.

Als ihre ältere Schwester unerwartet stirbt, wird Lucrezia mit deren zukünftigem Ehemann, Alfonso II. d’Este, verlobt. Ihre mütterliche Freundin Sofia steht ihr bei, als Lucrezia in Panik ausbricht. Was soll sie, ein junges Mädchen denn als Ehefrau? Die lebenskluge Sofia entwirft einen Schlachtplan und hat die brillante Idee, zu vertuschen, dass Lucrezia bereits ihre monatlichen Regelblutungen hat, um so Zeit zu schinden. Was wolle der zukünftige Ehemann denn mit einem Kind, wo es doch vor allem um den Nachwuchs ginge? Ein cleverer Schachzug, der für eine ganze Weile das Unheil noch herauszögert: Lucrezia und Alfonso werden zwar auf dem Papier ab 1558 als verheiratet bezeichnet, doch Lucrezia bleibt wieterhin zu Hause bei ihren Eltern an deren Hof. Dort kann sie verweilen, solange sie noch als Kind gilt. Doch in einem unaufmerksamen Moment Lucrezias entdeckt Eleonora morgens Blutspuren bei ihrer Tochter und rennt voller Freude zu ihrem Ehemann: Der glückliche Moment ist gekommen, das Mädchen ist zur „Frau“ geworden, die Ehe kann nun endgültig vollzogen werden.

Doch entgegen aller Erwartungen Lucrezias ist Alfonso kein Ekel, kein Monster, sondern ein sehr zugewandter junger Mann, der sie besser zu verstehen scheint als jede Person bisher am Hof ihrer Eltern. Er macht ihr Geschenke, macht ihr Hoffnung auf ein besseres Leben als Herzogin von Ferrara, als sie es sich selbst vorgestellt hat. Er reist mit ihr direkt vom Hof der Medicis zu seinem Lieblingsort, an dem er selbst glückliche Tage in der Kindheit verbrachte. Zwar will er auf sein Recht als Ehemann, auch ihren Körper zu besitzen, nicht verzichten, aber immerhin ist er zu Beginn einigermaßen vorsichtig.

Tagsüber hat Lucrezia plötzlich alle Freiheiten der Welt, sie darf entscheiden, wann sie an ihrer geliebten Staffelei malen will, wann sie flanieren will – nur, wenn ihm danach ist, sie zu sehen, muss sie parieren. Oft ist er – aufgrund politisch wichtiger Themen, die er klären muss, nachdem sein eigener Vater verstorben ist – gar nicht am Hofe anwesend, das sind die schönsten, freiesten Momente ihres Lebens.

Es wird rasch klar, dass alles einigermaßen gut werden kann, wenn Lucrezia dem willensstarken Alfonso gesunde Kinder gebiert. Doch nichts geschieht. Immer öfter bekommt sie nun die unbeherrschte, grausame Seite ihres Ehemannes zu spüren. Als eine seiner Schwestern heimlich eine von ihm ungewünschte Beziehung mit einem Offizier weiterführt, kommt es zu grausigen Szenen im Haus. Die Schwester muss der Tötung ihres Geliebten beiwohnen – Lucrezia ist gewarnt. Ihr schwant allmählich, dass Alfonso zwei Gesichter hat. Und als er Lucrezia eines Tages in einen abgelegenen Palast bringt, befürchtet sie nicht grundlos, dass dies nichts Gutes bedeuten kann.

Mit unglaublichem Feinsinn beschreibt Maggie O’Farrell ihre Figuren, sodass man glaubt, sie greifen zu können, sie vor sich zu sehen. Sie werden mit so viel Hingebung und Tiefgang skizziert, dass sie wirkliche Persönlichkeiten werden, mit denen man mitfiebert und mitleidet. In Zeitsprüngen, die mal zu Beginn der Ehe, mal gegen Ende spielen, arbeiten wir uns kapitelweise auf das Finale hin, das sich ziemlich fulminant gestaltet.

Ein ausnehmend gelungener historischer Schmöker, der uns Leser*innen mit farbig-bunter Sprachkraft und sehr großer Sogkraft hineinreißt in das 16. Jahrhundert in Italien.

Von mir gibt es 5 von 5 Sternen 🙂

„Porträt einer Ehe“ von Maggie O’Farrell ist am 27.10.2022 im Piper-Verlag erschienen. Aus dem Englischen übersetzt wurde es von Thomas Bodmer. Für mehr Infos zum Buch per Doppelklick auf das im Beitrag angezeigte Cover oder auf den Verlagsnamen.

6 Gedanken zu “Bester historischer Winterschmöker

  1. Pingback: Toskanische Tigerin – Kulturbowle

  2. Du hast mir direkt Lust gemacht, mich mal wieder an etwas historischem zu versuchen. Das klingt so schön schmökrig, fluffigluch zum winterweglesen. Merci

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