Das Worst-Case-Scenario

Laurent Petitmangin legt mit dem Roman „Was es braucht in der Nacht“ sein Debüt vor und die französischen Buchhandlungen feiern ihn dafür! Zu Recht, wie ich finde, denn Petitmangin ist es gelungen, dem Vater, dem Erzähler der Geschichte, eine leise, zarte, unaufgeregte Stimme zu leihen, mit der er schonungslos von allem berichtet, was sich zuträgt. Schonungslos sich selbst, seinen Söhnen und allen Beteiligten gegenüber. Eine ehrliche, realistische, wenig gekünstelte Stimme spricht da zu uns, geerdet, bodenständig und voll trauriger Liebe.

Ein Vater zieht seine beiden Söhne nach dem Tod seiner Frau alleine auf. Er macht dies gut, so gut es eben in solch einer Situation möglich ist, die ja nicht nur den Söhnen ihre Mutter, sondern auch ihm seine Partnerin geraubt hat.

Fußball ist der geliebte gemeinsame Nenner zwischen Vater und großem Sohn, den alle nur „Fus“ nennen. Wenn der Vater sonntags seinem Großen beim Spielen zuschaut, kann er die Welt um sich herum vergessen, dann ist (fast) alles gut. Doch mittlerweile ist der Große wirklich groß, 23, muss zu keinem Spiel mehr gefahren werden und braucht keinen Papa mehr am Spielrand, um genug Mut zum Toreschießen zu haben. Trotzdem spürt man, dieses „Fußballband“, das die beiden zusammenhält, zwischen allen Zeilen.

Der Vater erinnert sich zurück, mal an die Zeit als seine Frau noch lebte, „die Mutti“, wie er sie ein wenig distanziert und auch ein wenig unpassend immer nennt. Er erinnert sich an die Zeit, als er sich jeden Sonntag auf Fußballplätzen herumtrieb, mit und wegen Fus. An die Krankheit seiner Frau, an die guten und schlechten Tage, die damit für alle verbunden waren, an innige Momente mit den Jungs, als die Mutti schon nicht mehr lebte und sie zu dritt Campingurlaub machten. Er erinnert die immer enge Bindung zwischen Gillou, dem kleinen Sohn, und Fus.

Und dann, ab Kapitel 3, erinnert er sich immer mehr an Momente, in denen er das Gefühl hatte, dass sich sein Großer veränderte, immer weniger mit ihnen zu Hause sprach. Fus schaffte zwar das Abitur und ging auf die Fachhochschule für Technik, aber er hatte Freunde, die seinem Vater nicht gefielen. Militärkleidung, ausrasierte Nacken. Und dann sticht ihm eines Tages ein Halstuch ins Auge, das Fus trägt, als er spätabends nach Hause kommt – mit Keltenkreuz verziert. Der Sohn leugnet alles und sagt: „Reg dich ab, Paps, das ist ein Bandana der Ultras, kein Fascho-Zeugs.“

Und weil er möchte, dass das so ist, bohrt der Vater nicht weiter. Doch wir, als Leser*innen, merken, was sich da zusammenbraut, dass hier etwas so ganz und gar nicht in Ordnung ist. Man fühlt es zwischen den Zeilen.

Der Vater liebt seine beiden Jungs unendlich, doch er merkt selbst, dass Fus ihm längst entglitten, eine Einflussnahme auf dessen Entwicklung nicht mehr möglich ist. Gillou wird deshalb gezielt vom Vater protegiert und gefördert, denn noch ist der Kleine „formbar“ und das tut der Vater, indem er Jérémy, einen früheren Freund von Fus und mittlerweile lokalpolitisch aufsteigender Stern, und Gillou zusammenbringt. Sein Plan geht auf, Gillou ist begeistert von Jérémys Charisma und seiner Karriere als Student in Paris und beginnt, ihm nachzueifern. Die Noten gehen steil bergauf und alles scheint für den Kleinen rosig zu werden.

Anders jedoch für Fus, der nun auch noch von einem Bekannten seines Vaters beim Plakateaufhängen für die Front National beobachtet wird. Als dem Vater dämmert, dass seine schlimmsten Befürchtungen wahr geworden sind, versucht er mit Fus zu reden. Fus verharmlost und man fragt sich unweigerlich, weiß er es selbst nicht besser, glaubt er all die verharmlosenden Dinge tatsächlich, oder sagt er all das nur, um den Vater zu beruhigen?

Die Scham überwältigt den Vater. Darüber, dass er einen Sohn hat, dessen Freunde Holocaust-Leugner sind, dass sein Sohn „mit den Faschos gemeinsame Sache“ macht. Der Vater richtet sein Wort von nun an nicht mehr direkt an Fus. Nur bei gemeinsamen Mahlzeiten zu dritt, versucht er seine Abscheu zu verbergen.

Die beiden Söhne können Weltansicht und Familienleben besser trennen, zwischen ihnen ändert sich nichts, Gillou verurteilt seinen Bruder nicht. Doch als er nach dem Abitur Lothringen verlässt und nach Paris zieht, fehlt dieses verbindende Glied in der Familienkette. Der Alltag für Fus und Vater wird immer unterkühlter und doch spürt man die tiefe Liebe der beiden zueinander, der beiden stummen Männer, die die Sprachlosigkeit nicht überwinden können …

Nachdem Gillou bei einem Heimatbesuch von seinem Vater am Bahnhof abgeholt wird, finden sie bei ihrer Rückkehr zu Hause den großen Bruder mit zerschmettertem Gesicht und blutüberströmt auf der Couch im Wohnzimmer vor. Panisch bringen die beiden den Schwerverletzten ins Krankenhaus und obwohl sie um sein Leben bangen müssen, überlebt er, doch nichts ist in Folge mehr, wie es war. Denn nun muss geklärt werden, was vorgefallen ist und ob Fus nur Opfer ist oder auch Täter …

Ein Buch, das einen wahrhaften Sog entwickelt, obwohl man von Anfang an ahnt, dass Unheil droht. Manchmal möchte man aufhören zu lesen, damit man den Gang der Dinge unterbrechen kann, doch man weiß ja, dass das nichts ändert.

Petitmangin beschreibt hier in Form eines Romans ein gesellschaftliches Problem, das es nicht nur in Frankreich gibt: Was tun mit Gegenden, die sich politisch und sozial völlig abgehängt und vergessen fühlen? Wer nicht im Dunstkreis einer großen Stadt lebt, muss schauen, wo er bleibt, wenn die Industrie kaputtgeht, die Infrastruktur marode wird, das soziale Leben zum Erliegen kommt. Der Autor betreibt eine Art Sozialstudie in eingängigem Stil und transportiert so mehr Kluges, als manches sperrige Sachbuch es vermag.

Ein großer Wurf für alle Leser, die nicht nur Wohlfühlromane lesen, sondern sich auch ein wenig über ihre Komfortzone herauslehnen wollen.

„Was es braucht in der Nacht“ von Laurent Petitmangin ist im März bei dtv als Hardcover erschienen. Nähere Informationen zu Verlag und Buch über einen Klick auf das Coverbild und den Verlagsnamen.

4 Gedanken zu “Das Worst-Case-Scenario

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