Rote Kreuze, graue Bienen und eine neue Solidarität

Am 24. Februar 2022 endete die Welt, wie wir sie kannten. Der russische Präsident Putin schickte seine Truppen in das bereits in Teilen von ihm annektierte Nachbar- und Bruderland, in die Ukraine. Anders als Menschen in den westlichen europäischen Staaten sind sich sowohl die Ukrainer:innen als auch die Menschen in den weiteren baltischen und nord- bzw. osteuropäischen Staaten (mit der Ausnahme des von einem Marionettenregime geführten Belarus) spätestens seit 2014 darüber im Klaren, was Putin will. Der Westen, also wir, ich eingeschlossen, ließ sich täuschen. Von einem Diktator, der zu allem bereit, nicht davor scheut, seine Allmachtsphantasien auf der Basis von Lüge und Terror durchzusetzen. Die militärische Taktik des „Maskirovka“ ist eine seiner Hauptstrategien. Ein für alle Seiten unzuverlässiger Gegenpart, der nur die eigenen Interessen im Blick hat und mit Lügen seine Operationen glaubhaft zu machen versucht. Lange hat das in Putins Fall geklappt, doch nun löst sich, wie der Osteuropahistoriker Karl Schlögel sinngemäß neulich im Fernsehen sagte, der Nebel um Putin auf und wir sehen ihn klarer. Was wir da sehen, kann uns nicht gefallen. Schlögels Einschätzung der Lage ist keine rosige und wenn sich ein Staat wie die USA dazu durchringt, ein allumfassendes Verbot der Einfuhr fossiler Energieträger aus Russland zu verhängen, dann sollte auch Europa ganz flugs Alternativen finden. Dass uns das alles nicht gefällt, ist klar. Niemand will frieren, viele Menschen brauchen ein Auto, um ihrem Broterwerb nachgehen zu können und auch Deutschland braucht wohl zumindest eine gut ausgerüstete Bundeswehr, die auch andere Aufgaben, als militärische übernehmen kann. Meine Jugendzeit war geprägt vom Kalten Krieg – was ich daraus als absolute Überzeugung mitgenommen habe, ist der Wunsch nach größtmöglicher Freiheit für alle Menschen. Dass diese Einstellung so hinterhältig ausgenutzt wird, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Aber ja, es gibt noch ein paar solcher Despoten auf unserem Planeten … Lesen hilft mir im Allgemeinen, mich wieder in der Wirklichkeit zurecht zu finden und meine Position zu stärken. Dieses Mal fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren. Dennoch gibt es ein paar Bücher, die ich aus meinem Regal gezogen habe und die ich euch in der aktuellen Situation ans Herz legen will.

Sasha Filipenko hat für seinen Roman Rote Kreuze wahrhaft journalistische Arbeit geleistet, um die Vorkomnisse um russische Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft gerieten, faktisch richtig zu erzählen. Diese Soldaten wurden als Verräter betrachtet und nach der Rückkehr in ihr Heimatland im besten Fall „nur“ in enen Gulag geschickt, im schlimmsten wurden sie ermordet. Auch ihre Familien waren im stalinistischen Russland von diesen Repressalien betroffen und so erzählt Filipenko die Geschichte der 91 jährigen Tatjana Alexejewna, die zwar an Alzheimer erkrankt ist, aber dennoch gegen das Vergessen ankämpft. Sie selbst ist im Gulag gelandet, weil ihr Mann in Rumänien in Kriegsgefangenschaft geriet, ihre gemeinsame Tochter wurde ihr entrissen und in einem Heim untergebracht.
Als ich Rote Kreuze das erste Mal las, fand ich es inhaltlich erschütternd, literarisch war ich ein wenig enttäuscht. Wie snobistisch von mir, denke ich heute. Filipenko greift in seinem Romanen immer wieder Themen heraus, die wichtig sind. Er ist sich sicher, dass der russische Staat alles tut, damit die Menschen die Grausamkeiten des Sowjetregimes vergessen –  zu sehen an den Revisionen, die Putin im Falle Stalins vorgenommen hat. Unsere Aufgabe ist es also folgerichtig, dafür zu sorgen, dass es kein Vergessen gibt. Und da kann man sich Mäkeleien auf hohem Niveau, wie die meinen bei der ersten Lektüre, nicht leisten. Ich lese Rote Kreuze im Moment noch einmal und mit anderen Augen.Filipenko ist in Minsk geboren und schreibt auf russisch,gerade eben ist sein Roman Die Jagd, den er bereits 2016 geschrieben hat und in dem er das postsowjetische Regime genau unter die Lupe nimmt, auf deutsch erschienen.

Andrej Kurkow ist in St. Petersburg geboren und lebt seit seiner Kindheit in Kiew – in der Stadt, die Putin offensichtlich innerhalb kürzester Zeit einzunehmen gedachte, jedoch nicht mit der Führungsstärke des ukrainischen Präsidenten Wolodomir Selenskyj und der Standhaftigkeit der Ukrainer:innen gerechnet hat. Kurkow ist einer der nachaltig starken Kritiker Putins und schreibt dennoch auf russisch – es ist ja seine Muttersprache und Putin nicht das russische Volk. Sein Roman Graue Bienen erzählt von dem Versuch einen Alltag aufrecht zu erhalten, in einem Gebiet, das von Kampfhandlungen zwischen der ukrainischen Armee und russischen Separatisten zerbombt und von fast allen ehemaligen Bewohnerinnen verlassen wurde. Zwei Frührentner, seit Kindheitstagen verfeindet, heute ebenso gegensätzlich orientiert, verharren noch an dem verlassenen Ort. Trotz ihrer „Feindschaft“ arbeiten die beiden Männer ab und an zusammen. Im dritten Frühling des Krise aber packt der Bienenzüchter und Anhänger der integralen Ukraine seine Bienenstöcke auf den Anhänger seines Autos und schlägt sich in den Westen des Landes durch, um die Bienen in Frieden und frei fliegen zu lassen.
Ein Roman, der mir die Situation in den lange Zeit schon umkämpften Gebieten deutlich macht und aufzeigt, wie sehr wir uns immer wieder daran gewöhnen, dass nicht weit weg Menschen täglich unter unerträglichen Verhältnissen leben müssen, diese auch mit sich tragen, egal wohin sie gehen. Und weil das nicht einfach aufhört, muss man manchmal so standhaft sein, wie es die Ukrainer:innen gerade sind.

Diese beiden Bücher wieder aus dem Regal zu holen, neu zu lesen, unter dem Eindruck des gerade noch währenden Angriffskrieges auf die Ukraine, zeigt mir, wie wenig ich mich bisher mit dieser Ecke der Welt und deren Geschichte(n) befasst habe. Und dafür schäme ich mich tatsächlich. Es gibt keinen Grund dafür, Osteuropa ist mein blinder Fleck, den ich nicht länger hinnehmen will. Aber wie schrieb neulich jemand auf Twitter: Ich kann gar nicht so viel lesen, wie ich wissen will. Vor allem nicht im Moment. Ich bin mir sicher, das wird wieder kommen und mein Blick richtet sich dann anders auf viele Themen und an andere Orte.

Wie geht ihr in dieser Zeit mit Literatur um? Könnt ihr lesen und wenn ja was? Habt ihr Tipps für mich, wie ich meine Unwissenheit bezüglich Osteuropa mindestens verringern kann? Wenn ja, dann reicht sie rüber.

Love & Peace – eure Bri

5 Gedanken zu “Rote Kreuze, graue Bienen und eine neue Solidarität

  1. Merci @awogfli – ja, ich bin echt derzeit so wütend, wie das alles abläuft und auch auf mich selbst sauer, weil ich das so überhaupt alles vernachlässigt habe. Ich hab ja mal Politikwissenschaften studiert, weil mich das alles interessiert, aber irgendwie hab ich die baltischen und osteuropäischen Staaten total aus dem Blick verloren. Danke auch für die beiden anderen Nennungen. ich habe in den letzten Wochen viel über die Urkraine und ihre Nachbarländer gelernt … und werde das weiter verfolgen. LG

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  2. Super Post und sehr gute Zusammenstellung zum aktuellen Thema ich bin übrigens draufgekommen, dass wir noch zwei Ukrainische Autoren auf unserem Blog besprochen haben
    Oleksij Tschupa: https://feinerreinerbuchstoff.blog/2019/11/03/der-blick-hinter-fremde-wohnungstueren/
    Natalka Sniadanko: https://feinerreinerbuchstoff.blog/2021/07/11/das-absolute-chaos-das-wimmelbild-und-die-verwirrenden-zeitspruenge/
    Andrej Kurkow: https://feinerreinerbuchstoff.blog/2019/02/09/%ef%bb%bf%ef%bb%bfauf-ins-weite-europa-ohne-sinn-und-verstand/

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  3. Als politisch versiert würde ich mich nicht bezeichnen. Politikwissenschaften waren halt mein erstes Nebenfach im Stiudium … wissenschaftlich kann ich da nicht wirklich argumentieren, aber ich interessiere mich dafür. Was mir immer wichtiger erscheint ist, dass wir ein globales Völkerrecht benötigen, das auf Mehrheiten fußt und für alle Länder der Welt gilt, wenn eben die Mehrheit beschließt, dass das richtig so ist. Im Moment kann sich ein Land wie Russland einfach rausnehmen kann, indem es die Verträge nicht ratifiziert und damit sagt, das gilt für uns nicht. Ich bin so wütend über diese Propaganda und Lügenregierung, ich kann es gar nicht sagen.

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  4. Liebe Bri, auch ich fühle wie Du, nur bist Du politisch viel versierter 🙂 Ich habe mich in „Zukunftsmusik“ versucht, was nicht gut klappte, habe Abbas Khider „Der Erinnerungsfälscher“ gelesen, was ich als sehr, sehr, sehr sensibel und gut und wunderbar lesbar empfunden habe (aber natürlich geht es hier um ander Ecken als die Ukraine), außerdem lese ich noch immer in dem etwas sperrigen, aber guten „Der Erzherzog, der den Schwarzmarkt regierte, Matrosen liebte und mein Großvater wurde“ von Sniadanko. Die Zeiten sind unruhig und wir Leser auch … ich glaube, vielen geht es so.

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