Mütter und Töchter und ein freies Leben als Frau in schwierigen Zeiten

„Bevor sich ihre Großmutter weiter mit dem Sterben beschäftigen konnte, musste Hannah die Sache mit der Jalousie erledigen. “ – Alena Schröder beginnt ihr literarisches Debüt mit einem Satz, der so vielschichtig ist, wie der ganze Roman. Sie führt damit zwei Hauptpersonen ein, macht deren Beziehung zueinander klar, stellt fest, dass eine der Personen entweder krank oder eher alt oder beides sein müsste und wer schon einmal mit einer Jalousie gekämpft hat, weiß, dass das meist ein schwieriges Unterfangen ist, das einen schier zur Verzweiflung bringen kann. Die Atmosphäre, die durch diesen ersten Satz entsteht wird anschließend im nächsten Abschnitt verfestigt:
„Es war ein deprimierendes Ritual zum Ende ihres wöchentlichen Besuchs im Altenheim, die immer gleiche Bestätigung der Gewissheit, in den Augen der Großmutter nicht mal die simpelsten Dinge auf Anhieb richtig machen zu können, immer einen zweiten und dritten Anlauf zu brauchen. Aber gut, sie konnte großzügig sein. Nichts ist leichter, als einer alten, des Lebens überdrüssigen Frau in deinem Pflegeheim ein paar Momente reinen Überlegenheitsgefühls zu schenken.“
Und schon ist man mittendrin und will wissen, woher dieses Gefühl der Unzulänglichkeit rührt, das Hannah ihrer Großmutter gegenüber empfindet. Denn ganz furchtbar scheint ihre Beziehung ja auch nicht zu sein, sonst wären zumindest die Zeiträume zwischen den Besuchen im Altenheim länger.

Im Verlauf der Lektüre erfährt die Leserin, dass Evelyn, so heißt Hannahs Großmutter, obwohl sie nur noch auf den Tod zu warten scheint, irgendwie doch noch nicht mit dem Leben abgeschlossen zu haben scheint. Weshalb sonst muss Hannah ihr jedes Mal Dinge wie Folsäure, Ginseng, Doppelherz oder Vitaminbonbons mitbringen? Alleine an der Tatsache, dass Evelyn Ärztin war, kann das nicht liegen. Man weiß ja, dass gerade MedizinerInnen nicht unbedingt gesünder leben, als alle anderen Menschen-. Da drängt sich doch fast der Gedanke auf, dass hier noch etwas nicht abgeschlossenes lauert, was Evelyn im Hier und Jetzt hält. Oder ist es die Sorge um die Enkeltochter, die, wenn die Großmutter dann letztendlich doch irgendwann gestorben sein wird, ziemlich alleine dastehen würde? Auch das ist vorstellbar,. Denn hinter der rauhen Fassade steckt, wie man so schön sagt, doch ein weicher Kern. Und dieser weiche Kern, der ist es, der Evelyn schon ihr ganzes Leben lang zu schaffen macht.

Hannah wiederum fühlt sich nie so richtig drin im Leben. Da ist diese bereits erwähnte Unzulänglichkeit, die sie nicht nur ihrer Großmutter gegenüber verspürt. Auch ihr Studium, genauer gesagt, ihre Doktorarbeit, kommt nicht so ganz voran oder zumindest empfindet Hannah das komplette Vorhaben selbst als eher marginal oder weniger sinnstiftend:
„Evelyn hatte vor einiger Zeit einmal nach dem Thema von Hannahs Dissertation gefragt, und Hannah hatte es ihr widerstrebend verraten: „Transzendenz und Utopie im Frühwerk Georg Diestelkamps“. Evelyn hatte leise geschnaubt, das Thema schien ihr albern, genau wie das ganze Vorhaben. ein Doktortitel, der kein medizinischer war und für den man jahrelang in irgendwelchen germanistischen Bibliotheken und Archiven herumkriechen musste, war in ihren Augen vollkommen sinnlos. Und Hannah gab ihr insgeheim recht, das ganze Unterfangen war albern und sinnlos, aber es war besser als nichts. Und es war der einfachste Weg, ein Teil des Lebens ihres Doktorvaters zu bleiben, mit dem sie einmal geschlafen hatte und es jederzeit wieder tun würde.“

Mit der kurzen, quasi in einem Nebensatz hingeworfenen Erwähnung einer möglichen Affäre Hannahs mit deren Doktorvater eröffnet Schröder ein weiteres Feld, ein privates, das jedoch im Lauf der Geschichte auch auf strukturelle Missstände nicht nur im Unibetrieb, sondern allgemein in vielen Bereichen hinweist. Dabei macht sie das fast beiläufig, das ist unterhaltsam und gleichzeitig nennt sie die Probleme beim Namen. Ohne moralische Wertung, die bleibt, wenn sie denn sein muss, der Leserschaft überlassen, die aber durch die verschiedenen Blickwinkel, die Schröder auf die Entscheidungen der einzelnen Personen bietet, sehr ausgewogen ausfallen dürfte.

Überhaupt sind des die vermeintlichen Widersprüchlichkeiten, die Schröder in ihrer Geschichte aufzeigt, zusammenbringt und entwirrt. Dabei fällt immer wieder auf, dass gerade Evelyn, noch etwas aufzuarbeiten hat. Ein Brief, halb in die Fernsehzeitschrift eingesteckt, so dass er nicht offen daliegt, aber dennoch von Hannah entdeckt werden muss, bringt frischen Wind. Sowohl in die sonst einer strengen Choreographie folgenden Besuche Hannahs, als auch in deren Leben und letztendlich ist er das Kuvert „das ausländische Briefmarken und einen Stempel mit hebräischen Schriftzeichen trug“ , das den großen vermeintlichen Widerspruch in Evelyns Leben auflösen wird, obwohl sie mit dem alten Kram nichts zu tun haben will.
„Sie hätte ihn einfach wegwerfen sollen, diesen Brief, nun war es zu spät. Hannah würde ohnehin nicht lockerlassen, sollte sie sich doch kümmern um diesen ganzen Dreck. Diesen Trümmerberg aus Erinnerungen, den sie über die Jahrzehnte ihres Lebens so sorgsam begrünt und bepflanzt hatte. wo wie der Berliner Senat den Teufelsberg, eine Müllhalde aus Weltkriegsschutt, dessen Spitze aus weißen Kuppeln der alten amerikanischen Abhöranlagen sie an klaren Tagen von ihrem Fenster aus sehen konnte.“

Und so recherchiert Hannah nach, was es mit dem ominösen Brief auf sich hat. Sie erfährt dabei, dass Evelyn von ihrer eigenen Mutter verlassen wurde, als sie noch ganz klein war. Senta war ungewollt schwanger geworden, blutjung und versuchte zunächst, mit Mann und Kind Familie zu leben. Aber es gelang ihr nicht. Dabei lag es nicht nur an ihr, auch der Kindsvater war nicht wirklich begeistert über die Schwangerschaft, aber man fügte sich eben. In sein Schicksal fügen, nicht aufbegehren, erdulden und das eigene Wohl für das gemeinsame zurückstellen – das wollte Senta auf Dauer nicht. Sie wollte ihren Traum von einem bunten und kulturell geprägten Leben in Berlin nicht aufgeben. Glücklicherweise gab es aber noch ihre Schwägerin, die Evelyn sehr liebte und ihrem Bruder gerne half. Den Kontakt, den Senta über Briefe und mögliche Besuche in Berlin halten wollte, unterband sie jedoch zunächst. Evelyn steht also von klein auf zwischen ihrer Mutter und ihrer Tante, die sie wie eine (strenge) Mutter aufzieht.

So vielschichtig und heterogen wie eine Familie und deren Geschichte sein kann, so vielschichtig hat Schröder ihren Roman aufgebaut. Zwei zeitliche Ebenen – Sentas Geschichte beginnend 1922 und die in der Gegenwart angesiedelten Nachforschungen Hannahs bezüglich der Verbindungen der Familie nach Israel – die in abwechselnden Kapiteln erzählt werden bergen die Gefahr, relativ rasch Eintönigkeit in der Romanstruktur zu erzeugen. Dies umgeht Schröder geschickt durch vielfache Perspektivwechsel. Gleichzeitig bietet das natürlich auch Raum für die Figurenentfaltung und der ganzen Geschichte die nötige Tiefe, die das Thema benötigt und vermeidet ungewollte Leerstellen oder Lücken. Schröder erzählt diese vielschichtige Geschichte elegant, stimmig und gekonnt aus. Das zeigt sich auch in ihrer Sprache, die den unterschiedlichen Figuren ihre eigenen Nuancen lässt. Schröder zeigt, was sie uns mitteilen will. Sie ist auf Augenhöhe mit ihren LeserInnen und erzählt uns mehr, als ihre Figuren wissen. Das macht vor allem deshalb großen Spaß, weil sie uns nichts erklärt, sondern selbst verstehen lässt.

Vieles passiert auf dem Weg, den Hannah während ihrer Nachforschungen beschreitet, das alles hier auszubreiten wäre nicht sinnvoll, die Lektüre selbst aber ist ein Vergnügen und ein Glück, da Schröder es schafft, auch ernste Themen ansprechend zu transportieren. Eine Prise Witz macht den Roman äußerst unterhaltsam, vor allem die Stimme Evelyns hat mich ein wenig an Irene Disches „Großmama packt aus“ erinnert. Die schwierigen Szenen, die es naturgemäß auch geben muss im Roman, sind stark, unprätentiös und ehrlich, aber mit Wucht.

Die Nachforschungen, die Hannah betreibt, decken etwas auf, was Evelyn immer schon gedacht, gefühlt, vermutet , aber nie ausgesprochen hatte, weil es für sie nach Verrat klang. Verrat an der Frau, die sich immer um sie gekümmert hatte, Undank der Frau gegenüber, die immer da war. Im Gegensatz zu ihrer Mutter. Hannah ist diejenige, die die ganze Wahrheit ausspricht und ihrer Großmutter damit die größte Last ihres Lebens nimmt.

„Sie schwiegen eine Weile zusammen, dann stand Hannah auf und begann damit, die Wanduhren aufzuziehen und die kleinen Orchideentopfe auf der Fensterbank zu gießen, immer nur ein kleines bisschen, so wie ihre Großmutter es ihr beigebracht hatte. Diesmal wollte sie ausnahmsweise keinen Fehler machen. Evelyn hatte genug zu verdauen.
„Willst du die Jalousie anders haben, Omi?“

Evelyn schüttelte den Kopf und lächelte Hannah an. Das hatte sie schon lang nicht mehr getan, und sie war verblüfft, als Evelyn ihr bei ihrer Abschiedsumarmung mit zittriger Hand übers Haar strich und „Danke, Liebes“ in ihr Ohr flüsterte.“

Alena Schröders wunderbarer Roman „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ ist die Art von Literatur, die vielleicht nicht unbedingt in den Feuilletons besprochen wird – leider und zu Unrecht – aber so dringend gebraucht wird. Gerade in unseren Zeiten, gerade in Deutschland. Weil sie versöhnlich ist, ohne zu vertuschen, Unrecht anspricht, Ambivalenzen aufzeigt und nachvollziehen lässt und Türen für Diskussionen öffnet, die echte Diskussionen sind. Außerdem zeigt solche Literatur, dass es auch gut ist, wenn die Lektüre Freude macht, trotz der Schwere der Themen und dass Tiefe auch mit Freude einhergehen kann. Ganz große Leseempfehlung für dieses grandiose literarische Debüt. Ich will mehr davon.

Alena Schröder liest im übrigen am 04.09.2021 beim Sommerfest im LCB aus ihrem Roman. Karten für das Fest sind online erhältlich.

„Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ ist im Januar 2021 als Hardcover bei DTV erschienen. Mehr Information zum Buch über Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

 

 

11 Gedanken zu “Mütter und Töchter und ein freies Leben als Frau in schwierigen Zeiten

  1. ich hatte ja geschrieben, dass Alena Schröder am Samstag im LCB am Wannsee liest – ich weiß ja nicht, wo Du wohnst 😉 Ich hab manchmal so merkwürdige Gedankensprünge … Bin gespannt, wie du es finden wirst. LG

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  2. Ich habe mich etwas vertüdelt. Ich fand deine Rezension sehr spannend und einfach so geschrieben, dass ich das Buch am liebsten sofort haben wollte, lesen wollte. Dafür vielen Dank. Das mit Samstag habe ich nicht verstanden

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  3. Liebe Xeniana, in meinem Urteil oder meinem Wunsch, mehr in der Art lesen zu dürfen oder am Samstag? Wenn am Samstag, dann wäre es mega cool, wenn sie uns mal persönlich sähen … GLG, Bri

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  4. Oh, danke Dir, das freut mich sehr. Ich hoffe, nicht zu auführlich. Aber bei solchen Büchern muss man ein bisschen in die Tiefe gehen, finde ich. Dennoch wirst Du bei der Lektüre nohc sehr viel entdecken können. Wenn du es gelesen haben wirst, was du auf jeden Fall solltest, dann sag bitte Besheid, wie es Dir gefallen hat.

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