Rezo* für Boomer (erweiterte Version)

Martin Sonneborn …

Uups he did it again again

Der verehrte Herr Sonneborn, Europas fähigster Politiker spendiert* kurz vor der Bundestagswahl „99 Ideen zur Wiederbelebung der politischen Utopie“.

(Wem folgende Buchbesprechung zu lang erscheint, auch auf die Netflixisierung und immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne, geht Sonneborn in seinem pointiert zusammengefassten, leicht lesbaren, kurzen Manifest ein, der kann sich auf den Schlusssatz beschränken. Der tut’s auch. Danke.)

Er fordert: „EXISTENZMAXIMUM! UNIVERSELLE GESAMTGERECHTIGKEIT! Bierpreisbremse!“ Gut, letzteres wäre für mich völlig verzichtbar, habe ich doch diesen Sommer den Pastis und den Cuba Libre für mich wiederentdeckt. Natürlich mit FRITZ Cola. Die Originalfirma kann ihre braune Plörre bei sich behalten. Und nope, falls ihr euch fragt, ich krieg nichts dafür, ich werbe hier aus freien Stücken und kostenlos (ok, ein Reziex, aber hey, natürlich völlige Objektivität garantiert, bin ja nicht von CDU/CSU und Konsorten.)

Konsequenterweise nennt Sonneborn sein kurzweiliges Meisterwerk Das kommunistsche Manifest und ja, auch wenn der Titel schamlos bei Marc-Uwe Klings „Känguru Manifest“ (die Älteren unter euch werden sich noch erinnern) geklaut ist, so ist der Inhalt ebenfalls erstaunlich häufig deckungsgleich mit Klings Quadrologie.

Es ist eine fundierte Kritik des neoliberalen Wirtschaftssystems und seiner nett dotierten Handlanger. Fein, mit Beispielen aus der Realität garniert. So war mir nicht klar, wofür die Heinrich Böll-Stiftung wirbt, der Mann rotiert immer noch unterirdisch, Sonneborns praktischer Vorschlag dürfte hier Abhilfe schaffen.

Wie so oft genießt man anfangs ungetrübt das Niveau des Ausdrucks, um dann festzustellen, ja er schreibt klasse , ist hoch intellektuell und pflegt einen feinen Stil, der harte Einbrüche durch vereinzelte derbe Worte erfährt, die wohl einfach raus mussten, und dann schleicht sich das Gefühl ein, es ist doch schon ein wenig eintönig, wie Sonneborn hier schimpft und anklagt. Da ist ein Mensch, dem dieses System, so mit der ganzen Parteienfinanzierung jeglicher Couleur und die Klimakatastrophe, die Verblödung der Gesellschaft und die Demontage der Demokratie gehörig auf den Sack geht. Der darob aus Verzweiflung zum Zyniker (Satiriker) wurde, aber fleißig Output produziert, um doch noch gegen die scheinbare Hoffnungslosigkeit anzugehen: fleißig als Eu – Abgeordneter, als DIE PARTEI Mitbegründer und Autor. Der Mann scheint einer der wenigen zu sein, die tatsächlich Anteile des vom Volk aufgewandten Steuergeldes zum Nutzen des Volkes verwendet. Dafür muss man ihn, wenn nicht lieben, doch immerhin hoch achten.

Die „99 Ideen zur Wiederbelebung der politischen Utopie“ sind nicht leicht zu lesen. Einerseits pflegt er einen ab und an recht anspruchsvollen Sprachduktus (Fremdwörter werden fallen“), schwerwiegender ist aber der Inhalt. Vieles hat man so nebenbei in den Informationsmedien seines Vertrauens mitbekommen, wenn so linksmittig einzuordnen, manchmal sogar in den Sprachrohren des Neoliberalismus. Doch die detaillierte Auflistung der Beratergelder des Andreas Scheuer (Verkehrsminister) die pro Tag 200 000 Euronen allein 2019 verschlungen hat, das ist schmerzlich und bedingt ein gewisses Verständnis, angesichts seiner (nicht ganz ernstzunehmenden) Forderung nur Menschen wählen zu lassen, die einen gewissen Bildungsgrad samt Medienkompetenz erkennen lassen. Weshalb derart viele Menschen (weltweites Phänomen) gegen ihre eigenen Interessen wählen, ist nicht nur ihm unverständlich. Ist es wirklich so schwer sich an Demokratie zu beteiligen und zumindest ein Mindestmaß an Information zu erlangen?

„Das Entscheidende an der Demokratie, dieser wirklich besten Staatsform der Welt, sagt Karl Popper, ist nicht die Behauptung, dass die Mehrheit recht habe, und erst recht nicht die Frage, wie die Herrschenden ins Amt gelangen. Das Entscheidende ist die Frage, ob man sie auch wieder loswerden kann ohne Blut zu vergießen.“

Schaut man sich global (Europa tut’s auch) mal um, lohnt sich ein wenig Engagement doch deutlich.

Das gesamte, recht schmale Buch ist ein einziger Aufreger, der unbedingt etwas Alkohol und verständnisvolle Zuhörer erfordert. Menschen die nickend und verständnisvoll lauschend, der sich lautstark befreienden Wut des Lesers Raum schaffen um mit den saudämlichen, unnötigen Ungerechtigkeiten dieser Welt klarzukommen.

Dann kann Mensch auch weiterlesen. Über die Idee Euphemismen zu ersetzen, den Ursprung des BIP, den sprachlich fragwürdigen Ausdruck „Null-0der Negativwachstum“ und seiner mutmaßlichen Entstehungsgeschichte. Vom möglichen Umgang der Hersteller von Produkten mit  geplanter Obsoleszenz, fehlenden Aufstiegschancen, dem Abstieg der Mittelschicht, Steuern, dem Prekariat und Bildung, die nur dazu dient, wirtschaftsverwertbare Arbeitsroboter hervorzubringen. Und nein, dies ist definitiv kein kommunistisches sondern ein utopisches Manifest. Ewiges Wirtschaftswachstum ist nicht möglich.

(Es muss enden oder es wird beendet werden. Zusammen mit dem Aufenthalt der meisten Menschen, die diesen schönen Planeten bewohnen. Oder was glaubt ihr weshalb Elon Musk versucht, den Mars zu kolonialisieren, zusammen mit anderen Superreichen abgehobenen Bonzen ein nettes Refugium zum Zwecke der eigenen Emigration und der seiner Nachfahren.((Hier ist die Verschwörungstheoretikerin mal kurz mit mir durchgegangen, sorry.))

Seltsamerweise sind dem Auroenduo die Grünen suspekt, die doch immerhin den Mindestansprüchen an PolitikerInnen genügen und als einzige Partei mit Chancen, die gerade durch geballte Medien, Lobbyistenmacht um eine Leaderposition der nächsten Jahre gebracht werden sollen. Sie werden als Gutmenschen bezeichnet. Mir war nie so ganz der Sinn dieses als Schimpfwort benutzten Begriffs klar. Gutmensch ist schlecht? Da fehlt mir eine überzeugende Erklärung.

So ranted sich Martin Sonneborn durch seine 99 Thesen, die er zwar nirgends angenagelt, aber um einen 33 kurze Kapitel langen „ Bonustrack“ erweitert hat. Ziemlich sicher nicht nur für die ersten 100 000 LeserInnen. 😉

Hat dieses Büchlein nun das Potential zur politischen Utopie? Yupp! Hat es! Sollte Mensch lesen, bevor das Kreuzchen wieder an der falschen Stelle landet. Abgesehen davon, so viele schöne Gedanken, was politisch und gesellschaftlich alles besser gemacht werden kann, findet sich so bündig zusammengefasst sonst nirgends.

Da verblasst der Ärger über den IST-Zustand und ein kleiner kleiner Hoffnungsfunke hält Einzug.

Fundierte, kritische, unverzichtbare, annähernd allumfängliche und Bierliebe – lastige, bitte nicht nur satirisch (außer bei Maaßen, hoffe ich) zu verstehende, erreichbare Utopie für Deutschland und später die ganze Welt.

Lesen!

*Die Zerstörung der CDU

**Mit Unterstützung seiner “politischen Beraterin“ Claudia Latour (ohne Frauen geht gar nix!)

 

99 Ideen zur Wiederbelebung der politischen Utopie von Martin Sonneborn und Claudia Latour ist im Juli 2021 als Taschenbuch bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

 

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