Ein unveräußerlicher Schatz

Bachmannpreis 2020 – aufgrund der herrschenden Pandemie findet der Preis nicht wie gewohnt statt. Kein Publikum vor Ort, die eingeladenen Autor:innen auf Bildschirmen zu sehen, ebenso wie die Jury – für das Publikum, das die Lesungen und die Jurydiskussionen sowieso immer nur per Fernsehen oder Computer livestream verfolgt hat, nicht ganz so anders als sonst. Für die Autor:innen eventuell schon, denn gelesen haben sie in einer ihnen eher vertrauten Atmosphäre und eben nicht direkt vor der allmächtigen Jury, ohne die Diskussion, die sich da manchmal kontrovers, immer aber leidenschaftlich geführt entspinnt, kommentieren zu dürfen. Ein wenig Raum verschafft ja manchmal schon mehr Ruhe. Ich habe mir nicht alle Lesungen ganz angesehen, bei einer aber blieb ich von Anfang an bis zum Schluss gebannt und teilweise intensiv angesprochen dabei: Helga Schuberts Text „Vom Aufstehen“ hat mich sofort erreicht, trotz seiner vermeintlich einfachen Stilistik und Sprache und der inhaltlich teilweise ausgedrückten Schwere – und den Bachmannpreis gewonnen. Nun ist bei DTV unter demselben Titel ihr Buch erschienen – mittlerweile in fünfter Auflage und das zu Recht.

Über „Vom Aufstehen“ ist schon viel gesagt und geschrieben worden und eigentlich weiß jede*r, der/die sich über aktuelle Literatur auf dem Laufenden hält, worum es in den 29 enthaltenen Geschichten geht: Um ein Leben, das nicht stärker von außen beeinflusst, ja teilweise gesteuert, hätte sein können und das dem allem zum Trotz in größtmöglicher Authentizität und Wahrhaftigkeit gelebt wird. Nicht wurde, sondern wird. Geboren in Berlin Spandau, im Jahr 1940, mitten in dem Krieg, der die deutsche Gesellschaft in Ost, West und vereint immer noch in weiten Teilen unaufgearbeitet beschäftigt, durch eben diesen Krieg vaterlos geworden, wird sie mit der Mutter aus Berlin nach Hinterpommern zu Verwandtschaft geschickt. Von dort wieder eine Flucht, dieses Mal vor den Russen, zurück Richtung Berlin, zunächst aber bis Greifswald zu den Schwiegereltern. Helga Schubert ist gerade mal fünf Jahre alt, als der Krieg mit der Kapitulation endet, der Schwiegervater der Mutter von derselben verlangt, sich umzubringen, um nicht den Russen in die Hände zu fallen – doch Schuberts Mutter kann es nicht, müsste sie doch zuerst ihr Kind töten. Ein Umstand, der nicht auf wahrer Mutterliebe gründet, die es nebenbei bemerkt nicht per se gibt. Es gibt durchaus Umstände, die dazu führen, dass eine Mutter ihr Kind nicht so annehmen, nicht so lieben kann, wie sie selbst es sich wünschen würde.

Von dieser Mutter-Tochter-Beziehung erzählt Schubert in der für mich eindrücklichsten Geschichte mit dem Titel „Eine Wahlverwandschaft“ – literarischer kann man wahres Leben kaum erzählen. Mehrschichtig, aus vielen Perspektiven, sich als Erzählerin selbst von außen betrachtend, analysiert Schubert dieses für sie so schwierige Verhältnis. Lange dauert es, die Mutter wird 102, erst nach deren Tod kann Schubert tatsächlich darüber schreiben. Der Glaube, der Schubert immer begleitet und ein Stück weit auch trägt, wird ihr nicht in die Wiege gelegt und ist in ihrem späteren Leben in der DDR nicht eben förderlich. Getauft wurde sie nur, um dem Vater eine kurzen Fronturlaub zu ermöglichen. Ein Umstand, der verwunderlicher wirkt, je tiefer man in die Geschichten eintaucht, die beweisen, wie stark viel Schubert dieser Glaube bedeutet.

Durch alle Geschichten hindurch wird klar, für Schubert ist nichts selbstverständlich. Auch heute noch, traut sie sich kaum zu glauben, dass sie alles tun kann, überall hinfahren kann, wohin sie möchte. Ohne Genehmigung, die ihr mit fadenscheinigen Gründen verwehrt werden kann. Wie zum Beispiel damals, als sie schon einmal zu den Tagen der deutschen Literatur eingeladen war. Die Begründung, sie nicht dorthin reisen zu lassen fußte nicht auf einer vermuteten Flucht ihrerseits, sondern darauf, dass es keine deutsche Literatur gäbe, denn die DDR erkannte die BRD nicht an und somit gab es für die Funktionäre Literatur aus der Schweiz, aus Österreich und DDR-Literatur, aber keine deutsche. Und heute wird Helga Schubert häufig als DDR-Schriftstellerin betitelt, was wiederum sie nicht verstehen kann. War sie doch nur durch Zufall in die DDR geraten, indem die Mutter mit ihr nicht nach Spandau zurückging, sondern in Pankow blieb.

Wie in jedem Leben gibt es auch in Schuberts Wunderbares und Schreckliches – sie hat sich dazu entschlossen, das Wunderbare zu bewahren, ohne das Schreckliche zu verdrängen. Einschränken und bestimmen lässt sie sich jedoch nicht mehr von negativen Dingen, das spricht aus jeder Zeile der Geschichten, die sie nach eigener Aussage niedergeschrieben hat, ohne sie danach groß umgearbeitet zu haben. Daran erkennt man ihre literarische Güte, die meisterhafte Hand der Lyrikerin.

Deshalb empfinde ich die Etiketten, die ihrem Buch teilweise mit auf den Weg gegeben werden als zu schwach. Natürlich hat Schubert ihren Frieden mit ihrer Mutter gemacht und natürlich ist das gütig. Natürlich schreibt sie niemals larmoyant und natürlich wirkt sie demütig und dankbar für das Gute in ihrem Leben. Aber all das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Helga Schubert eine Kämpferin ist. Stark, authentisch, durchsetzungsfähig, eine Frau, die weiß, wer sie ist und das auch nach außen vertreten kann. Ihr Buch ist ein Geschenk und das nicht nur wegen seiner unbestreitbaren literarischen Güte, sondern auch weil es viele Facetten unserer deutsch-deutschen Gesellschaft aufzeigt, die wir näher betrachten müssen, um auf unserem gemeinsamen Weg auch gemeinsam voranzukommen. Helga Schubert erklärt über ihre Biographie die Bedürfnisse vieler Menschen und das macht es für mich zu einem Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte, weil man sonst etwas verpasst.

Denn ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht sehr hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch immer in mir sein. Das ist nämlich mein Schatz.
Mein unveräußerlicher.

Vom Aufstehen – ein Leben in Geschichten von Helga Schubert ist mittlerweile in der fünften Auflage bei DTV erhältlich. Für mehr Information zum Buch durch Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

2 Gedanken zu “Ein unveräußerlicher Schatz

  1. Oh wie schön, dass Du es lesen möchtest. Ich bin sehr gespannt, wie es Dir gefallen wird. Ich kenne bisher niemanden, der oder dem es nicht gefallen hat. Es hat einen ganz eigenen Ton und es ist vermeintlich einfach gestrickt, aber so schreiben zu können ist eine große Kunst. Liebe Grüße Bri

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  2. Liebe Bri,
    Du legst mit Deiner Schilderung dieses Werk der Lesegemeinde ans Herz und mir persönlich. Sowohl hier im Blog gab es Beiträge, in der Zeitung, im Fernsehen und im Bayerischen Rundfunk ein Gespräch mit Lesung.
    Was für ein Lebenslauf der Autorin, und wie mit der zweiten Einladung zum Bachmann-Wettbewerb ihr Schaffen gewürdigt wird.
    Endlich darf der Bücher-Raum in unserem Stadtteil wieder aufsperren, und ich halte Ausschau nach dem Buch oder bestelle es dort.
    Schöne Grüße
    Bernd

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