allerwärts, veraltend für: überall

Als Trüffelschwein im Sprachland freue ich mich immer wieder über neue Worte, die meinen Sprachorbit streifen, oder auch über alte Worte, die jemand ausgräbt, entstaubt und, auf Hochglanz poliert, den Lesern präsentiert.

So verhält es sich auch hier, beim Titel meines heutigen Rezensionsobjekts: „Abgang ist allerwärts„. Allein diese drei Worte, die einem so beim halblauten Lesen über die Lippen perlen, haben mich dazu gebracht, nach dem Buch zu greifen. Autor Reinhard Kuhnert und der kleine Verlag Mirabilis haben da treffsicher in den Zauberkoffer gegriffen und etwas Verheißungsvolles hervorgeholt.

Der Protagonist des Romans, Elias Effert, ist ein Anfang dreißigjähriger, talentierter und sogar erfolgreicher Autor in der DDR der späten 70er-Jahre. Er hat eine Wohnung im neuen Wohnblock in der großen Stadt und sucht sich zusätzlich, wie es damals so Mode ist, auf dem platten Land ein Häuschen, in das er sich zurückziehen kann mit seiner Kreativität und seiner Schreibmaschine. Kurzum, er lebt ein recht privilegiertes Leben.

Er bekommt von einem Freund den Tipp eines leerstehenden Bauernhofes nahe der polnischen Grenze. Als er sich auf den Weg dorthin macht, fährt er durch ein anderes kleines Örtchen, namens Hohenfeld, und schockverliebt sich in ein halbverfallenes Fachwerkhaus mitten im Ort. Vergessen ist der Bauernhof! Mutig begibt sich Elias in die Dorfkneipe und erkundigt sich nach dem Besitzer des Hauses. Und dieser ist gar nicht unerfreut über das Interesse, denn er und sein Bruder – ihnen gehört das Haus gemeinsam – wären froh, dafür noch Geld zu bekommen. Doch er warnt Elias und weist auf die viele Arbeit hin, die vor ihm läge, wenn er das Haus wieder aufbauen wolle, vielleicht solle er es doch lieber lassen.

Das war der entscheidende Satz: Immer, wenn Effert empfohlen wurde, etwas lieber zu lassen, konnte man sicher sein, dass er genau das Gegenteil davon tat, und das hatte in den meisten Fällen wenig mit Vernunft zu tun.

Acht Wochen später war Effert der stolze Besitzer eines halbverrotteten Fachwerkhauses, einiger undichter Stallgebäude, eines verwilderten Gartens und einer Wiese von eintausendfünfhundert Quadratmetern.

Mit seiner unaufdringlichen, freundlichen Art findet der Schriftsteller bald einen festen Platz in den Herzen der Dorfbewohner. Regelmäßig geht er in die Dorfkneipe, er kauft am ortsansässigen Mini-Tante-Emma-Laden ein und kennt allmählich jeden. Er stellt irritiert fest, dass er etwa ein Jahr brauchte, auf dem Lande alle Bewohner kennenzulernen und genau zu wissen, in welchen Häusern sie wohnen und was sie so treiben – doch in Berlin kannte er nach Jahren noch nicht mal seine direkten Nachbarn auf der Etage – man grüßte sich nicht einmal.

Die innere Unruhe, die Elias in der Großstadt oft überkommt, wird weniger mit jedem Kilometer, den er sich dem Dorf nähert. Erste Freundschaften entstehen dort, es ist ein stetes Geben und Nehmen – mal bringt er etwas aus der Stadt mit, mal geht er am nahen See angeln und bringt seinen Fang mit ins Dorf, mal organisiert ihm ein Hausnachbar Baumaterial – und nach einiger Zeit gar, als das Haus schon recht gut dasteht, findet er immer mal wieder Möbel, die früher ins etwas außerhalb des Ortes gelegene, verlassene Grafenschloss gehörten. Die großzügigen Spender geben sich meist nicht zu erkennen.

Doch die Beschaulichkeit wird immer wieder unterbrochen durch Elias‘ Phasen in der Großstadt, durch seine Tätigkeiten als Autor für Theater, Funk und Fernsehen. Ein Besuch in Westberlin tut sein Übriges und führt ihm wieder vor Augen, wie beschränkt sein Handeln, sein Kreativsein und seine Reichweite sind in dieser sich abschottenden DDR. Er wird aufmüpfiger in seinen Texten, regimekritischer – und bekommt postwendend die Quittung: Wo ihn vor Kurzem noch arrivierte, berühmte Kollegen fröhlich winkend grüßten, schlägt ihm nun Schweigen und Ignoranz entgegen. Die Aufträge werden weniger und bereits zugesagte Projekte werden zurückgezogen. Elias wird abgestraft …

Wer ihm nun eine Stütze ist, sind die Dorfbewohner, allen voran der Landarzt Gisbert, mit dem er sich in all der Zeit wirklich innig angefreundet hat. Und so sind sie auch die Ersten, die schließlich von seinen alles verändernden Plänen erfahren.

In ruhigem, unspektakulärem Stil beschreibt Kuhnert – in vielen Teilen autofiktional – das Leben, die Bewohner und deren Verwobenheiten untereinander – und Elias‘ Part in dieser Gemeinschaft. Liebevoll werden einzelnen Figuren skizziert, als Leser fühlt man sich, als würde man mit Elias durch den Ort ziehen und ihm über die Schulter blicken und all die Menschen kennenlernen. Der unaufgeregte Tonfall hat mich durchaus manchmal an Kent Haruf erinnert, der es auch schafft, ganz lakonisch über Alltäglichkeiten zu schreiben, ohne zu langweilen.

Ein wirklich feines Buch eines kleinen Verlags aus dem Osten unseres Landes, das die DDR beschreibt, wie sie war in den späten 70ern und frühen 80ern. Ein Buch, das nachdenklich macht und Anlass gibt, dankbar zu sein, dafür, dass wir nun nicht mehr zwei getrennte Landeshälften haben und abseits aller Problemchen doch sehr privilegiert leben dürfen.

Abgang ist allerwärts“ von Reinhard Kuhnert ist 2013 bereits im Plöttner Verlag Leipzig erschienen und wurde nun 2019 in einer vollständig überarbeiteten Neuauflage im Mirabilis Verlag herausgebracht. Mehr Informationen zum Buch und Verlag durch einen Klick auf das Cover oder den Verlagsnamen.

4 Gedanken zu “allerwärts, veraltend für: überall

  1. Pingback: Nach dreißig Jahren | Heute schon gelesen …? Mirabilis Verlag!

  2. Das hört sich in der Tat recht angenehm an. Ich werde dieses Buch mal auf meine ToDO-Liste setzen, auch wenn diese dadurch nicht kleiner wird und Prokrastination (leider) zu den Dingen zählt, mit denen ich bestens vertraut bin. XD

    Gefällt 1 Person

  3. Ein wirklich sehr feines Buch, das ich letztes Jahr auch sehr gerne gelesen habe. Den Nachfolgeroman auch schon im Blick?

    Den Mirabilis Verlag empfehle ich auch immer wieder gern, die bringen jedes Jahr feine Literatur heraus.

    Gefällt 2 Personen

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