Seidenspinnerraupen und Autodidakten

Der schräge Titel und das gute Cover haben mich bei Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe gelockt. Erhofft hatte ich mir ein außergewöhnliches Stück Literatur, gespickt mit skurrilen Gestalten und diese optische Verheißung erfüllte sich.

Uwe Kopfs Debut ist die Chronik eines Todes. Der liebenswerte Protagonist, schier unerträglich naiv. Kindlich lebt er seine Tage, immer der „Leere“ aufs Neue entkommend.
Anrührend liest sich das. Witzig, abgefahren und dennoch vertraut. Da kommt nichts gewollt rüber, das ist echt.
Gespickt mit Musiktiteln, die jene Zeiten, von denen Tom, sich erinnernd erzählt, ins Gedächtnis und Gefühl des Lesers zurückbringen.
Toms Leben ist ein Fest des nicht Erwachsenwerdens und zugleich Mahnung. Kein Plädoyer für das Erwachsenwerden, aber eines für Menschen die wir als Versager ansehen, die den Arsch nicht hochkriegen, nicht weil sie es nicht versuchen, sondern weil sie es nicht können. Weil irgendetwas sie beschwert, fesselt und kleinhält, etwas von dem sie sich nicht befreien können. Das kann vielerlei sein. Manchmal reicht ein sachter letzter Schubs um einen Menschen über die Kante zu treiben. Es erscheint von außen betrachtet winzig, doch zuvor waren da viele unbeobachtete Stöße, Schläge und Schubse. Grandios, wie Kopf sie seinen Protagonisten beiläufig nach und nach erzählen lässt.

Erinnert hat mich dieser liebenswerte, nahegehende Bericht an die Romane Sven Regeners und Frank Goosen. Wobei ich Regners Stil nicht sonderlich schätze, Kopfs leichte Art zu erzählen hingegen sehr. Goosen der ebenso heimatverbunden schreibt ist  lockerer weniger in die Tiefe gehend als der Autor der elf Gehirne. Doch Humor und Leichtigkeit des Stils ähneln sich. Der Titel ist übrigens nicht aus der Luft gegriffen. Er mäandert durch Toms Lebensgeschichte. Ist ein Gradmesser für sein Befinden.

Uwe Kopfs posthum erschienener Roman ist ein saftiges, derbes und doch unverschämt tiefberührendes Stück Literatur, das den vorzeitigen Abgang des neuentdeckten Autors umso trauriger machen.
Ein verdammt guter Roman über ein Leben und das Leben an sich.

  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : April 2017
  • Verlag : Tempo
  • ISBN: 978-3-455-00057-3
  • Gebunden: 320 Seiten

 

Ein Gedanke zu “Seidenspinnerraupen und Autodidakten

  1. Jetzt weiß ich immer noch nicht (oder habe nicht verstanden). was es mit den elf Gehirnen der Seidenspinnerraupe auf sich hat. Vielleicht bin ich darauf deshalb so fixiert, weil ich unlängst über das sterbende Handwerk des Seidenspinnens und die Maulbeerbäume in Norditalien gelesen habe, und dass auch bei uns z.B. Schulhöfe mit Maulbeerbäumen bepflanzt wurden, um den Seidenspinnern und damit der Seidengewinnung Raum zu geben.
    Davon abgesehen: Die posthume Entdeckung eines guten Autors ist immer eine Tragödie – selbst wenn sein Werk es nicht ist.

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