Melodien, die die Welt verändern

Der Klang unserer Herzen von Emma CooperSTOPP! Es entstehen falsche Bilder beim Lesen dieser Überschrift, ich weiß. Man denkt an schnulzige Volksmusik oder an Schlagerliedchen. Falsche Fährte! Trotzdem passt diese Überschrift, denn Lieder spielen eine zentrale Rolle in diesem Buch, wenn auch anders, als man erwarten könnte.

Die mütterliche Hauptperson des Romans hat ein Problem: Seit sie vor Jahren auf dem Glatteis ausrutschte und sich übelst den Hinterkopf stieß, singt sie in Stresssituationen lauthals thematisch passende Lieder. Die Ärzte sind ratlos, keiner findet heraus, woran es liegt, alle Untersuchungen sind ergebnislos.

Man stelle sich also folgende Situationen vor: Sie steht im Supermarkt an der Kasse und bemerkt, dass sie nicht genug Geld hat und schon singt es aus ihr heraus „Can’t buy me love“. Oder sie ist auf dem Elternabend ihres Sohnes, der in der Schule bei den Lehrern nicht gerade beliebt ist. Aus lauter Nervosität bringt sie der pummeligen Lehrerin ein Ständchen und trägt ihr das englische Lied „Baby got back“ vor, in dem es die hübsche Zeile gibt „I like big butts and I cannot lie“ … man ahnt die Begeisterung der stämmigen Lehrkraft …  Und zu allem Übel heißt die Sängerin wider Willen mit Vornamen auch noch Melody.

Das alles klingt recht albern, ist aber der einfallsreiche Einstieg in ein Buch, das zwar harm- und belanglos daherkommt, es in Wahrheit aber unglaublich in sich hat. Mit jeder Seite steigt man mehr in die komplizierte, anstrengende Welt der Melody King und ihrer beiden Kinder Rose und Flynn ein. Das Schicksal meinte es von jeher eher nicht so gut mit ihnen. Nach anfänglichem großen Glück geschah ein einschneidendes Ereignis, als Flynn fünf und seine Schwester zwei Jahre alt waren. Papa Dev baute einen Autounfall mit den beiden Kindern, als sie auf dem Rückweg vom Zoo waren, bei dem keinem ein Haar gekrümmt wurde – außer Flynn, denn er hatte sich, vom Vater unbemerkt, nach einem kurzen Zwischenstopp nicht wieder richtig angeschnallt. Seit diesem Tag ist Flynn auf einem Auge blind und trägt eine große Narbe im Gesicht.

Melody und Dev stritten sich unglaublich viel im ersten Jahr nach diesem tragischen Zwischenfall und doch hätten sie nie ohne einander sein können, denn es lag auf der Hand, wie sehr sie sich eigentlich liebten und dass der wahre Grund für ihre Streitereien ihre Hilflosigkeit und die Verzweiflung darüber war, dass ihr Sohn durch sein entstelltes Gesicht unweigerlich Zeit seines Lebens stigmatisiert sein würde. Ein Wimpernschlag, der über ein ganzes Leben entscheiden kann … Und dann, von heute auf morgen, war Dev weg.

Elf Jahre sind seither vergangen, in denen Melody ihre Kinder zwar liebevoll großgezogen hat, in denen aber kein einziger Tag vergangen ist, an dem nicht der Verlust des Vaters und Ehemanns schmerzlich zum Vorschein gekommen wäre. Flynn, der durch die Hänseleien ob seines Äußeren verbittert und agressiv geworden ist, schlägert gerne mal und man denkt als Leser ganz klassisch, dass da der Mann im Haus fehlt, der dieser geballten Wut mal etwas entgegenstellen könnte. Rose hingegen ist harmoniebedürftig, sehr gut in der Schule (sicherlich, weil sie merkt, dass sie nicht auch noch problematisch sein kann, bei dem Bruder und der Familienkonstellation) – aber innerlich zerrissen. Beide leiden extrem unter den „Zuständen“, wie sie es so schön nennen, der Mutter, die sie zum Gespött ihres sozialen Umfelds werden lassen. Kein Jugendlicher möchte gerne beim Schuhkauf mit einer Mutter gesehen werden, die mitten im Laden plötzlich eine musicalreife Darbietung eines Songs bringt, nur weil sie sich wieder mal in einer Stressituation befindet. Aber solche Momente gehören zum anstrengenden Alltag der beiden Heranwachsenden.
Ihr großes Ziel ist es, ihren Vater wiederzufinden, denn sein Verschwinden wurde nie aufgeklärt, daher können sie nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder findet eines der Kinder eine neue Spur im Internet, einen neuen Grashalm, an dem sie sich festklammern können, eine neue Hoffnung. Und jedesmal zerfällt alles zu Asche, weil es nie ihr Vater ist, den sie da im Netz aufgespürt haben.

Und nun ist es wieder so weit: Diesmal hat Rose auf einer Seite, die Vermisste auflistet, jemanden entdeckt, der auf die Beschreibung von Dev passt. Obwohl Melody tief in ihrem Inneren zu wissen glaubt, dass es nicht sein kann, dass er das ist, dass es nur eine logische Erklärung dafür geben kann, dass ihr Ehemann nicht mehr zurückkam, nämlich die, dass er tot ist, beschließt sie, dieses eine Mal noch mitzuspielen. Sie befreit ihre Kinder vom Unterricht und beschließt, mit ihnen nach Taunton zu fahren – dem Ort, an dem die Person gesehen wurde, die von der äußerlichen Beschreibung viele Übereinstimmungen mit Dev hat. Vielleicht ist es die einzige Möglichkeit, ihre Kinder endlich zur Vernunft zu bringen, indem sie ihnen beweist, dass es wieder nicht Dev ist, sondern wieder jemand anders. Vielleicht haben sie dann ein Einsehen und lassen die Vergangenheit endlich ruhen.

Als sie aufbrechen, ahnen die drei nicht, dass nach diesem „Ausflug“ nichts mehr sein wird wie früher, denn – und das ist kein Spoiler – sie finden Dev wirklich, nur heißt Dev jetzt Tom und scheint nicht die leiseste Ahnung zu haben, wer sie sind. Und selbst, als alles scheint, als würde es gut werden, hat das Leben noch ein paar Baustellen für die Familie auf Lager und nichts, wirklich gar nichts, lässt einen zu Beginn des Buches ahnen, was geschehen wird und wie es ausgeht. Nur so viel sei verraten: Alles kommt ganz anders, als man denkt.

Der Roman zeichnet liebevoll die Psychogramme der Protagonisten – und es sind derer viele: Melody, Rose, Flynn und Dev/Tom sind gleichberechtigt in ihrer Gewichtung innerhalb der Geschichte. Jede dieser Persönlichkeiten wird von der Autorin Emma Cooper fein herausgearbeitet und erhält so viele Attribute, dass sie Form annimmt und man sie nicht mehr als reine Figuren einer erfundenen Geschichte wahrnimmt, sondern als reale Personen. Chapeau!

Cooper lässt die einzelnen Figuren selbst zu Wort kommen, alle dürfen aus ihrer Sicht die Dinge kommentieren, nicht nur Melody, die den Anfang macht. Es geht immer reihum und jede Figur hat ihren Fokus, ihre eigene Sicht auf die Dinge. Auf diese Weise macht sie das Innenleben der Personen auf plausible Weise sehr transparent: Der Leser schaut in Roses Tagebuch und erfährt die Gedanken des gehänselten Flynn auf ungefiltertem Weg.

All das macht das Buch zu einem einzigartigen Leseerlebnis, mit dem ich nie gerechnet hätte. Auf meinem Feldzug durch die Stadtbücherei war mir das Cover der englischen Ausgabe dieses Buches ins Auge gestochen und die Anfangszeilen hatten mich darin bestätigt, einen netten Roman gefunden zu haben, der mir ein paar gute Stunden Lesegenuss bringen könnte. Was sich mir da aber auftat, je weiter ich im Roman vorangekommen war, das war jenseits aller Erwartungen gewesen. Und so gehört diese Geschichte tatsächlich zu einer der wenigen, die mich immer wieder einholt im Alltag, an die ich plötzlich denken muss, weil mich irgendetwas an eine Szene des Buches erinnert. Dieses Buch schafft, was das Buch „Das Zimmer der Wunder“ (durch Klick auf den Titel kommt Ihr zur Rezension) bei mir nicht geschafft hat, obwohl es von der emotionalen Idee her ähnlich angelegt war: Es hat mich tief berührt, weit über das Ende der letzten Buchseite hinaus.

Für mich ein unerwarteter Höhepunkt 2019! Bitte lasst Euch nicht vom belanglosen Titel und Cover der deutschen Ausgabe abschrecken …

„Der Klang unserer Herzen“ von Emma Cooper ist im März 2019 im Goldmann Verlag erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

4 Gedanken zu “Melodien, die die Welt verändern

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