Wir sehen uns nach dem nächsten Urknall

Wie daslesendesatzzeichen so schön in einem ihrer letzten Beiträge hier schrieb: „Dem Moment, wenn man ein Buch fertig gelesen hat, liegt ja ein besonderer Zauber inne. Man tritt aus der literarischen Parallelwelt heraus und steht ein bisschen einsam und nackt wieder im normalen Leben.“ Ganz genau so erging es mir mit meiner letzten Lektüre. Lily King hat mit „Herz König“ einen sehr schönen, sehr guten und sehr klugen Roman geschrieben, den ihr alle lesen solltet.

Na ja, ich glaube, wir sind eins. Wir teilen ein Gedächtnis oder ein Bewußtsein, oder wie immer du es nennen willst. Noch dehnt das Universum sich aus, aber bald – in ein paar Milliarden Jahren – schrumpft es wieder zusammen, und alles wird sein wie vor dem Urknall. Wir werden immer kleiner, und für einen Moment werden wir ein winziger Fleck sein. Danach sind wir angeblich nichts – wir verschwinden in einem schwarzen Loch. Dann kommt ein neuer Knall und wir sind wieder da.“

Die beiden Studenten Yash und Sam treten eher unverhofft in das Leben der lange unbenannten Ich-Erzählerin. Ein gemeinsames Seminar, in dem der Professor die beiden jungen Männer offenbar anders behandelt, als seine anderen Studenten, lenkt deren Aufmerksamkeit auf die junge Studentin. Schnell kristallisiert sich heraus, dass Sam Interesse an ihr hat und es beginnt etwas, was man als außergewöhnliche Beziehung bezeichnen könnte. Außergewöhnlich oder schräg, beides würde es treffen. Bereits die Tatsache, dass weder Sam noch Yash den echten Namen der Erzählerin nutzen, lässt auf etwas intellektuelle Spielereien deuten. Beide sind sehr intelligent und absolvieren das Begabtenprogramm der Uni. Sie stellen ihren Intellekt gerne zur Schau, allerdings nicht auf arrogante, sondern eher unterhaltsame Art und Weise. Und so wird aus Miss Namenlos zunächst Daisy (Buchanan), weil die Jungs alle ihre Dates des Klanges wegen zunächst so nenne und als herauskommt, dass die Erzählerin mit einem Golfstipendium an die Uni kam, wird sie kurzerhand zu Jordan (Baker) umgetauft.

Zwei Figuren aus Fitzgeralds „Der große Gatsby“, sind es also, mit der sie die neue Freundin in Verbindung bringen. Zwar geht es bei Fitzgerald auch darum, dass hier zwei Männer in dieselbe Frau zumindest verliebt sind, doch mehr Gemeinsamkeiten der Erzählerin mit den genannten Frauenfiguren Fitzgeralds konnte oder wollte ich nun nicht entdecken. Sicherlich entstand die Namensgebung eher deshalb, weil man im frühen Erwachsenenalter gerne mal mit solchen Bezügen spielt und Sam und Yash literarisch sehr bewandert sind. Die Arroganz der Jugend.

King setzt ihre Geschichte in drei Teilen an – der erste Teil erzählt uns retrospektiv von der Freundschaft, die zunächst alle drei und später nur mehr jeweils zwei der jungen Menschen verbindet. Dabei bleibt King durchgehend präzise, erzählt zügig, aber nie hastig und zeichnet eine Entwicklung nach, die in vielen Leben zu finden sein könnte. Zwar ist das nicht neu, aber so gut erzählt, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen wollte. Kings Figuren waren mir nah gekommen, nicht weil ich mich mit ihnen identifiziert hätte oder ihre Handlungsweisen für mich in allem nachvollziehbar waren, nein, einfach weil sie es zugelassen haben. Ihre Handlungen und Denkweisen sind nicht immer sympathisch oder nachvollziehbar, aber sie sind menschlich.

Im zweiten Teil des Buches treffen die Erzählerin und Yash wieder persönlich aufeinander, es sind einige Jahre vergangen, sie ist verheiratet, hat zwei Kinder, mehrere Romane geschrieben und scheint dort angekommen, wo sie sich wohl fühlt. Er selbst scheint etwas verloren, hat jedoch nichts von seiner Anziehungskraft, die er auf Kinder und Tiere automatisch ausübt, eingebüßt. So ganz klar ist nicht, was er mit dem Besuch bezwecken möchte, die Kontakte, die die beiden hatten, waren sporadisch und von seiner Seite oft etwas kryptisch. Es ist etwas zwischen ihnen vorgefallen, das nicht einfach mit Anspielungen aufgelöst werden kann.

Hier lernen wir das Umfeld der Ich-Erzählerin in einer Gegenwart kennen, die Erfahrungen für sie bereithält, die sie dazu bringen werden, uns die vorliegende Geschichte zu erzählen. Was Yash aus seinem Leben gemacht hat, weshalb er ein Versprechen ihr gegenüber nicht eingelöst hat, das ist noch ein offenes Rätsel. Klar ist aber auch, dass nicht nur er an der nur noch sporadisch geführten Kommunikation zwischen den beiden Schuld ist. Wie so oft sind es nicht ausgesprochene Erwartungen und ein tatsächlich nicht unerhebliches Geheimnis, das die Erzählerin ihm gegenüber nicht offenbart, die die Entfremdung der beiden zementieren.

King lässt uns auch hier nah an ihre Figuren herantreten. Die Intellektualität sowohl von Yash als auch der Erzählerin zeigt sich durch viele literarische Verweise, die teilweise aber auch nicht real sind, jedoch authentisch erzählt werden. Man könnte sagen, Yash vermag es nur über diese Verweise zu kommunizieren. Aus nicht näher erklärten Gründen, sucht er eine erneute Annäherung und der Leserschaft wird klar, dass es ans Eingemachte gehen wird. Doch das passiert tatsächlich erst im dritten Teil des Romans.

Fragt ihr euch auch manchmal, ob andere Menschen auch gleichzeitig mit mehreren Situationen konfrontiert werden, die eigentlich jede für sich gesehen schon hart genug sind, die komplette Aufmerksamkeit bedürfen, man es aber nicht schafft, sich darauf zu fokussieren, weil das Leben an und für sich ja auch noch stattfindet? Ich frage mich das in den letzten Jahren immer öfter und wenn man dann auch noch aus dem privaten Bereich auf globale Geschehnisse blickt, die einen doch immer irgendwie betreffen, die man aber ja auch nicht ändern kann, dann ist es oft nicht leicht, irgendwie den Kopf über Wasser zu halten. Priorisierung ist hier dann die Devise. Aufgaben müssen geteilt werden. Ein Glück, wenn man jemanden an der Seite hat, der diese Verantwortung mit einem trägt.

Kings Ich-Erzählerin hat dieses Glück. Sie kann sich auf Silas, ihren Mann verlassen. Er weiß, dass sie das, was sie tun muss, tatsächlich tun muss, um nicht an ihrer und Yashs Vergangenheit für immer festzuhängen. Das ist erwachsen, auch wenn man Silas die Anstrengung und Überforderung – was absolut verständlich ist – anmerkt. Wie schön, dass diese ehrliche Darstellung hier so viel Raum bekommt. Hier ist eine Partnerschaft gewachsen, die nicht natürlich und von Anfang an so ist oder war. Kommunikation, gegenseitiges Vertrauen und Verständnis für die Bedürfnisse des anderen sind ihre Grundpfeiler.

Den Gegensatz dazu bildet für mich die Verbindung, die die Erzählerin mit Yash verbindet: Es ist eine tiefe Art der Verbindung, tatsächlich wohl eine Liebe, die aber eben an den unterschiedlichen Persönlichkeiten, Vorstellung und Bedürfnissen der einzelnen gescheitert ist. Und das ist am Ende kein Schmerz, sondern eine einfache Erkenntnis, dass nichts, was die Eine oder der Andere in der Vergangenheit anders hätte machen können, dazu geführt hätte, dass diese Liebesverbindung hätte halten können.

Lily King wird von vielen Leser:innen bereits seit ihrem ersten auf deutsch erschienen Roman „Euphoria“ hoch geschätzt. „Herz König“, wunderschön mit Verweisen auf den Inhalt spielend gestaltet, hat mir diese Autorin zum richtigen Zeitpunkt in mein Regal gespült. Eine neue Autorin zu entdecken, die mich auch herausfordert, aus meiner Komfortzone holt, ist immer ein Glück. Mit Dank an den C.H. Beck Verlag für das Exemplar und dem Wunsch an euch, die ihr uns hier auf dem Blog begleitet, dieses Regaljuwel ebenfalls zu entdecken – und jemandem wieder zu begegnen, wenn ihr Kings Roman „Writers and Lovers“ bereits kennt.

Herz König von Lily King ist gebunden und von Eva Bonné ins Deutsche übertragen im Juli 2026 im C. H. Beck Verlag erschienen. Für mehr Informationen zum Buch per Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder direkt auf der Verlagsseite.

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