Wie im Traum sicher durch den Krieg

Eugène Dabit! Auf ihn bin ich vor ein paar Jahren gestoßen, als ich im Reiseführer „Paris“ aus dem Michael Müller Verlag las. Als französischer Klassiker (von 1930) wurde der Roman „Hotel du Nord“ angepriesen …, das habe ich natürlich sofort gekauft, geliebt und das Hôtel vor Ort direkt besucht. Leider ist dieses wunderbare, von Julia Schoch übersetzte Buch mittlerweile vergriffen. Warum, lieber Schöffling Verlag? Meine Buchbesprechung dazu, hier auf dem Blog, verlinke ich mit diesem Satz.

Nun habe ich mir den noch vorrätigen Titel „Petit-Louis“ näher angeschaut und bin genauso begeistert! Dabit schreibt schlicht, schnörkellos und geht mir gerade deswegen so sehr unter die Haut. „Petit-Louis“ ist ebenfalls von Julia Schoch übersetzt und am Ende des Buches findet sich ein erhellendes Nachwort von ihr.


Der Roman wird von Dabit aus der Perspektive des 16-jährigen Petit-Louis erzählt, der in Paris aufwächst, als der Erste Weltkrieg über ihn und seine Eltern hereinbricht. Das familiäre Glück der kleinen Familie wird aufs Höchste getrübt, als der Vater eingezogen wird. Viele Monate später meldet sich der Junge, mittlerweile von Vaterlandsliebe überwältigt, freiwillig zum Kriegsdienst. Nun sind beide Männer weg und die Mutter muss schauen, wie sie sich finanziell über Wasser hält. Da ist man dann schnell nicht mehr wählerisch – und so nimmt sie, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Stelle an als Putzfrau in einem Etablissement der besonderen Art … Rasch realisiert derweil der Sohnemann, dass der Soldatenalltag wenig mit großartigen Heldentaten zu tun hat, sondern viel mit stupider Routine, Demütigung, rauem Umgangston und Langeweile. Als er an die Front kommt, wird die Langeweile durch Todesangst ersetzt.

Durch viel Glück überleben alle drei diesen Wahnsinn.

Ohne Pathos werden die Wirren des Krieges und die Gräuel an der Front erzählt. Das erinnert an „Im Westen nichts Neues“nur aus französischer Sicht.
Intensiv und aufwühlend, trotz seines lakonischen Stils. Ein Produkt seiner Zeit, das erstaunlich gut gealtert ist. Lediglich bei manchen Situationen, wenn Soldaten auf Frauen treffen, zuckt man als Frau der 2020er-Jahre zusammen und die kleine innere Kritikerin flüstert sofort, dass man das so nicht mehr lesen möchte: Wenn Dabis in einem Nebensatz beschreibt, wie ein testosterongeschwängerter Soldat sich auf offener Straße ein junges Mädchen schnappt und an sich presst. Doch dann fällt mir direkt beim Schreiben dieser Worte auf, dass sich daran, wenn man ehrlich ist, bis heute in Kriegszeiten nichts geändert hat.

Ein wirklich lesenswerter Roman, der mich nachhaltig beeindruckt hat.

„Petit-Louis“ von Eugène Dabit ist 2018 als Hardcover bei Schöffling erschienen. Die Erstausgabe erschien 1930 in Frankreich bei „Librairie Gallimard“. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

Ein Gedanke zu “Wie im Traum sicher durch den Krieg

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