Stereotype und Vorurteile köstlichst auf der Schaufel

Wow! Ich bin ganz hingerissen von diesem ungewöhnlichen Roman, der eine echte Überraschung für mich darstellte. Ab und an greife ich ja zu Büchern, die augenscheinlich sehr außerhalb meiner Komfortzone liegen, nur um mich lesetechnisch auf Entdeckungsreise zu begeben und nicht einzurosten. Auch bei Wlada Kolosowas und Raúl Sorias Werk war eigentlich alles jenseits meines bisherigen Erfahrungshorizonts. Zuerst bin ich eine blutige Anfängerin in Graphic Novel, die einen Teil des Buchkonzeptes ausmacht, dann stehe ich nicht auf grellbunte schreiende Cover, und Gespräche in elektronischer Form wie Chatverläufe habe ich schon zu eMail-Zeiten von Daniel Glattauers „Gut gegen Nordwind“ nicht ausstehen können. Dennoch hat mich der Inhalt der Geschichte irgendwie getriggert, ich wollte dem kleinen, mir bisher nicht so bekannten österreichischen Verlag und dieser Autorin mit osteuropäischem Namen einfach eine Chance geben. Eine derart bunte Mischung klingt eigentlich so, als würden hier die ganzen gegensätzlichen Stilmittel und Komponenten überhaupt nicht zusammenpassen, aber das Gegenteil war der Fall, ich freue mich noch immer wie eine Schneekönigin über meine Entscheidung.

In einem Haus, beziehungsweise Kiez in Berlin werden einige BewohnerInnen von der Autorin vorgestellt, beziehungsweise sehr tief skizziert und dies zuerst einmal ziemlich klischee- und schablonenhaft.

Tim und Thea mussten ins Glasscherbenviertel vier Stationen außerhalb des S-Bahn-Rings ziehen, weil der reiche Papi seinem höheren Töchterchen die feine Wohnung in der Innenstadt und das Herumgammeln als nichtbezahlte Praktikantin bei einer NGO nicht mehr finanzieren wollte und Tim als Zeichner einer Graphic Novel auch nicht in die Puschen kommt, ergo auch Null Geld für den Unterhalt beisteuert. So ist das kapitalismuskritische BOBO-Pärchen in der kniffeligen Situation, erstmals auf sich selbst gestellt den Lebensunterhalt zu verdienen. Thea beginnt bei einer veganen Hundefutterfirma (vegan und Hund – brüll – 😀 ) als Social-Media- und Community-Managerin zu arbeiten. Obwohl in der Firma New Work-Konzepte propagiert werden und alle sich so liebhaben, ist der Druck auf die Mitarbeiter enorm, das neue Organisationskonzept wird nicht dafür eingesetzt, dass die Angestellten keinen Burnout bekommen, im Gegenteil, in der Freizeit wird bei Firmen-Saufgelagen auch noch gearbeitet und gebrainstormt. Theas frühere Schulkollegin Anna ist auch noch ihre Chefin und nutzt die Protagonistin auf der persönlichen Ebene so derart perfide aus, dass diese die Reibungswärme, die entsteht, während Thea über den Tisch gezogen wird, auch noch als menschliche Regung fehlinterpretiert. Denn eigentlich zählen nur Followerzahlen, Klicks und ständige Arbeitsbereitschaft auch in der Freizeit, selbstverständlich unbezahlt und ohne Aufzeichnung, aber wehe, man ist nach einem Saufgelage einmal nicht fit genug, in der Früh in der Firma anzutreten. Wundervoll wird hier die neue Arbeitswelt auf die Schippe genommen, was in Romanform und auch in den Chatverläufen zwischen Anna und Thea dargestellt wird.

Tim zeichnet schon seit ewiger Zeit nicht gerade mit Hingabe an seiner Graphic Novel über die Auswirkungen der Klimakatastrophe auf ein sibirisches Mädchen, deren verstorbene, eingefrorene Großmutter aus dem auftauenden Eisgrab gerettet werden muss, damit sie in der Schmelze des Permafrostbodens nicht vergammelt. Die Fortschritte werden sehr genial von Raúl Sorias Comic illustriert. Ansonsten versucht Tim als Hausmann, Thea bei ihrem zermürbenden Job mit Kochen und Putzen zu unterstützen, die neue Wohngegend zu erkunden und Zeit totzuschlagen, bis seine Freundin aus der Arbeit, beziehungsweise von den Firmenfesten heimkommt. Dass so eine Konstellation sehr viel Sprengstoff für die Beziehung bedeutet, ist klar, Thea total überfordert, ausgebrannt und genervt versus Tim vorwurfsvoll, gelangweilt und dozierend.

Thea: kein Geld zu verdienen ist die eine Sache

Thea: aber wie er daraus eine Tugend macht, pisst mich schon an

Thea: erinnerst du dich an all seine Ich-war-schon-so-pleite-Geschichten und wie er die wie so Heldensagen erzählt?

Thea: „Als ich an der Masterarbeit saß, hatte ich an einem Wochenende kein Geld für Essen, also habe ich Speed genommen, weil es billiger war.“

Thea: und morgens trinkt er anderthalb Stunden seinen Kaffee und doziert darüber, wie der Spätkapitalismus Millenials ausbeutet

Bei seinen Erkundungen im Haus trifft Tim den ukrainischen Flüchtling Maxim, der diametral entgegengesetzt zu ihm und Thea gestrickt ist und bietet ihm Hilfe beim Deutschunterricht an. Maxim kann nicht verstehen, dass man sich absichtlich ärmlich kleiden und ungepflegt aussehen will, um auf Understatement und Kapitalismuskritik zu machen.

Ich habe sehr gesund Aussehen, viele Muskeln und wunderschön silberne Sneakers ich trage meistens weißes Unterhemd und Lederjacke wie James Dean. […] Meine Haare sehen super aus, weil Tatjana Efremowna schneidet sie jede Woche mit kleine Maschine. Gutes Aussehen ist wichtig, wenn alles um Dich herum ist hässlich.

Zudem lebt noch eine ganz liebe Omi im Haus und eine Großfamilie von gewalttätigen Moslems mit Bärten in der Nachbarschaft. Bald bekommt Tim große Probleme mit den Moslems, die ihn für einen Drogendealer halten und zusammenschlagen. Wer wirklich für dieses Missverständnis verantwortlich ist, wird von Tim auch gleich klar identifiziert, denn Maxim hat für einen Flüchtling viel zu viel Geld, verschwindet oft ganze Nachmittage und schämt sich offenbar zu sagen, wie er es verdient hat.

Nach dem feinsinnigen, filgranen Aufbau aller Klischees, Schablonen und Schubladen zertrümmert die Autorin anschließend im Finale all diese so herrlich, dass sie mir nur noch diebische Freude verschafft hat. Die bösartigen Moslems mit den Bärten sind die liebevollen Rumänen Bogdi, Nicu und Vali, die tatsächlich ein Hühnchen mit dem unbekannten Internetdealer BraunBär zu rupfen hatten, weil er den Stoff an den minderjährigen Cousin verkauft hat, Maxim der Ukrainer ist nicht BraunBär, verdient sein Geld mit etwas ganz anderem und spricht gegen Ende der Geschichte durch den Unterricht mit Tim vortreffliches Deutsch. Der Job von Thea löst sich in Luft auf, als sie einen Fehler macht. Die Beziehung zu Tim zerbröselt ebenso, weil es irgendwie bei aller Unangepasstheit des Lebenskonzeptes doch um Geld geht, das Tim nicht verdient. Tims Graphic Novel wird fertig und er schafft es endlich, den Antrag auf Hartz4 zu stellen. Ja, und BraunBär entpuppt sich auch, das werde ich aber nicht verraten.

Fazit: Buchstoffhöhepunkt! Lesen! Ein großartiges Vergnügen! Mehr ist hier nicht mehr zu sagen.

Der Hausmann von Wlada Kolosowa ist im Verlag Leykam als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

2 Gedanken zu “Stereotype und Vorurteile köstlichst auf der Schaufel

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