Agatha Christie trifft Oskar Kokoschka

Wow! Das war wirklich eine positive Überraschung, dieser unscheinbare, sehr biografische Roman mit fiktiven Dialogen, der die dunkelsten Winkel der beiden berühmten Persönlichkeiten aufdecken will. Was der Werbetext des Verlages am Buchumschlag lauthals verspricht, wird so was von übererfüllt, dass ich nur noch begeistert war. Zudem kommt beim Nachrecherchieren auch noch raus, dass sehr wenig der hier dargestellten dunklen Geheimnisse reiner Fiktion entspringen. Genauso oder so ähnlich haben sie sich sicher zugetragen, das bestätigen auch Zeitzeugen, Zeitungsmeldungen, Tratsch aus der Zeit, polizeiliche Ermittlungsakten und Werke.

Der Anfang dauerte ein bisschen, die Anbahnung der Portraitmalsitzung zwischen Kokoschka und Agatha Christie war etwas holprig und wenig gelungen, hingegen die erste Sitzung grandios. Zuerst dachte ich noch, die Verbindung dieser beiden Persönlichkeiten wäre von der Autorin als klug gemachte Fiktion konzipiert, um den Berühmtheiten ihre Geheimnisse zu entlocken, aber denkste, Kokoschka hat Agatha Christie tatsächlich gemalt. Dieses Bild gehört aber zu den eher unbekannten Werken.

Da die alte Dame der Kriminalliteratur erstens nicht gerne über sich selbst redet, in der Konversation sogar ein bisschen schüchtern ist und zweitens Herrn Kokoschka zu Anfang nicht gerade sympathisch findet, beginnt der Maler ein paar seiner Geheimnisse zu lüften, sozusagen als Eisbrecher in der Kommunikation. Er braucht nämlich unbedingt Einblicke in den Charakter der Persönlichkeit, um sie auf die Leinwand bannen zu können. Klassische, ewig lange Sitzungen mit unbewegten, starren, stillsitzenden Menschen, gleich Modellen kann Kokoschka nicht ausstehen, er will das tiefe Wesen seiner Porträtierten aufs Papier bringen. Dafür braucht er Informationen über deren intimen Charakter und deren Geheimnisse.

Anstatt Agatha redet also Kokoschka auf Nachfrage über seine Affäre mit Alma Mahler, geborene Schindler, eine Femme fatale, die in Wien mit sehr vielen berühmten Persönlichkeiten von Rang und Namen etwas hatte. Dazu gehören der Komponist Gutstav Mahler, den sie heiratete, der Komponist Franz Schreker, der Biologe Paul Krammerer, Oskar Kokoschka, der die Witwe Mahler unbedingt heiraten wollte, der Komponist Hans Pfitzner, der Architekt Walter Gropius, mit dem sie Gustav Mahler und Kokoschka betrog und der nach Jahren ihr zweiter Ehemann wurde und letztendlich der Dichter Franz Werfel, der mit ziemlicher Sicherheit Gropius die Hörner aufsetzte und der ihr dritter Ehemann wurde.

Abgesehen von ihren Affären war Alma Mahler-Werfel aber auch eine anerkannte Künstlerin, Muse und Förderin der Künste. Ihre Salons mit berühmten Persönlichkeiten waren legendär. Zudem scherte sie sich nicht um Konventionen, sie hat die während ihrer Affären entstandenen Kinder mehrmals „verloren“, von einigen ist historisch verbrieft, dass sie abgetrieben hat. So konnte es Oskar Kokoschka nie verwinden, dass sie ihr gemeinsames Kind trotz eines Eheversprechens seinerseits abgetrieben und dass sie ihn mit Gropius betrogen hat.

Einige dieser historischen Tatsachen, seine Beziehung zu Alma und all seine Kränkungen schildert Kokoschka Agatha Christie, um sie ihrerseits dazu zu bringen, ihr Innerstes zu offenbaren. Was dann in den folgenden Portraitsitzungen offenbart wird, entspringt wahrscheinlich der Fantasie der Autorin. Das ist gruselig, abartig, heavy aber extrem gut gemacht. Kokoschka kann die schmerzhafte Trennung von Alma Mahler nicht verwinden. Deswegen lässt er sich eine lebensechte Alma Puppe fertigen, mit der er in einer Dreiecksbeziehung mit seinem Stubenmädchen lebt. Möglicherweise gibts da einen wahren historischen Kern und es gab Gerüchte in Dresden. Wenn nicht, ist das sehr gut erfunden.

Schlussendlich ab der fünften Sitzung bringt Kokoschka Agatha Christie auch zum Reden. Sie erzählt ihm von ihrem Ausbruch aus der Ehe, als sie für elf Tage verschollen war und ganz England, respektive eigentlich auch noch Europa dazu, nach ihr gesucht haben. Ich habe das nachgegoogelt, auch in diesem Fall stimmt fast alles und der Rest ist schlüssig dazuerfunden. Die nach den Portraitmalsitzungen entstandene langjährige Freundschaft der beiden, ist auch historisch verbrieft und endete erst 1976 mit Christies Tod.Bild aus der Kokoschka Sammlung Schweiz

Fondation Oskar Kokoschka
Musée Jenisch
Avenue de la Gare 2
CH – 1800 Vevey

Fazit: So gut wie das reale Bild, das Kokoschka von Agatha Christie gemalt hat, letztendlich geworden ist, so gut ist dieser Roman gelungen, eine wirklich positive Überraschung. Hier werden perfekt Fakten mit Fiktion verwoben. Vor der Rechercheleistung der Autorin kann ich nur den Hut ziehen. Ich spreche eine eindeutige Leseempfehlung aus, aber nur für jene LeserInnen, die mit den zwei Persönlichkeiten auch irgendetwas anfangen können.

Doppelportrait von Agneta Pleijel ist im Verlag Urachhaus als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch durch einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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