Am Ende des Tages sind wir alle nur Menschen …

– ein weiser Spruch einer Frau, die weiß, was es heißt, im Rampenlicht zu stehen. Und das nicht nur auf der Bühne oder im Film, sondern auch in Bezug auf ihr Privatleben. Heute, in Zeiten von Smartphone und Social media ist es noch schwieriger, als früher, als Person des öffentlichen Lebens, tun zu können, was man wirklich will. Und auch wenn es heute auf manchen Ebenen einfacher ist, Vorlieben auszuleben, so bleibt das Leben doch ein komplexes und jede Handlung wird von außen bewertet, für gut oder schlecht befunden. Sich und vor allem die Menschen, die man liebt, vor Verletzungen verschiedenster Art zu schützen, bleibt schwierig. Und manchmal braucht es ungewöhnliche Schritte, wie in dem bereits 2017 verfassten Roman von Taylor Jenkins Reid mit dem Titel „Die sieben Männer der Evelyn Hugo“.

2020 bin ich durch „Daisy Jones & The Six“ auf Taylor Jenkins Reid aufmerksam geworden und war begeistert. Ihre Fähigkeit Geschichten so zu erfinden, dass sie sich tatsächlich so zugetragen haben könnten und dabei die Vielschichtigkeit von Beziehungen aufzuzeigen, hat mich umgehauen. Und deshalb musste ich unbedingt wissen, was es mit Evelyn Hugo und ihren sieben Ehen auf sich hat. Natürlich dachte ich bei sieben Ehemännern einer Filmikone der 1950er/60er Jahre sofort an Liz Taylor, doch Jenkins Reid hat ihre Hauptfigur so fabelhaft gezeichnet, dass sie quasi die Vorlage für jedwedes Hollywood-Leben sein könnte, ohne dabei beliebig zu wirken.

Evelyn Hugo lebt lange Zeit schon zurückgezogen. Nun will sie einige ihrer schönsten Kleider für einen guten Zweck versteigern lassen. Dass sie eine bisher wenig bekannte Lokalreporterin bei deren Zeitschrift explizit als Ghostwriterin anfragt, um ihre Memoiren zu verfassen, überrascht nicht nur Monique selbst, sondern auch deren Chefin bei Vivant und die Konkurrenz eines Onlinemagazins. An dieser Stelle greift Jenkins Reid zu einem Stilmittel, das in unserer Realität Alltag ist: Sie fügt einen Artikel ein, in dem sich die Verfasserin tatsächlich darüber mokiert, dass eine unbekannte Journalistin das Glück hat, Hugo interviewen zu dürfen – der Clou dabei sind die angefügten Kommentare, die zeigen, wie schnell LeserInnen heute mit Bewertungen bei der Hand sind, obwohl niemand von ihnen weiteres Hintergrundwissen besitzt.

Doch Hugo ist unnachgiebig und scheint gewisse Gründe zu haben, weshalb sie Monique ihre Lebensgeschichte erzählen will. Hugo und Monique haben einiges gemeinsam. Hugo wuchs als Tochter kubanischer Einwanderer in Hell’s Kitchen auf, Moniques Mutter ist weiß, ihr Vater war schwarz. Während Hugo sich allerdings eine neue Identität zulegte, sich quasi neu erfand, um Karriere zu machen, ist sich Monique noch nicht so ganz der ihren bewusst. Hugo ist schön und talentiert und lernt schnell, wie man sich im Filmgeschäft behauptet. Dabei kommt ihr eine Freundschaft zu Gute, die eine lebenslange wird. Harry Cameron, seines Zeichens Produzent, ist so etwas wie ein Seelenverwandter für Hugo. Er berät und unterstützt sie auch privat, um ihre Karriere auf- und auszubauen. Und dazu gehört so einiges, wie zum Beispiel Verabredungen mit bereits erfolgreichen männlichen Filmstars. Durch solch eine PR Aktion lernt Hugo ihren zweiten Mann (der erste war ein junger Mann, mit dessen Hilfe sie Hell’s Kitchen den Rücken kehren konnte) Don Adler kennen. Tatsächlich funkt es gewaltig zwischen den beiden und sie heiraten publikumswirksam. 

Ist die zweite Ehe von Hugo also eine Liebeshochzeit – leider entpuppt sich ihr Mann nach kurzer Zeit als aufbrausend und cholerisch, was schlußendlich zur Scheidung führt – ist so manche der folgenden Verbindungen eher zweckgebunden beziehungsweise kalkuliert, um die Liebe ihres Lebens und ihrer beider Karrieren zu schützen. Das ist die eines der beiden Geheimnisse, weswegen Hugo unbedingt Monique als Ghostwriterin engagieren wollte. wobei Monique mit dem Buch sowohl eine Menge Geld als auch Anerkennung gewinnen wird. Wiederum ein Kalkül, das Hugo klug gewählt hat. Monique soll also erfahren,, wer die große Liebe Hugos war – und ich will nur eines sagen, es war keiner der sieben Männer, mit denen sie verheiratet war – und gleichzeitig soll das zweite Geheimnis gelüftet werden, das einerseits mit einer gewissen Vorliebe sowohl Hugos, als auch Camerons und andererseits ganz persönlich mit Monique zu tun hat. 

Die Themenbreite, die Jenkins Reid in ihrem flott zu lesenden und dennoch nicht oberflächlichen Roman anspricht, ist immens. Da geht es von der Behandlung von Frauen im allgemeinen und im besonderen im Filmbusiness über die Jahre hinweg, über zu den Rechten von Menschen aus PoC oder LGBTQ Gruppen, zu Persönlichkeitsrechten und Feminismus und den Grenzen, die jede*r zu wahren hat, um sich und seine Lieben zu schützen. Jenkins Reid gelingt es mühelos zu zeigen, wie sehr das alles ineinandergreifen kann und sich gegenseitig bedingt. Der feministische Blick ist allgegenwärtig, aber in einem guten, positiven Sinn, der auch die Männer nicht außen vor lässt. Denn sie leiden häufig  unter denselben Anfeindungen oder Begrenzungen, wie wir Frauen, wenn sie eben die „männlichen Spielregeln“ nicht beachten. 

Die Auflösung des zweiten Geheimnisses zeigt noch einmal, wie vielschichtig Evelyn Hugo als Person angelegt ist und wie viel man doch verbergen kann, wenn man es unbedingt muss oder möchte. Monique hat über die vielen Tage, in denen sie Evelyns Geschichte von ihr selbst erzählt bekam eine Beziehung zu ihr aufgebaut, die sie nicht als Star erscheinen lässt, sondern einfach als Mensch, der eben jeder am Ende des Tages ist. Und deshalb trifft sie die Enthüllung des Grundes, weshalb sie als Ghostwriterin ausgewählt wurde so sehr. Dabei übersieht sie zunächst den wahren Grund von Hugos Verhalten ihr gegenüber. Nicht Resolution oder Vergebung ist es, die sie sich selbst wünscht, sondern die Vergewisserung einer Liebe, die Monique leider nur kurz erfahren durfte. 

Taylor Jenkins Reid hat mich auch dieses Mal mehr als überzeugt. „Die sieben Männer der Evelyn Hugo“ gehört für mich in die erst vor kurzem bei mir eingezogene Reihe von Büchern von Frauen, die wichtige und schwere Themen mit einer wunderbaren Fertigkeit erzählen, die Freude macht. Die Verweise, die über fktive Filmnamen oder Personen eingebaut sind, wecken lebhafte Assoziationen zu realen Ereignissen. Bitte bitte mehr davon.

Die sieben Männer der Evelyn Hugo von Taylor Jenkins Reid ist am 31. März 2022 als Taschenbuch bei den Ullstein Verlagen erschienen. Für mehr Info zum Inhalt über Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

 

 

 

4 Gedanken zu “Am Ende des Tages sind wir alle nur Menschen …

  1. Ich danke Dir! Weshalb glaubst Du, dass das Buch doch nichts für Dich ist? Ich jab noch nicht nach anderen Besprechungen geguckt, insofern würde mich das brennend interessieren. LG, Bri

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  2. Ja, naja meines dachte ich auch nicht, aber sie schafft es, das Ganze auf eine Ebene zu packen, die man nicht vermutet. Natürlich geht es um Liebe, aber nicht kitschig und um Identitäten. Ich hoffe, Du bist nicht enttäuscht, solltest Du es lesen. LG, Bri

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  3. Schönen guten Morgen!

    Das ist ja eigentlich so gar nicht mein Genre, aber du hast mich jetzt wirklich neugierig gemacht. Ich werd mir das Buch auf jeden Fall mal auf die Merkliste setzen!

    Liebste Grüße, Aleshanee

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