Die DNA des Russentums?

Sollen wir in der gegenwärtigen Situation alles Russische boykottieren? Diese Meinung teile ich überhaupt nicht, ich bin absolut dafür, Werke der Kriegsunterstützer zu meiden, aber die Regimekritiker mehr als sonst heranzuziehen, vor allem ihre Meinung einzuholen und zu verbreiten.

Ein solcher sehr intensiver Kritiker der russischen Gesellschaft und Politik ist seit jeher Vladimir Sorokin, dessen Sammlung von Kurzgeschichten heuer übersetzt herauskam.

Ich habe schon seit Jahren mit vielen Werken dieser Literaturform in zweierlei Hinsicht meine Probleme. Sehr viele Shortstories sind für sich einzeln betrachtet nicht wirklich gut, aber auch nicht schlecht, sie sind einfach meist nur zu kurz und ähneln eher abgebrochenen Szenen oder auch nicht vollendeten Fragmenten von Romanteilen, als dass sie als wirklich liebevoll abgeschlossene Werke und dramaturgisch auf hohem Niveau mit einem kompletten Spannungsbogen konzipierte eigenständige Stücke bezeichnet werden könnten.

Auch in diesem Fall hatte ich wieder meine typischen Schwierigkeiten. Ich mag Sorokins Vorstellkraft sehr, seine verklausulierte Mystik, seine indirekten Metaphern, mit denen er auf einer Meta-Ebene etwas vermitteln will, aber bei einigen dieser Stücke vor allem zu Beginn verpufft das alles, denn sie sind für mich zu kurz, um irgendetwas zu verstehen. Es ist, als würde ich zwar die Sprache, aber die Semantik dahinter nicht checken – ich fühlte mich streckenweise wie die düpierte Zensurbeamtin, an der der Autor sein Stück vorbeischummeln will und die zu dumm ist, die Regimekritik zu identifizieren, weil Sorokin so indirekt formuliert.

Das zweite Problem ist oft auch den Verlagen geschuldet, denn viele dieser Sammlungen werden meist recht unzusammenhängend und konzeptlos quer durch die gesamte Schaffensperiode der Autor*innen in einem Band zusammengestellt. Sehr oft fehlt einfach eine befriedigende, spannende übergeordnete Thematik mit einem roten Faden. Leider muss ich diese Kritik auch hier teilweise ansetzen.

Bisher erklären mir nur vier Geschichten wirklich russisches Leben, russische Gesellschaft, russische Politik und die DNA des Russentums, welche mir übrigens gut gefallen haben:

  • Geschichte 1: Die rote Pyramide: Kommunismus und Beziehungen, wie die persönliche Entwicklung und Entfaltung von Individuen blockiert wird
  • Geschichte 5: Der Fingernagel: ein russisches Saufgelage der Oberschicht und absolute Eskalation eines Dinnerabends
  • Geschichte 6: Lila Schwäne: russische Regierungs- und Gesellschaftskritik und der völlig bekloppte orthodoxe Aberglaube, also Kritik an der Seele der Gesellschaft und dem russischen DNA-System
  • Geschichte 7: Der Tag des Tschekisten: Wie generiert das gegenwärtige System russische Terrorsoldaten des Grauens

Die restlichen fünf Shortstorys sind bedauerlicherweise so maskiert im Plot und von der Figurenentwickllung her angesetzt und formuliert, sie könnten daher überall in der Welt, beziehungsweise in einer Traumwelt angesiedelt sein, zwei davon würden sogar besser in eine Zusammenstellung von phantastischen Geschichten passen. Hier habe ich so gut wie nichts zur russischen Thematik herausgefunden und das war dann auch der für mich enttäuschende Teil dieser Sammlung.

Fazit: Wer prinzipiell ein Fan von Kurzgeschichten ist, sollte sich diesen Band nicht entgehen lassen, wer dieselben Probleme wie ich mit dieser Literaturform verortet, sollte sich unbedingt einmal einen Roman von Sorokin gönnen. Ich war von Manaraga schwer begeistert.

P.S.: Ein spannendes ausführliches Interview mit Vladimir Sorokin zu seinem Buch und der gegenwärtigen politischen Situation findet Ihr hier in der österreichischen Wochenzeitung Falter auf Seite 21-22 unter dem Titel: Wir sind alle Geiseln von Putins Kränkung.

Die rote Pyramide von Vladimir Sorokin ist im Verlag Kiepenheuer&Witsch als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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