Held kriegt die Kurve

Ultraviolett beschreibt eine mir ziemlich unbekannte Welt und auch eine mir fremde Generation, aber das schafft der Autor Flurin Jecker so authentisch und dermaßen gut, dass ich sehr viel schlüssig nachvollziehen konnte. Genauso geht gute Fiktion.

Der Protagonist, ein junger Mann mit dem Spitznamen Held leidet an seinen Dämonen, die er Geister nennt. Wenn ich aus eigener Erfahrung mal psychologisch-diagnostisch dilettieren und etwas projizieren darf, hat er seit der Kindheit Panikattacken, die er sich nicht erklären kann und er will zudem einfach nicht erwachsen werden. Diese Probleme bekämpft er mit ausufernden, nicht enden wollenden Technopartys in Berliner Szenelokalen und unterschiedlichen Drogen wie Ecstasy, Ketamin, Weed, Kokain, Speed, LSD … .

Wie fremd mir diese Welt ist, wurde mir jetzt beim Schreiben dieser Rezension auch gleich wieder klar, denn ich wusste nicht einmal, wie man Ecstasy richtig schreibt – das musste ich googeln. Was mir ausnehmend gut gefallen hat, ist der Umstand, dass die unterschiedlichen Drogenräusche dementsprechend auch sehr verschiedenartig und realistisch beschrieben werden, ebenso wie das wummern der Techno-Beats, die ausufernden Tanzsessions und die unterschiedlichen Szene Lokale wie der Hüpfer. Wenn ich mich zwar persönlich ungerne in solche beatstampfenden, trommelfellzerfetzenden und herzschlagerhöhenden Technoschuppen begebe, so habe ich die total anschauliche Beschreibung derselben ohne Lärm und negative Auswirkungen auf meinen alten Körper sehr genossen. Es ist fast so, als wäre ich dabei gewesen, habe nächtelang getanzt und Drogen genommen, aber ich muss die Auswirkungen nicht unmittelbar ausbaden: den Kater, das Kopfweh, die Dehydrierung, das Herzrasen etc., obwohl ich natürlich geistig mit der Hauptfigur auch diesbezüglich ordentlich mitleiden durfte.

Seinen Unterhalt verdient sich unser Protagonist und Studienabbrecher mit Plakatierarbeiten und einem Mini-Journalistenjob bei einem angesagten Szene-Magazin, in dem er gelegentlich über Technoveranstaltungen, -Konzerte und -Geheimtipps schreibt und Interviews mit Szenegrößen gestaltet. Ganz der Deadline-Junkie werden die Artikel immer erst nach dem eigentlichen Redaktionsschluss igendwann in der Nacht fertig, was seinen Chef mittlerweile gar nicht mehr so stört, denn unter Druck läuft Held offensichtlich journalistisch zur Höchstform auf.

Bereits zu Beginn der Geschichte lernt unser Held das Mädchen Mira kennen, in das er sich ziemlich flott unsterblich verliebt, das ihm aber vorerst durch seinen Lebensstil durch die Lappen geht. Mira ist eine sehr pragmatische patente junge Frau, die sich normalerweise außerhalb seiner Techno-Szene bewegt. Auch sie mag Held sehr gerne, merkt aber dennoch, dass er derzeit ob seiner psychischen Baustellen und seines Lebenswandels noch viel zu unreif für eine Beziehung ist. Sie setzt ihn unter Druck, stellt ihm fast ein Ultimatum, gemeinsam mit ihm von Berlin in die Schweiz zu fahren. Doch Held ist noch nicht so weit, merkt aber schmerzlich, wie sehr ihm seine Probleme sein Glück verstellen.

Deshalb begibt er sich alleine auf die Reise in die Schweiz zu seiner Mutter und auf einen Trip in die Vergangenheit, um zu eruieren, was eigentlich bei ihm in seiner Psyche so beschädigt, und warum es kaputtgegangen ist. Zuerst muss er herausfinden, weshalb ihn die sogenannten Geister – die Panikattacken – verfolgen, denen er schon seit seiner Kindheit mit Flucht und im Erwachsenenleben durch Flucht in Drogen zu entkommen versucht. Dabei begibt er sich auch auf die Suche nach den Problemen seiner Kindheit und dem ein bisschen distanzierten Verhältnis zu seinem Vater. Auch die Probleme seiner Mutter, mit der Held schon immer ein sehr liebevolles Verhältnis pflegte, werden aufgedeckt, denn seine Mutter und seine Tante hatten definitiv in ihrer Kindheit ein schweres Los, das die Mutter aber nie an ihrem Sohn ausgelassen hat. Das ist in sich eine schöne Reise in die Vergangenheit und eine gute, erzählenswerte Familiengeschichte.

Was mir aber trotzdem einfach nicht klar wurde, ist der Umstand, warum Held deswegen derart gestört ist. Eine ganz liebe innige Beziehung zur Mutter, ein sehr netter, bemühter, aber emotional distanzierter, kopflastiger Vater und kürzlich ein kleines verdrängtes Trauma, weil sich sein Freund offensichtlich umgebracht hat. Nichts erklärt zumindest mir, die seit der Kindheit bestehenden schweren Panikattacken, die ständige Furcht und Flucht davor, die emotionale Lähmung, sich auf gar nichts – Job, Menschen, Verantwortung – richtig einlassen zu können und diese Lebensunfähigkeit. Viele Kinder ohne Vater mit ganz schweren Gewalttraumata und sexuellen Missbrauchserfahrungen haben zwar auch Panikattacken, aber sind insgesamt einfach durch ihre jahrelang entwickelten Überlebensstrategien weitaus lebensfähiger als unser Protagonist. Zudem dürften sich ja in der Kindheit auch einige Psychotherapie-Spezialisten und Esoteriker das Problem angeschaut haben, ohne es lösen zu können. Das Einzige, was mir dann zu dieser Irritation und ambivalenten psychischen Auflösung im Plot eingefallen ist: Ah, das muss der mir unverständliche Typus des Millennials sein, der ohne einen Funken Frustrationstoleranz und ständig von Mutti behelikoptert, sich in seinen Miniproblemen suhlt und einfach nie angefangen hat, Verantwortung zu tragen.

Letztendlich kommt unser Held aber in die Puschen, entwickelt sich, stellt sich am Ende seinen Ängsten und seiner Verantwortung, kriegt das Mädchen und als Sahnehäubchen drauf auch noch das Szene-Magazin. Das ist fast ein bisschen unfair, wie sehr im alles in den Schoß fällt.

Fazit: Leseempfehlung! Grandiose Milieuschilderung gemischt mit einer Familiengeschichte und Liebesstory. Zudem eine Coming-of-Age-Story mit einem Protagonisten, der für dieses Genre eigentlich schon viel zu alt ist. Ein paar psychische Motive und Probleme konnte mir der Autor nicht ganz schlüssig erklären, das könnte aber durchaus an meinem eigenen Unverständnis liegen.

Ultraviolett von Flurin Jecker ist 2021 im Verlag Haymon als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

2 Gedanken zu “Held kriegt die Kurve

  1. @thursdaynext ich war mir nicht sicher, ob ich die Generation wirklich richtig zugeordnet habe. Weißt eh mir kommen da die Generationen an den Grenzjahrgängen a bissi durcheinander. Das letzte was ich will, ist da in die Generation prinzipiell reinzubashen, aber unser Held ist so ein gehelikopterter BOBO-Nichtsnutz, hat schon als Bub alle Aussichten, jegliche Chancen, denn Vati ist Professor, Vitamin B, damit er vom Schweizer System mitten im Studium auch noch auf die Uni in Berlin wechseln kann, ohne von vorne anzufangen, macht sich überhaupt keine Sorgen um die Umwelt, lässt sich treiben und wird wirklich von vorne bis hinten gepampert. Seine Abnabelungsprobleme in der Kindheit und seine Geister werden von unzähligen Therapeuten und irgendwelchen Eso Klangschalenexperten begleitet und seine Probleme auf Personal delegiert, nie muss er etwas alleine lösen.

    Die derzeitige Generation (Schule bis Studium) muss in der Pandemie wirklich viel mitmachen, ich ziehe auch wie Du den Hut vor ihnen, wie sie das alles wuppen und glaube, sie sind sehr frustrationstolerant und erwachsen geworden, haben sich sehr viele neue soziale und andere Fertigkeiten und Wissen außerhalb des Schul- und Uniwissens angeeignet, die man noch gar nicht genug wertschätzen und beurteilen kann. Zudem sind sie eigentlich politischer als unsere Boomergeneration und das ist sehr gut wenn sie uns herausfordern. Ich hoffe, die Leute unserer Generation an den Schalthebeln der Macht und Politik hören endlich auch auf sie. Derzeit sind sie grad in Wien auf der Straße, um eine mehrspurige Autobahn durch ein Augebiet Lobau, zu verhindern und wurden von der der Stadtverwaltung ziemlich gelinkt und letzte Woche geräumt. Ich bin voll bei denen und unterstütze auch Fridays for future.

    Auch die Schulsprecher haben sich wegen der mündlichen Präsenz-Matura as usual bei uns die letzten Wochen auf die Füße gestellt und protestiert – ich bin auch voll bei denen, denn Notendruck, same procedure wie vor der Pandemie usw. ist wirklich das letzte, was die jetzt brauchen. Ich hoffe, auch hier gibt es ein Einsehen und einen Kompromiss. Das komische ist, dass ich als alte Schachtel auf der Uni massiv für den Wechsel zu Online Open Book-Prüfungen bin, ein Teil des jüngeren Lehrpersonals findet aber, das ist viel zu viel Arbeit mehr als eine Prüfung und dann auch noch mit Praxisbezug also die Prüfung von Anwendungswissen und Case Studies zusammenzustellen. Das ist auch ein Horror bei den mittelalten Lehrern. Im März bei der Nachprüfung wollen sie mich schon wieder auf Präsenz umstellen, da muss ich auch noch protestieren, denn ist ja nicht mehr zeitgemäß.

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  2. Interessante Annahme über „Millenials“ die ich allerdings für zu kurz gegriffen halte. Ich weiß nicht genau wie alt dieser junge Protagonist ist aber es klingt nach Generation Z: 1997 -2012. Ehrlich, diese Schuldzuweisung hat mich aufgeregt. Wahrscheinlich weil ich helicopternde Millenialmom bin, das ist die einfache Erklärung, die andere ist was wir als Gesellschaft dieser Generation zumuten. Schau dich mal um, ich habe des öfteren ein schlechtes Gewissen Kinder in diese Welt gesetzt zu haben. ich habe mit Kitakindern, Grundschülern und Teens gearbeitet und ich sehe die Anforderungen die ihnen gestellt werden. Markttauglich sollen sie sich verkaufen, lückenlos, G8 mit Glück, wenn Pech und in die falsche Klasse geboren Hauptschule, bei ganz viel Pech ohne Abschluss. Vollgepumpt mit Medien aller Art besonders den asozialen, kritiklos in der Schule durch den Stoff gejagt, zugemüllt mit vorherrschenden „Kauf-dich-glücklich Ideologie“ mittendrin im Neoliberalismus, frustriert von der Lobbyhörigen Politik, nicht zu vergessen Klimawandel, Umweltverschmutung und Zerstörung, Artenvernichtung, allgemeine weltpolitische Lage, und wenn sie in Charge sind ist es sehr sehr spät die Dinge noch zu reissen, denn momentan sind es die Boomer die das Sagen haben oder Menschen die nicht mehr viel Zukunft haben wie Biden und Putin. Da nicht erwachsen werden zu wollen, Panikattacken zu bekommen, ich kann es verstehen, dass nicht alle resilient genug sind. Besonders nicht die Nachdenklicheren. Ach ja, Cancel Culture und den allgemeinen sehr unerfreulichen öffentlichen Diskursstil hab ich noch vergessen, unter anderem. Und die Pandemie ein wenig … war auch nicht toll für die kids. Nichtmal die Chance auf den Wohlstand ihrer Eltern haben sie noch, ein „Häusle“ bauen ist nur drin wenn sie erben können oder finanziell deftig gepampert werden, auch abhängig wohinein sie geboren wurden. Ebenso wie Bildung, Naturverbundenheit, Liebe zur Kunst, all jene brotlosen Dinge die das Leben verschönern. Ich kenne genug junge Menschen deren Zukunftsprognose mau ausschaut und ich ziehe den Hut vor allen die es schaffen da geistig gesund rauszukommen.

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