Liebe in der Krise – eine leise, unspektakuläre Geschichte

Seit meiner Jugend hatte ich nicht mehr das Gefühl, jemand erzählt aus einigen Aspekten meine eigene Geschichte in einem Buch. Kein Wunder also, dass ich mich von diesem Roman gar so angesprochen fühlte und ihn ob dieses Involvements natürlich möglicherweise besser beurteile, als andere, die noch nie in so einer Situation waren.

Der Plot baut sich sehr gemächlich auf und bedient auf weiten Strecken die sehr leisen, subtilen Töne. Der Roman beschreibt eine tiefe Beziehung, die sich im Laufe einer langjährigen Ehe ganz schön abgenutzt hat und die durch äußere und innere Umstände, die teilweise nicht zu ändern sind, in eine veritable Krise geraten ist, in der sich das beteiligte Ehepaar aber stets bemüht, höflich und respektvoll zueinander zu sein und konstruktiv an der Lösung der Probleme zu arbeiten. Aber auch mit Ehrlichkeit und dem Ansprechen von Verletzungen wird bei der Analyse dieser Ehe nicht gespart, wenn sie auch nicht polternd in die Welt hinausgeschrien werden.

Rahel, eine Frau in den Wechseljahren, dreißig Jahre mit ihrer großen Liebe verheiratet, hat Troubles mit ihrem Ehemann Peter, die sich vor allem im Schlafzimmer und durch Entfremdung manifestieren. Peter war zwar früher auch nie der große Sexgott, hat nun aber sowohl den Sex als auch die Herstellung von Intimität gänzlich eingestell

Durch Zufall müssen die beiden bei einem älteren befreundeten Ehepaar ein einsames Haus in der Uckermark betreuen, weil Freund Viktor leider ernsthaft erkrankt ist und seine Frau Ruth sich im Krankenhaus um ihn kümmern muss. Neben der nötigen Versorgung der Tiere, die zum Haus dazugehören und der Betreuung des Gartens sind Peter und Rahel plötzlich völlig auf die Gesellschaft des anderen fokussiert und haben nun endlich die Gelegenheit – beziehungsweise sind geradezu mangels Alternativen dazu genötigt – ihre Probleme zu benennen, zu analysieren und zu lösen. Dabei schleichen die beiden natürlich zuerst tagelang lauernd wie auf Zehenspitzen, recht sprachlos und möglichst nicht aneckend umeinander herum. Sie geben sich ihren Gedanken, ihrer Wut, ihrer Trauer um die verlorene Liebe und ihrer Ohnmacht hin und versuchen, durch lapidare Dialoge und durch Vorschützen von Beschäftigungen die notwendige Auseinandersetzung mit der Wurzel der Probleme ihrer Beziehung aufzuschieben.

Fast alles wird in der Geschichte aus der Innensicht und vom Standpunkt Rahels aus beleuchtet, die anfängt, nachzudenken. Rahel hadert mit der Ablehnung von Intimität durch Peter und mit der daraus resultierenden zunehmenden Entfremdung beider Partner, sie weiß aber auch, dass sie kürzlich durch eine gedankenlose Fehleinschätzung etwas in ihrer Ehe ordentlich vergeigt hat. Peter hatte als Professor massive Probleme in seinem Job mit woken Studenten, die ihm zu Unrecht Transphobie vorwarfen und die einen Shitstorm gegen ihn persönlich losgetreten haben, der ihm seinen Job als Professor und Lehrender ordentlich vergällt hat. Rahel hat die Petitesse, die zum Konflikt mit den Studenten geführt hat, unterschätzt und Peters Probleme anfänglich überhaupt nicht wahrgenommen. Sie hat ihn in seiner ernsthaften beruflichen Krise allein im Regen stehen lassen, indem sie ihn nicht ernst nahm. Die Dynamik der Ereignisse gaben Peter im Nachhinein Recht, aber da war es zu spät, den Ehemann zu unterstützen, denn er fühlte sich schon von Rahel verraten.

Zudem plagen Rahel Selbstzweifel und die typischen Klimakteriumsbeschwerden, irgendwie hat sie auch das Gefühl, dass Peter sie nicht mehr begehrt, weil sich ihr Geruch durch das ständige Schwitzen und die Hormonumstellung verändert hat.

Beim Vortäuschen von Ablenkungs-Aktivitäten, um nur ja nicht mit Peter reden zu müssen, findet Rahel im Atelier von Viktor zufällig Material, das ihre gesamte Identität in Frage stellt. Könnte der im Krankenhaus liegende Viktor tatsächlich ihr Vater sein? Als sie ihren Verdacht Peter anvertraut, entsteht erstmals wieder ein gegenseitiges Verstehen und eine Nähe, das Eis scheint gebrochen.

Dieser Durchbruch in der Beziehung zwischen Peter und Rahel wird aber sofort torpediert, denn die um absolute Aufmerksamkeit buhlende erwachsene Tochter Selma drängt sich in einem Überfall zusammen mit ihren Kindern im Haus bei den Eltern auf und bringt ihre eigenen Ehe-Probleme und andere Schwierigkeiten lautstark aufs Tapet, ohne sich darum zu kümmern, ob sie vielleicht stören könnte. Alles muss für die Drama Queen und ihre verzogenen Kinder in den Hintergrund treten. Hier eröffnet sich ein weiteres Schlachtfeld für Rahel, denn die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist nicht gerade die beste, wogegen sich Rahel mit ihrem Sohn Simon blendend versteht. Egal wie höflich Rahel etwas formuliert, Selma ist dauergekränkt, auf Angriff mit der Schuldkeule gebürstet und so egozentrisch, dass sie nicht einmal merkt, beziehungsweise hören will, dass ihre Eltern eigentlich Zeit für sich selbst brauchen.

Der Roman endet nach längerem hin und her, abwechselnd einigen herben Rückschlägen und positiven Entwicklungen unkitschig überhaupt nicht in einem totalen Happy End wie im Kino – was in der Realität ohnehin nie stattfindet – aber mit einer positiven Transformation der Probleme. Rachel und Peter nähern sich wieder an, ebenso wie Mutter und Tochter. Viktor ist leider gestorben, bevor Rahel ihn persönlich fragen und die Wahrheit herausfinden konnte, aber Ruth bringt nachträglich noch einiges in Ordnung.

Die weiblichen Figuren, insbesondere Rahel und Selma sind ausnehmend gut konzipiert, liebevoll und tief beschrieben. Die männlichen Protagonisten sind abseits der Dialoge hauptsächlich aus weiblicher Sicht gespiegelt. Insofern könnte man sagen, der Roman ist ein Frauenbuch, aber ich glaube, es ist auch für Männer überhaupt nicht unspannend, wenn Frauen ihre Ehemänner und Söhne ehrlich, aber wohlwollend und respektvoll beschreiben.

Fazit: Eine sehr gute, manchmal auch recht unspektakuläre, aber nie langweilige Beziehungsgeschichte, die mir ob der leisen Töne und des Realismus ausnehmend gut gefallen hat. Kein Kitsch, nix Romantisches, sondern nur das normale Leben mit all seinen Problemen. Keine brutalen Konflikte und offen ausgetragene Kämpfe, sondern konstruktive Annäherung aller Protagonisten auf Augenhöhe. Leseempfehlung!

Der Brand von Daniela Krien ist 2021 im Verlag Diogenes als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

2 Gedanken zu “Liebe in der Krise – eine leise, unspektakuläre Geschichte

  1. Schon interessant, wie unterschiedlich man lesen kann – wobei ich ja gar nicht durchgekommen bin. Vielleicht war es auch die falsche Zeit. Mir war es erst mal – für den Abschnitt, den ich überhaupt gelesen habe – zu eindimenional. Aber vielleicht packt es mich ja zu einer späteren Zeit doch noch. Wäre nicht das erste Mal. LG

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