Kindermund tut Missbrauch kund

Wieder einmal habe ich mich im Rahmen meiner Autorinnenchallenge in völlig fremde Gewässer begeben und mit der Autorin Amanda Taylor, die unter diesem Pseudonym ihren ersten Roman veröffentlicht hat, ein Experiment gewagt, das für mich außerordentlich gut geglückt ist.

Die Schriftstellerin musste sich offensichtlich etwas von der Seele schreiben, das unbedingt raus musste. Der Stoff dieser wahrscheinlich autobiografischen Geschichte und vor allem in welcher Form er der Leserschaft präsentiert wird, ist so starker Tobak, dass einem die Spucke wegbleibt. In naiv-kindlichem Wortschatz und Erzählstil eines Mädchens von ungefähr 10 Jahren beschreibt die Autorin in der Figur der Protagonistin Jessica offensichtlich ihr eigenes Leben, das so voll von atemberaubend grausamen sexuellen Übergriffen und lapidar geschilderten Gewalttaten ist, dass sich bei mir Gänsehaut einstellte.

Manche Kritiker des Romans meinen, dass die kindliche Sprache die furchtbaren Taten marginalisieren und verniedlichen würde, das ist meiner Meinung nach aber überhaupt nicht der Fall. Da so kleine Mädchen auch noch keine Worte für die abartigen Handlungen haben, die an ihnen vollzogen werden, versuchen sie diese, mit dem niedlichen kindgerechten Wortschatz und Instrumentarium zu beschreiben, das ihnen in dem Alter zur Verfügung steht. Irgendwo habe ich in Kritiken auch gelesen, dass die Autorin nun ja auch erwachsen sei und diese kindliche Ausdrucksweise effektheischend in den Roman eingebaut wurde. Viele Erfahrungen aus der psychotherapeutischen Praxis zeigen jedoch, dass Menschen, die solche Traumata erlebt und überlebt haben, gerade dazu neigen, genau in solchen Fällen ganz typisch wieder in ihre kindlichen Beschreibungsschemata zurückzufallen. Insofern ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass dies die einzige Sprache ist, mit der das Opfer hier das Erlebte auch schildern kann. Der Sprachstil ist so konsistent in der ganzen Geschichte verwirklicht, dass es total authentisch rüberkommt. Genauso, als wenn eine Frau, die durch den Missbrauch und durch das Trauma in der persönlichen Entwicklung eines kleinen Mädchens steckengeblieben ist, die Ereignisse beschreibt.

Die Familienhistory im Roman ist von Missbrauch geprägt, da kommt es Schlag auf Schlag, auf Seite 80 findet schon der fünfte direkte Kindesmissbrauch ganz lapidar erzählt, quer durch die Generationen und die Kinder einer Familie statt. Denn die Täter sind ja auch nicht blöd, sie checken sich leichte, bereits traumatisierte Opfer, die vom Elternhaus wenig Hilfe zu erwarten haben. Die drogensüchtige Mutter Jessicas führt ein Lotterleben mit wechselnden Partnern, die auch permanent in der Gegenwart ihrer Kinder Partys und Orgien feiern. Die Mutter ist in ihrer Kindheit mehrmals selbst missbraucht worden, und wirft durch massive Vernachlässigung, Gewalt, mangelnden Rückhalt und Nestwärme zu Hause ihre Töchter nicht nur den wechselnden gewalttätigen Liebhabern, sondern auch den lieben Onkeln in der Nachbarschaft zum Fraß vor. Einer dieser Täter, der sich an Jessis kleine Schwester herangemacht hat, hat aber die Rechnung nicht mit der Großmutter gemacht, ist auf die Schnauze gefallen, wurde angezeigt und verurteilt.

Der total authentische kindlich-naive Blick der kleinen Protagonistin auf das Geschehen und die unschuldige Schilderung macht das ganze toxische familiäre Umfeld aus Gewalt, Kindesmissbrauch, Alkohol-, Drogensucht und permanenten Beziehungsabbrüchen, die von der Mutter verursacht werden, noch viel dramatischer und fürchterlicher. Jessie kann noch gar nicht verstehen, was hier abgeht. Als die Mutter von der Großmutter wegzieht, nimmt sie ihren Kindern die letzte Konstante und den letzten Rettungsanker.

In ihrer Verzweiflung ob der furchtbaren Situation zu Hause vertraut sich Jessie dem lieben Nachbarn Walter an, der den Missbrauch von mehreren Kindern in der Siedlung der unterprivilegierten Familien strategisch plant, durch kleine Grenzüberschreitungen die Verletzung der körperlichen Souveränität der Mädchen sukzessive steigert, mehrere vernachlässigte Kinder auch emotional von sich abhängig macht, sie emotional erpresst und die kindlichen Freundinnen auch perfide gegeneinander ausspielt. Das ist so widerlich, diese generalstabsmäßige Planung, aber genauso gehen die Täter vor, Walter ist der Archetypus eines Missbrauchers wie er im Lehrbuch steht.

Für die ohnehin schon mit ihrem eigenen Leben überforderten Eltern sind solche Täter die netten Nachbarn, immer freundlich und hilfsbereit, aber hinter der Fassade verstecken sich Abgründe von zutiefst bösen Menschen. Ich rede hier nicht von der prinzipiellen Neigung zur Pädophilie, das kann passieren und das kann man auch therapeutisch behandeln, damit es nicht zur Umsetzung durch Taten kommt, sondern ich rede vom systematisierten Missbrauch von richtig bösen Menschen, die im Bewusstsein der Strafbarkeit dieser Taten und im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ihre Verbrechen jahrelang planen, umsetzen und sie dann auch noch vertuschen.

Schließlich kommt es dann zu Beginn der Pubertät von Jessie, wie es kommen muss, sie rebelliert, treibt sich mit älteren Mädchen herum, schwänzt den Unterricht, trinkt und manifestiert natürlich dadurch den schlechten Ruf, den schon ihre Mutter und sie nun auch in der Schule hat, was ihr den Verlust von einigen guten Freundinnen aus gutem Hause einbringt. Aber einen Vorteil hat ihr Aufbegehren, sie distanziert sich im pubertären Abnabelungsprozess auch selbst von Walter, dem Kinderschändernachbarn und bekommt dadurch einen Funken von körperlicher Souveränität zurück, wird aber nun von ihren zwei ehemaligen besten Freundinnen, die noch immer in der Missbrauchsspirale gefangen sind, gemobbt. So ist sie nun emotional ziemlich alleingelassen, denn ihre neuen einzigen Kontaktpersonen, die bösen Mädchen, sind ja erstens nicht in ihrem Alter und auch nicht wirklich ihre Freundinnen. Jessie kommt aber relativ bald zur Vernunft und konzentriert sich nach dieser Phase und einem einfühlsamen Gespräch mit dem Schulleiter auf die Schule, auf Ihr Leichtathletiktraining und versucht, neue Freundinnen zu finden.

Am berührendsten war die letzte Szene. Ihre Mutter ist offensichtlich endlich in einer guten Liebesbeziehung mit dem Vater ihres älteresten Kindes, Jessies Bruder, angekommen. Jessie zieht nach Kalifornien und ihr neuer Stiefvater, der Jessie auch als Kind gekannt hat, möchte mit ihr kuscheln. Jessie ist nun dreizehn Jahre alt, wird steif wie ein Brett und denkt sich: „Wieso kann ein Vater nicht einfach seine Tochter lieben, ohne dass er ihr zwischen die Beine fassen muss.“ Und dann kommt alles anders: Dieser Vater möchte wirklich nur ihr Vater sein.

Leider habe ich auch das Nachwort gelesen und das hat mir ein bisschen die Wirkung des großartigen Romans vergällt. Denn die Autorin propagiert in einem Satz aus der Bibel „Und mögen auch wir vergeben unseren Schuldigern“ eine christliche Westentaschen-Täterspsychologie, wie sie Priester praktizieren, aber auch ein paar Therapeuten, die vor allem auf Misshandler und Missbraucher spezialisiert sind, den Opfern einreden. Kein Opfer muss oder möge den Tätern vergeben, es fühlt sich für die meisten auch nicht besser an, solche unsagbaren Verbrechen zu verzeihen, das ist totaler Mumpitz. Das Opfer solcher grausamen Taten muss auch nicht verzeihen, um sein Leben gut meistern und mit den Traumata der Vergangenheit abschließen zu können. So ein Unfug ist nur der Wunsch der Täter, auch ihrer oft in vielen Positionen agierenden Supporter und die Einzementierung beziehungsweise Institutionalisierung solcher Machtverhältnisse durch eine sehr subtile Täter-Opfer-Umkehr (Das Opfer ist dem Täter das Verzeihen schuldig, damit es wieder ohne Zorn leben kann). Wenn ein Opfer besser damit lebt, zu verzeihen, ist das eine Gnade, die zwar gewährt, aber nicht vorausgesetzt, gewünscht, geraten, oder eingefordert werden kann, denn sonst stellt dies einen erneuten Missbrauch, diesmal sogar durch den Therapeuten dar.

Fazit: Der Roman ist definitiv nicht für jeden geeignet, das ist wirklich starker Tobak. Für mich eine sehr gute, überwältigende, authentische Geschichte, die durch den naiv-kindlichen Blick auf das Geschehen und die Beschreibung der Vorgänge noch viel grausamer geworden ist, als sie es ohnehin schon war.

Knowbody knows von Amanda Taylor ist 2007 im Diogenes Verlag als flexibler Einband erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

2 Gedanken zu “Kindermund tut Missbrauch kund

  1. @christahartwig Ich kann Dich irgendwie verstehen, denn möglicherweise ist es wirklich gerade in Mode gekommen, gebe aber zu bedenken, dass man das früher ganz totgeschwiegen hat und das war halt auch extrem grausam. Jetzt in der Aufarbeitung von sowas mag es zu überschießenden Thematisierungen kommen, aber ich finde das noch immer besser als das Schweigen und das unter den Tisch Kehren.

    Ich habe eine sehr gute Freundin, der das passiert ist, piekfeine, reiche Familiie und auch ihrer Schwester. Boah das ist echt grausam und dann kommt der Täter auch noch mit der Mittäterin (der Mutter, die alles gewusst hat und die Kinder beschuldigt hat, dass sie ihn verführt haben) einfach so zu Weihnachten vorbei. Ich musste mich wirklich zusammenreißen, dass ich diesem für mich völlig fremden Mann, der auch noch Scherzerl machte nicht einfach ins Gesicht schlug.

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  2. Ich habe ehrlich gesagt mehrere Probleme mit der (ich kann es nicht anders ausdrücken) immer mehr in Mode kommenden literarischen Aufarbeitung von Kindesmissbrauch. Mein größtes Problem ist die (wie ich fürchte, nicht unbegründete) Vorstellung dass die Täter und Möchtegerntäter, von denen es mehr geben muss, als ein normal empfindender Mensch sich vorstellen mag, sich auch daran noch ergötzen. – Was den kindlichen Wortschatz angeht, kann ich nur sagen, dass ein Kind meiner (Nachkriegs-)Generation auch keinen kindlichen Wortschatz zum Thema hatte, sondern überhaupt keine Worte.

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