Heilung von Missbrauch durch Liebe und Gerechtigkeit

Dieser Roman ist sehr heftig, grausam und von einer lapidaren Gewalttätigkeit, deshalb muss ich gleich eine Triggerwarnung aussprechen, da er sicher nicht für jeden geeignet ist. Dennoch hat er mich persönlich, da ich mich auch oft mit so unangenehmen Geschichten beschäftige, sofort gepackt und mir wirklich gut gefallen, sofern man natürlich von Gefallen in so einem Setting sprechen kann.

Liebe/Liebe ist von der Ausgangssituation her eine furchtbare Missbrauchsgeschichte, die aber nicht von den allmählichen Übergriffen auf das Kind bis zur Eskalation erzählt, sondern etwas ungewöhnlich und recht innovativ dort einsetzt, als das Mädchen dem Wirkungskreis des Kinderschänders, seines Vaters, entzogen wird. Der Plot setzt also dort ein, als Sascha zum Großvater gebracht wird und schildert sukzessive, wie das Kind durch die echte Liebe seines Opas endlich heilen kann. In Rückblenden wird natürlich angedeutet, aus welcher Hölle Sascha entkommen ist, die Küsse und die Vergewaltigungen des Vaters, als er sich schwer auf sie legte und die schon fast katatonische Reaktion ihrer Mutter, die sich wohlwissend als duldende Co-Täterin völlig von dieser Welt verabschiedet hat, indem sie mehr oder weniger starr überhaupt nicht mehr mit ihrer Umwelt und ihrer Tochter kommunizierte. Irgendwie hat sich die Mutter aber doch ein Herz gefasst und die Tochter zu ihrem Großvater geschickt, denn der Ehemann hätte sein Opfer nie laufenlassen.

Beim Opa lernt Sascha endlich Liebe und Aufmerksamkeit kennen, die nichts mit Sex zu tun haben, daran kann sie wachsen und ihr Leben neu aufstellen. Auch in der Schule wird plötzlich vieles leichter, schon am ersten Tag hat sie eine Freundin gefunden, die sie versteht und als Schicksalsgefährtin auch ihre Narben davongetragen hat. Dabei sind Charlies Narben nicht nur metaphorisch, sondern physisch, denn sie ist Opfer von körperlichem Missbrauch, will aber nicht darüber reden. Nach und nach komplettiert ein weiteres Mitglied diese kleine Wahlfamilie, die nach der Schule fast jeden Tag miteinander verbringt, der Rottweilerwelpe Rosa weicht Sascha nicht mehr von der Seite. Es ist sehr rührend, wie dieser positive Entwicklungsprozess Saschas bis zum Erwachsenwerden beschrieben wird.

In einem Aspekt funkt aber jahrelang der abwesende Kinderschänder-Vater immer noch mit Missbrauchsfantasien in das Leben seiner Tochter. Er schickt ihr permanent seine mit Sperma bespritzten Unterhosen und will auch von ihr die Wäsche haben. Dies geht auch mit Beschimpfungen einher. Sascha will diesen bösen Menschen vollständig aus ihrem Leben tilgen und trainiert den Rottweiler Rosa darauf, die Pakete und die Unterhosen zu zerfetzen, um sie zu vernichten. Anschließend verbrennt sie sie. Sascha schafft es bis zum Erwachsenwerden nicht, ihrem Opa die wahre und ganze Geschichte der Probleme mit ihren Eltern zu erzählen, zu tief sitzt die Scham. Nur ihrer Freundin Charlie als Schicksalsgefährtin kann sie sich anvertrauen. Der Großvater weiß auch nicht, was in den Päckchen der Familie ist, so sehr achtet er darauf, die Grenzen seiner Enkelin zu respektieren.

Als Sascha 18 Jahre alt ist, holt sie plötzlich wieder ihr altes Leben ein. Ihre Mutter liegt im Sterben und sie soll sie ein letztes Mal besuchen. Mit ihrem Großvater und dem Hund begibt sie sich auf einen fürchterlichen Roadtrip, um die Schatten der Vergangenheit aufzuarbeiten und die Täter mit ihrer Schuld zu konfrontieren. Hier wird die Story dann sehr grausam, aber im Prinzip erfährt jeder die Gerechtigkeit und Sühne, die er/sie verdient. Mehr möchte ich hier nicht spoilern, aber die Plotkonstruktion ist so genial und logisch, hat fast etwas von Kill Bill, nur besser, weil Sascha sich als Rächerin nicht schuldig macht.  Großvater und Enkelin sprechen zwangsläufig endlich die Tabus der Vergangenheit an und vertreiben die letzten Geister des bisherigen Lebens. Das Ende ist wunder- und hoffnungsvoll, denn nun will sich das Dream Team um die Probleme von Charlie kümmern.

Fazit: Wirklich nicht für jeden geeignet, da die Geschichte so heftig ist, aber von mir persönlich gibt es die wärmste Leseempfehlung. Wer Raum, Claustria, Der Zementgarten, Nobody knows und Sal ausgehalten hat, den wird dieser Roman fesseln.

Liebe/Liebe von Marlen Pelny ist 2021 im Verlag Haymon als fester Einband erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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