What if …?

Was, wenn Du erfährst, dass Dein Partner Dich betrogen hat, nicht einmal, sondern mehrmals mit derselben Person. Wie würdest Du reagieren? Die Protagonistin Lucy aus Megan Hunters „Die Harpyie“ muss sich genau dieser Situation stellen. Und sie und ihr Ehemann Jake reagieren absolut unkonventionell: Sie handeln einen Deal aus. Er hat sie mehrfach verletzt, nun darf sie ihn mehrfach verletzen. Sie wählt als Anzahl die 3:

„Irgendwie erschien mir das sinnvoll, diese Struktur hatte etwas Religiöses. Vater, Sohn und Heiliger Geist, Peter [gemeint ist wohl Petrus …] verriet Jesus drei Mal. Eine vertraute Zahl für ein christliches Mädchen wie mich.“

Was anfangs extrem cool und überlegt (überlegen?) wirkt, geht im Endeffekt doch sehr schnell unter die Haut bei beiden. Das Misstrauen wächst mit jeder Minute, denn Lucy darf frei wählen, wann und wie und wo sie ihre Verletzungen tätigen wird. Und sie startet rasch durch, zu groß sind die Wut und das Bedürfnis nach Rache.

Danach ist klar, was wie ein Spiel begann, ist bitterer Ernst geworden. Und so schleichen sie ein wenig umeinander wie wilde Tiere, jederzeit in Hab-Acht-Stimmung. Oberflächlich betrachtet, geht das Leben weiter. Die Kinder merken nichts, sie spielen ihnen perfekt die heile Welt vor, und auch eine traditionelle Weihnachtsfeier zieht Lucy mit sämtlichen Freunden und Bekannten gewohnt professionell durch – doch hier merkt sie, dass die Fassade bröckelt. Denn Gesprächsbrocken, die sie mitbekommt, lassen durchblicken, dass offensichtlich alle im Bilde sind und von dem Fehltritt wissen. Es wird Zeit für eine weitere Verletzung ihrerseits …

Während Lucy anfangs darauf hoffte, durch Rache zu einer Art Vergebung für Jake zu gelangen, merkt man als außenstehende Beobachterin rasch, dass dieser holde Wunsch wohl ein solcher bleiben wird … Eine Transformation der Persönlichkeit beginnt, und als Leserin wird man Zeuge davon, wie sich bei Lucy etwas fundamental ändert.

Durch kursiv gesetzte Einschübe erfahren wir immer mehr über Lucys Vergangenheit, über prägende Erlebnisse, die sie zu dem machten, was sie ist – und wird. Denn Lucy ist nicht mehr nur Lucy, sie wird auch immer mehr zur Harpyie und damit zu einem völlig anderen Wesen mit einem ganz andersgearteten Denkansatz.

Ein unglaublich mutiges Buch, da es von der Handlung, vom Aufbau und vom Ausgang so andersartig ist, als alles, was derzeit auf dem Markt ist. Es ist unmoralisch, unangepasst, aufrüttelnd, zermürbend und seltsam soghaft. Manchmal hätte ich das Buch gern aus der Hand gelegt, denn es ist auch verstörend, was da passiert, doch es ist so gut geschrieben, dass man dranbleibt und jede Seite begierig umblättert, dem fulminanten Ende entgegen ….

„Die Harpyie“ von Megan Hunter ist am 22. Februar 2021 als Hardcover bei C.H. Beck erschienen. Mehr Informationen zum Buch und Verlag durch einen Klick auf das Cover oder den Verlagsnamen.

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