Niemand muß verreisen, wenn der Quendel greifbar ist

Als an einem scheinbar unschuldigen Spätsommermorgen Gisil Mottiford, Herr der Krapp‘schen Länderei, der vornehmen und überaus respektierlichen Hortensia Samtfuß – Krempling, dem dem Bäumelburger Maskenfestkomitee angehörenden Zwentibold, dem Grünloher Heilkundigen Pfiffer und dem jungen Karlmann aus einem Kaninchenloch heraushelfen muß, sollte auch dem leichtfertigsten Wirrkopf unter den Quendel klar sein, daß irgendetwas Außergewöhnliches, ja Unerhörtes vorgehen muß.

Denn die allermeisten Quendel kümmern sich lediglich darum, daß es ihnen gut geht und es ihnen an nichts mangelt, sollte der kommende Winter härter als der vorangegangene werden.

Niemals würde es ihnen in den Sinn kommen, ihre oberirdische Behaglichkeit aufzugeben, um sich unter die Erde zu begeben. Und dann auch noch des Nachts, wenn normale Leute sich ihrem erholsamen Schlaf hingeben.

Doch diese Nacht war auch anders als alle vorangegangenen gewesen. Zumindest jene, an die man sich zu erinnern vermag.

Die Wirklichkeit brach an einigen Stellen des malerischen Hügellands auf und enthüllte eine dahinter liegende Anderswelt. Mit Wesenheiten, die besser bleiben sollten, wo sie sind, findet der geschichtskundige Pfiffer. Aber davon wollen jene Ruhelosen nichts wissen und versuchen weiter, wie sie es seit Urzeiten versuchen, herüber zu gelangen.

Und an vereinzelten Stellen gelingt es Einzelnen in der sogenannten Wolfsnacht. Mit scheußlichen Folgen.

Etwas rührt sich, das so alt und gewaltig ist, daß niemand diesem etwas entgegenzusetzen hat.

Doch davon werden die allermeisten Quendel nichts wissen wollen, denn das Bäumelburger Maskenfest soll schon in einigen Wochen stattfinden. Und das ist wirklich ein Ereignis im Hügelland.

Von Anfang an bin ich der wunderbaren Atmosphäre des Buches Quendel verfallen, und genieße sie mit jedem einzelnen Wort, während Caroline Ronnefeldt mich in aller Ruhe in das bodenständige und fortlaufende Beständigkeit schätzende Leben im Hügelland einführt, während sie die absonderlichen Vorgänge entfaltet.

Die Charaktere sind mit ordentlich Eigensinn ausgestattet, der ihnen Schärfe und Tiefe verleiht, sie so sehr glaubhaft erscheinen läßt und mir sehr ans Herz wachsen ließ.

Zudem hat die Autorin ein elegantes System für die Namen der Quendel geschaffen, das mir ausnehmend gut gefällt. Denn das unterstreicht vorzüglich die zufriedene Eigenart der Quendel, die durchaus auch arrogant, voreingenommen und unleidig daherkommen können.

Davon abgesehen sind die Quendel mit einer ordentlichen Portion Emotion ausgestattet, die auch Empathie, echte Anteilnahme, aber auch übersteigerte Ängste umfasst. Zudem scheinen die allermeisten Quendel einen ausgeprägten Instinkt für Gefahren, ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit, Abgeschlossenheit aber auch Geselligkeit, Licht und Wärme zu besitzen.

Warum dies so ist, ahnt man vielleicht am Ende des Auftaktbandes.

Caroline Ronnefeldt beschenkt uns mit ihrem knapp 450 Seiten starken Quendel, dessen Wortwahl so liebevoll ausgestaltet ist, daß es als Balsam für alle Liebhaber der deutschen Sprache gelten kann.

Die jeweiligen irdischen Gedichte zu Anfang der Kapitel unterstreichen die Mystik und Geschichte jener Welt und erweiterten meinen Horizont ungemein. Denn die allermeisten waren mir bis zur Lektüre des Quendel vollkommen unbekannt.

Auch dafür möchte ich Caroline Ronnefeldt meinen aufrichtigen Dank aussprechen.

Und als wäre es nicht schon eine herausragende Leistung, diese zauberhafte Geschichte so wunderbar auszuschmücken und darzubringen, bewegt sich Caroline Ronnefeldt ebenfalls sicher durch das weite, tiefe und hohe Feld der Illustrationen, so daß sie selbst Karten des Hügellandes anfertigte und die Buchgestaltung vornehmen konnte.

In ihrem Roman existieren keine geschichtsträchtigen Waffen. Keine gewaltigen Feuerdrachen oder Personen, die mit einem Fingerschnippen alles auf den Kopf stellen.

Und dennoch …

Die Autorin bedient sich Phänomene unserer Wirklichkeit und fügt sie zu einem schauderhaften Ganzen zusammen.

Denn das Anders ist wohl gar nicht so weit von uns entfernt. Was ich auch persönlich in meinem Kurztext „Heut am samhainischen Weltentag“ dereinst zum Ausdruck brachte.

Und so erscheint es nicht verwunderlich, daß die oben genannten Quendel an den Rand des Erträglichen geraten, als sie unvermittelt in die Ereignisse hineinstürzen.

Das Buch Quendel stellt für mich Erholung und Balsam, aber auch Reise, Mystik und Abenteuer dar. Ich möchte es nicht mehr missen.

Der zweite Band mit dem Titel Quendel – Windzeit, Wolfszeit wird hier ebenfalls besprochen werden.

Quendel von Caroline Ronnefeldt ist als Hardcover im Ueberreuter Verlag erschienen und wird für Leser*innen ab 14 Jahren empfohlen. Für mehr Informationen zum Buch Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

4 Gedanken zu “Niemand muß verreisen, wenn der Quendel greifbar ist

  1. Hey! – Bitte verzeih mir meine verspätete Reaktion.
    Und das freut mich total und es stimmt. Habe mich vor lauter Begeisterung für den Quendel bei Caroline Ronnefeldt gemeldet und ihr vorgeschwärmt. Seitdem stehen wir in lockerem Kontakt und sie verriet mir nach der Lektüre meiner Besprechung, daß sie es sich genauso gedacht und sich außerordentlich über meine Besprechung gefreut hat. Sie hatte mir nach meiner ersten mail an sie sogar das Coverbild vom dritten Band zukommen lassen. – Mega Freu! – Ja, im Herbst soll es coronabedingt nun erscheinen. Eigentlich war der Frühjahr 2021 angedacht gewesen. Aber das war ja vor dem chinesischem Geschenk an die Welt.
    Ich knobble schon vor mich hin, um die Besprechung des zweiten Bands in Angriff zu nehmen, den ich noch zweimal lesen mußte, bevor das sonderbarste Jahr meiner Erinnerung endete.
    Um ein wenig Abstand zu gewinnen, bin ich wieder ins Potter Universum gereist….aber Windzeit Wolfszeit bleibt mein nächstes Buchbesprechungsvorhaben.
    Übrigens freue ich mich ebenfalls sehr auf die Fortsetzung und bin schon flitzebogengleich gespannt.
    Bis die Tage
    Geruede

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  2. Pingback: Die Üblichen Verdächtigen präsentieren ihre Highfives des Jahres 2020 | Feiner reiner Buchstoff

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