Revolutionslüfterl im Wasserglas

Das Ausgangssetting des Romans von Mercedes Spannagel ist grandios. Die Tochter der extrem rechtskonservativen Bundespräsidentin Österreichs, eine Türkise (neue Farbe der konservativen Österreichischen Volkspartei) mit nazibraunen Spritzern, die aus der Unterschicht aufgestiegen ist, rebelliert gegen die Mutti. Leider entpuppt sich diese Rebellion nicht als anarchisch, konsequent, und mit starken Akzenten, sondern sie findet nur so ein bisschen und total Wischiwaschi statt – sozusagen ein Revolutionslüfterl anstatt eines Sturmes in einem winzigen Wasserglas.

Mutti liebt ihre Windhundemeute, Töchterle Luise setzt als Kontrapunkt zur Leidenschaft ihrer verhassten Erzeugerin die Beziehung zu ihrem hässlichen Mops namens Marx. In der Theorie propagiert die Studentin Luise Marxismus und Feminismus, in der Realität lebt sie aber völlig unberührt von ihren Idealen als verwöhntes Rich Kid in Chanel und Prada gehüllt im Palais (das dürfte die Wiener Hofburg sein). Das ist fast so, als würde eine noch immer nicht der Pubertät entwachsene Paris Hilton hin und wieder ein bisschen zickig sein, sich in der Fantasie vorstellen, aus ihrem Leben auszubrechen, ein bisschen frech zu ihren Eltern sein, aber dann doch immer wieder vom Geld und vom leichten luxuriösen Leben korrumpiert werden. Selbstverständlich sind solche Figuren in der Realität häufig zu finden, aber in der Fiktion hätte ich mir einen eskalierenden Mutter-Tochter Konflikt, anarchisches Gemetzel mit vielen bösartigen Aktionen, ähnlich wie bei den Protagonisten meines heißgeliebten Schriftstellers Tom Sharpe gewünscht. Die Ausgangssituation hätte darauf hingewiesen. Das war mir alles viel zu wenig bissig.

Auch in der Liebe sucht sich Luise ausgerechnet wieder einen Schnösel und Elitesprössling aus konservativem Haus aus: TT (Theodor Thies) ist Jus Student, Fechter, aus gutem Stall mit korruptem Rechtsanwaltsvater, der offensichtlich auch ein bisschen, aber nicht viel geläutert, dem deutschnationalen Mindset seiner Familie, wie der schlagenden Burschenschaft abgeschworen hat, dem Rest aber, wie dem Jurastudium und dem Fechten nicht, da würde die Auflehnung gegen die Werte der Upperclass zu weit gehen.

Letztendlich wird die Bundespräsidentin vom Parlament abgesetzt, weil sie mit dem Vater von TT und einem ungarischen Waffenhändler gemauschelt hat und von dieser Korruptionsaffäre ein Video existiert, das im türkisfarbenen Zimmer des Palais aufgenommen wurde. Dieses Video hat aber nicht Luise in einer Geste der Rebellion gegen die Mutter initiiert, sondern es war ein Irrtum ihrer Schwester, die mit ihrem Freund einen Porno á la Paris Hilton drehen wollte und die die Kamera danach auch noch laufen ließ, was die Mutter und ihre Verschwörer in die unabsichtliche Falle tappen ließ. Nach mehreren Verwicklungen wird der Korruptionsbeweis auch noch irrtümlich veröffentlicht.

Fazit: Statt eines veritablen Mutter-Tochter-Konflikts mit politischen Dimensionen und anarchischen Aktionen wurde mir ein bisschen pubertäre Zickerei in Kaschmir und Seide mit Koks, Ketamin, Ecstasy, mit Trüffelpommes und natürlich bouteillenweise mit Schampus serviert, von einer verwöhnten hohen Tochter, die zwar gedanklich ein bisschen rebelliert, aber zu bequem ist, das reiche Nest und ihren Lebensstil wirklich zu gefährden.

Irgendwie schildert eine Szene das ganze Buch und meine Enttäuschung knackig und punktgenau: als eine Swarowski Werbung auf der Toilette klebt, in der eine granatenähnliche Vase mit einem Einstecktuch gezeigt wird. Der Slogan lautet:

For the anarchist, who has everything

So schlecht, wie es nun scheint, war der Roman zwar wirklich nicht – manchmal habe ich sogar geschmunzelt, vor allem bei den vagen politischen Andeutungen – aber richtig gepackt hat er mich überhaupt nicht. Schade, denn er hatte wirklich viel Potenzial. Endurteil: Da brannte nichts in mir, mittelmäßig.

Das Palais muss brennen  von Mercedes Spannagl ist 2020 im Verlag Kiepenheuer & Witsch als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

 

5 Gedanken zu “Revolutionslüfterl im Wasserglas

  1. ja sie hat halt auch einen christlichen Hintergrund und dazu ist sie Wissenschaftlerin. Man muss als Frau in diesem Metier erst mal das Standing haben, das sie hat. Dass man dann nicht auch noch große Visionen durchziehen kann, auch wenn man möchte, erklärt sich wohl von selbst. Aber was die Umwelt angeht … da muss mehr passieren.
    Wir haben aber auch unser Packerl mit den blauen Wichten …die haben jetzt schon Leute in den Bundestag eingeschleust, die die Abgeordneten anderer Parteien beschimpfen und belästigen und dann noch die bescheuerten Querdenker demos, bei denen Rechte mitmarschieren und die Bannmeile stürmen wollen … also auch bei uns kocht es ganz schön.

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  2. Uh, das hätte ich auch nie gedacht, dass mich mal jemand um Frau Merkel beneidet. Aber ich muss schon sagen, seit der flüchtingskrise habe ich eine andere Sichtweise auf sie. Aber in vielen Dingen hat sie die falschen Berater. Dennoch, wir werden eher von Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen derzeit geleitet … das finde ich schon gut.

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  3. @christahartwig nein leider sind die Türkisen eine neoliberale Transformation der österreichischen Volkspartei, die junge yuppie Buberl ohne Sinn und Verstand, geschweige denn mit Erfahrung bedauerlicherweise übernommen haben. An denen leiden 40% der Österreicher seit mehreren Jahren als sie 2017 mit den Rechtsextremen die Macht bei uns im Staat übernommen haben. Seit 2019 sind sie zwar mit den Grünen unterwegs, aber das ist auch nicht besser geworden, denn sie haben so viel Macht, dass das nicht ins Gewicht fällt. Der türkise Kanzler kann nur Public Realtions, schön sein, Pessekonferenzen machen und irgendwelche Balkanrouten angeblich schließen, der Finanzminister hat im Budget schon mal 6 Nullstellen übersehen, und der Innenminister hat alle Warnungen aus Deutschland und der Slowakei bezüglich von gefährlichen Islamisten in den Wind geschossen, sodass es im November zum Massaker von Wien gekommen ist. Es ist zum Weinen und ich beneide Euch Deutsche momentan sehr um Eure doch recht vernünftige Regierung.

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  4. Und da dachte ich beim Überfliegen des im Reader angerissenen Textes, „Türkise“ sei eine mir bisher entgangene Bezeichnung für türkischstämmige Karrierefrauen. Und dabei handelt es sich offenbar doch nur um ein weiteres Buch, das man nicht gelesen haben muss. Das spart Zeit!

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