Moderne jüdische Familienaufstellung im Katastrophenfall

Im Rahmen meiner EU-Autorinnenchallenge habe ich mich erneut aus meiner Komfortzone herausbegeben und bin auf meiner Reise durch Europa in den Niederlanden bei der mir unbekannten Schriftstellerin Jessica Durlacher gelandet. Irgendwie habe ich ja mittlerweile schon Gefallen daran gefunden, Bücher zu erforschen, die mir noch nie jemand empfohlen hat und von denen kaum einer weiß. Manchmal ist dieses Abenteuer mühsam und oft lohnt es sich, wie in diesem Fall. Ohne Zweifel ist es aber immer spannend, ganz allein, auf sich gestellt, literarisch auf Entdeckungsreise zu gehen.

Diese sehr spannende Familientragödie beginnt relativ harmlos mit einem Unfall des Großvaters und Oberhauptes der Familie Silverstein und steigert sich nach und nach in Form einer Perlenkette an kleinen beziehungsweise mittleren Kalamitäten und riesigen Katastrophen zu einem beispiellosen Drama. Fast scheint es so, als hätte der übervorsichtige Shoa-Überlebende und pensionierte Historiker Silverstein nur durch seine vorausschauende Existenz und durch sein Leid der Vergangenheit alles Übel von seiner Familie ferngehalten. Als Herman Silverstein an einer Infektion mit multiresistenten Bakterien infolge eines Krankenhausaufenthaltes nach seinem Unfall stirbt, brechen die Dämme, und es kommt knüppeldick für die Familie. Saar, seine Tochter, wird beim Joggen angefahren und vergewaltigt, ihr Sohn Mitch bricht sein Studium in Amerika ab, wird US-Marine und will nach einer Bootcamp Ausbildung in den Krieg nach Afghanistan ziehen. Die Wohnung von Saars Familie wird von zwei maskierten Tätern überfallen und ausgeraubt, die Saars Mann niederschießen und ihrer Tochter Tess wer weiß was angetan haben. So setzt sich die Tragödie Schritt für Schritt fort und eskaliert sehr rasant.

Selbstverständlich käme man als Leser*in irgendwann mal auf die Idee, dass eine derartige Häufung von unglücklichen Zufällen nicht mehr zufällig sein und dahinter auch eine Methode oder ein Täter stecken könnte. Leider nimmt uns die Autorin diese spannende Erkenntnis beim Lesen des Buches, indem sie schon fast von der ersten Seite an erstens die zukünftige Tragödie und zweitens auch die systematische Vernichtung der Silversteins in vagen drohenden, wabernden Andeutungen spoilert. So etwas ist ärgerlich, denn ich lasse mich in einem Buch sehr gerne, wie auch jeder andere in der Realität in seinem eigenen Leben damit umgehen muss, von ebendiesem Leben überraschen. Da kommentiert auch nicht eine allwissende Erzählerin, was noch passieren wird. Dies nimmt dem grandios konstruierten Plot sehr viel von der Spannung und dem Überraschungseffekt. Zudem stellen diese permanenten Andeutungen punktgenau die häufigsten Redundanzen in der Erzählung dar, und gehörten eigentlich auch stilistisch unbedingt eliminiert. So, das war es aber schon mit meinen Kritikpunkten, die trotzdem sehr wenig an der Güte dieser Geschichte ändern können.

Saar erkennt nach und nach das System, das hinter dem vermeintlichen Unglück ihrer Familie steckt und identifiziert in detektivischer Kleinstarbeit als Einzige in der Familie den Täter, der als Mastermind hinter all diesen Katastrophen steckt. Dabei findet sie auch noch einiges über ihren toten Vater und ihren Sohn heraus. All diese anfänglichen Vertuschungen sind möglich, weil alle Familienmitglieder aus Scham, falscher Rücksichtnahme, mangelnder Kommunikationsfähigkeit und falscher Einschätzung der Situation ihre Geheimnisse bewahren und sich gegenseitig nicht alles beichten. Das System Familie Silverstein ist also auch kompliziert und spielt dem Täter vorerst in die Hände. Hier hat Jessica Durlacher großartige Charakter- und Beziehungsstudien vorgelegt, die sich in den sehr detaillierten und liebevoll konzipierten Figuren manifestieren.

Sprachlich hat mir das Werk auch ausnehmend gut gefallen und inhaltlich legt es dem Leser natürlich noch ein Paradebeispiel von jüdischer Identität in modernen Zeiten vor. Auch eine gehörige Portion der Thematik Antisemitismus und unterschiedliche Positionen einer Familie zum Umstand, dass ein Kind Soldat werden will und in den Krieg ziehen möchte, würzen dieses Familiedrama zusätzlich mit Spannung und moralischen Einblicken. Jetzt will ich aber gar nicht mehr zu viel von diesem grandiosen Plot spoilern, denn dann würde ich denselben Fehler machen, den ich an der Autorin kritisiere.

Fazit: Eine absolute Leseempfehlung, für dieses großartig konzipierte Familiendrama, das ohne die permanenten Vorankündigungen der Autorin sogar Züge eines spannenden Thrillers aufweisen würde.

Der Sohn von Jessica Durlacher ist 2012 im Diogenes Verlag als Taschenbuch erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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