Die ideale Form

Als in seiner an der Seine gelegenen Heimatstadt Bonsecour ein mysteriöses massenhaftes Vogelsterben verzeichnet wird, erinnert sich der in Paris lebende Ich-Erzähler Victor Pouchet an ähnliche Vorkommnisse aus seiner Jugendzeit. Anders als die Allgemeinheit, die kaum von diesem Massensterben Notiz nimmt, sieht er darin ein Zeichen und macht sich auf den Weg, um die Gründe für das Phänomen zu lüften. Ganz Wissenschaftler der er ist, natürlich auch anhand mitgeführter Literatur, die ihm einen Überblick über ähnliche Szenarien über Jahrhunderte und geographische Bereiche hinweg vermittelt. Sein bereits in der Kindheit entwickeltes ornithologisches Wissen dient ihm als Grundlage. Seine Erkenntnisse hält er im von ihm sogenannten Tote-Vögel-Heft fest. Die Reise, die er auf einem Kreuzfahrtschiff auf der Seine antritt, führt ihn nicht nur zu etwas hin. Sie ist auch ein wenig Flucht vor seiner gescheiterten Beziehung und der im Entstehen begriffenen Doktorarbeit.

Auf seiner Spurensuche trifft er unterschiedlichste Menschen, die mal mehr, mal weniger interessiert an seinem Vorhaben sind. Da er seiner Heimatstadt und damit dem Elternhaus und seinem noch dort lebenden Vater, der seit Tagen nicht erreichbar ist, immer näher kommt, tauchen aus seinem Langzeitgedächtnis immer wieder bruchstückhafte Erinnerungen auf, die alle in irgendeiner Art und Weise mit zwischenmenschlichen Beziehungen verknüpft zu sein scheinen. Wie die Seine die Landschaft in der Normandie in großen Schleifen durch schlängelt, die Reise durch Ausflüge und Sehenswürdigkeiten unterbrochen wird, so mäandern auch Pouchets Gedanken und der Roman selbst scheint ebenso mosaikhaft zusammengesetzt zu sein. Ob sich am Ende ein stimmiges Bild ergibt, lässt sich zu keiner Zeit erahnen.

Victor Pouchets Debüt erinnert in der Konzeption an François-Henri Désérables Roman Ein gewisser Monsieur Piekielny. Während Désérable es hervorragend beherrscht, das Konzept der Vielschichtigkeit der Themen und Ebenen literarisch umzusetzen, gelingt es Pouchet nicht durchgängig, sein ambitioniertes Vorhaben konsequent durch zu ziehen. Ab und an scheint es sogar, als ob er selbst – wie auch der Ich-Erzähler – nicht so genau weiß, wohin die Reise eigentlich führen soll und was sein Thema ist.

[…] in der Hoffnung einen sinnvollen Zusammenhang herzustellen. Daraus die Logik und Entstehungsgeschichte herauszuarbeiten wurde zur Bewährungsprobe. Warum mache ich das alles? Mir fielen ausschließlich Synonyme für die Wörter Angst und Untätigkeit ein. ich versuchte, ihr von meiner vernachlässigten Doktorarbeit zu erzählen, dann von meinem Vater, und dann stotterte ich richtig drauflos, weil ich ihr das Projekt zu einem Abenteuer darlegen wollte, das ja möglicherweise, weißt du, also …

Mal scheint es die ökologische Krise zu sein, die im Mittelpunkt steht, dann wieder das Leben eines in Vergessenheit geratenen autodidaktischen Naturforschers – ein Namensvetter des Ich-Erzählers und des Autors – nur um dann wiederum den Fokus auf die Beziehung Pouchets zu seinem Vater zu verschieben. Verschiedenste Informationen, zufällig auf der Suche nach den Gründen für das Vogelsterben aufgesammelt, die mehr oder minder zur Aufklärung beitragen können, werden mal besser, mal weniger gut in eine etwas undurchschaubare Struktur gebracht. Eine Auflösung der im Titel angesprochenen Frage wird nicht stattfinden, und das hat einen simplen Grund: Im Prinzip ist es gar nicht das Ansinnen des Ich-Erzählers eine Antwort zu finden. Ebenso wenig wie die des Autors. Dennoch sind die beiden Personen natürlich nach wie vor auseinander zuhalten. Pouchet, dem Erzähler, geht es um das, was wir benötigen um eine (persönliche) Weiterentwicklung vollziehen zu können, Pouchet, dem Autor, um die literarische Darstellung genau dessen und somit geht es im Grunde beiden darum, unserem Scheitern eine adäquate Form zu geben.

Oha, ein positiver Schiffbruch. Danach sollte man vielleicht suchen: nach dem positiven Schiffbruch. Vielleicht geht es vor allem darum, für unseren Schiffbruch die ideale Form zu finden.

Aber wer weiß, vielleicht haben sich die beiden Pouchets auch alles ganz anders gedacht und ihre falschen Fährten haben ihren Sinn vollends erfüllt. Sicher ist jedoch, dass „Warum die Vögel sterben“ kein gewöhnlicher Roman ist und es etwas Energie braucht, seinem zwar klugen und teilweise großartigen formulierendem, aber sprunghaften Wesen zu folgen.

Die meisten Dinge entgehen uns und wir können über unsere schlechten Deutungen nur lachen.

Eine weitere Besprechung findet sich auf dem geschätzten literarischen Blog Buch-Haltung

„Warum die Vögel sterben“ von Victor Pouchet ist am 19. März 2019 bei Piper erschienen. Mehr Information zum Buch durch Klick auf des im Beitrag abgebildete Cover oder direkt auf der Verlagsseite.

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