Berliner Stadtblatt Nr. 17

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@JohnQube auf pixabay

Tief in Lichtenberg

Esther Veron stand kurz davor, durchzudrehen. Seit Stunden versuchte sie nun den durchwachsenen Marinblauton, den sie vor ihrem geistigen Auge sah, auf ihrer Mischpalette anzurühren. Und es wollte ihr einfach nicht gelingen. Es war zum aus der Haut fahren. Und vollkommen ungewöhnlich noch dazu. Normalerweise erreichte sie den gewünschten Farbton nach kurzem Anrühren. Es lag sicherlich an diesem Ton, der sie an irgendetwas erinnerte. Ach, wenn sie doch nur darauf käme, was es war.

Derweil prangte die weiße Leinwand anklagend vor ihr und gemahnte sie des Umstands, daß seit Stunden kein einziger Strich gezogen worden war.

Und dabei war sie nur diesem merkwürdigen Anflug jenes alten Bildes gefolgt, um an dessen Ende vielleicht etwas auszugraben, was lange in ihr verschollen lag.

Doch da war nichts. Nur jenes schemenhafte Bild mit viel blau in Bodenhöhe und bis hinaus zum Horizont, der sich milchig grell gegen das widerspenstige Blau abhob, als wollte er damit nicht zusammen gesehen werden.

Mehr nicht. Keine Menschen. Keine Möwen. Nicht einmal Wind.

Deswegen war sich Esther auch nicht sicher, ob es sich tatsächlich um eine kindliche Erinnerung von ihr handelte oder doch um eine bloße fragmentarische Erinnerung an eines der tausend Gemälde, die sie bisher gesehen hatte.

Und genau aus diesem Grund gefiel ihr auch der Gedanke, jenes ominöse Bild mit Hilfe der Leinwand aus ihr herauszukitzeln.

Wenn sie doch nur endlich diesen vermaledeiten Blauton träfe.

Sie atmete tief durch und unternahm bei aller Bedachtsamkeit einen erneuten Anlauf und kam dieses Mal nahe bei, als dreimaliges, resolutes Läuten sie dermaßen aus ihrer Konzentration riss, daß ihr die Mischpalette entglitt, mit der Kante auf dem Boden aufschlug und sämtliche bisherige Anrührversuche in einem gewaltigen Klecks auf das Parkett klatschten. Allerlei Spritzer noch hierhin und dorthin aussendend.

Und da muß sie wohl ihren gesuchten Blauton erkannt haben.

Aber mehr weiß ich allerdings auch nicht

 

13 Gedanken zu “Berliner Stadtblatt Nr. 17

  1. naja, keine malenden, bildenden Künstler meinte ich damit 😉 Denn die haben ja immer ganz bestimmte Farbvorstellungen, die ich zum Beispiel nicht so nachvollziehen kann, wie jemand, der mit Farbe etwas ausdrücken will und das auch kann 😉

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  2. Jaahhha, GRÜN, das muss außen überall sein – ist es bei uns ja – aber blau … die genialste Erfindung besonders in Jeans. Wenn die sich dann noch im Grünen bewegen. 1a

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  3. Hihi, das hat ’ne Vorgeschichte: der Göga und ich haben Stunden zugebracht den passenden Blauton für unsere Garagentore zu finden … Signalblau versus Provenceblau versus Mitternachtsblau etc. … Dann knödelten Nachbars als wir bei ihnen auf dem Balkon umtrunkten, blau ginge gar nicht woraufhin sich eine wilde Farbdiskussion entspann weil deren Beige Sand Schlamm uns schon immer scheußlich auffiel und es war alkoholbedingt echt witzig. Wir kamen dann drauf, dass Geschmack schlicht zu akzeptieren ist, abgesehen vom neongrün leuchtenden Haus beim Chausseeberg 😉

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  4. Yo, brauchbar schon … aber manchmal hat man doch so einen gewissen Ton im Kopf … und bildenden Künstlern denke ich, geht es schon ganz oft so … wir hatten mal einen malenden Freund, der konnte zum Beispiel nicht mit rot malen …

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