Gemeiner gezeichneter Stoff für Bosnigln*

Da heuer die Künstler wie die Fliegen umkommen, möchte ich aus aktuellem Anlass ein Buch des kürzlich verstorbenen österreichischen Karikaturisten Manfred Deix vorstellen. Der vorliegende Bildband ist nicht nur eine lose Sammlung von Zeichnungen, sondern begleitet die sehenswerte Dauerausstellung im Kremser Karikaturmuseum und gibt durch einige kurze Artikel von Weggefährten, Freunden und Bekannten auch einen Einblick ins Deix‘sche Universum nicht nur aus künstlerischer Sicht, es liefert auch kurze private Blitzlichter. Fast könnte man meinen, es wäre schon 2012 als Nachruf vorab konzipiert worden, auf jeden Fall eignet es sich perfekt dafür.

Der Bildband ist gut strukturiert, startet mit frühen Bildern und vermittelt übersichtlich in einzelnen Kapiteln seine Rundumschläge mit gemeiner und spitzer Feder: die prominenten, ungemütlichen, politischen, gläubigen, strammen und erotischen Facetten seines Schaffens. Die Zeichnungen sind teilweise älter, teilweise aktueller – auf jeden Fall geben sie einen wundervollen Überblick über das Oeuvre des Künstlers.

Möge auch das relativ kurze innenpolitische Kapitel für deutsche Leser nicht ganz so spannend sein, da die sehr pointierten gemeinen Scherze eher österreichische Politiker, bekannt und weniger prominent aus der Vergangenheit adressieren, so sind die typischen Deix-Figuren weit über die Grenzen Österreichs hinaus auch in Deutschland sehr berühmt. Der Begriff Deix-Figur (schaffte es ja auch in den Duden) und der damit einhergehende unverwechselbare Zeichenstil des Künstlers, karikiert und überzeichnet gnadenlos eine widerlich hässlich-degenerierte österreichische (Land)bevölkerung, mit der der Künstler das erste Mal in der elterlichen Gaststätte in Böheimkirchen konfrontiert wurde.

Die sieben Todsünden: Die Völlerei, undatiert

Seine Karikaturen zum Thema Sex, Kirche, Land und Leute sind übrigens überhaupt nichts für zarte Gemüter und politisch Korrekte, sondern adressieren einen sehr perfiden derben Humor und entlarven aber auch gnadenlos die Scheinheiligkeit unserer Gesellschaft. Deix kümmerte sich Zeit seines Lebens nicht um den guten Ton, gesellschaftliche Konventionen und war auch immer sehr mutig, wirklich ALLE Tabus anzusprechen, was ihn zu einem Unikat in der österreichischen Karikaturlandschaft macht.

Auf jeden Fall fehlen mir vor allem dieses Jahr in Anbetracht der aktuellen politischen Situation seine wöchentliche Gemeinheiten in der Sonntagsbeilage diverser österreichischen Zeitungen sehr. Machs gut Manfred, wo immer Du auch jetzt bist – lass es Dir gut gehen!

Fazit: Deix liebt man – oder man findet ihn ekelig oder auch beides, auf jeden Fall ist dieses Buch meiner Meinung nach der perfekte Nachruf.

*Bosnigl= boshafter Mensch: aus bayrisch bos= böse und älter Nickel= Kobold

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 1. November 2012
  • Verlag : Carl Ueberreuter
  • ISBN: 978-3-8000-7561-4
  • Hardcover: 224 Seiten

2 Gedanken zu “Gemeiner gezeichneter Stoff für Bosnigln*

  1. Freut mich dass ich beim Wortschatz helfen konnte, ich habe sicher noch 2000-5000 zusätzliche österreichische Wörter in meinem Sackerl – in 2 Jahren machen wir dann einen ordentlichen Vokabeltest 😉

    Zum Deix Thema: Ich finde es gut, dass du das so ansprichst, denn mir geht es genauso, einerseits ekle ich mich vor manchen Bildern aber ich liebe sie trotzdem. Apropos, Du solltest mal bei mir zu Hause vorbeischauen, denn wir haben ja hier das Karikaturmuseum, das maßgeblich von Deix mitbegründet wurde. Heuer haben wir zwar nur 2 Museen, denn das eine wird grad renoviert und das andere neu gebaut, aber 2017 haben wir dann 4 reine Kunstmuseen und wären dann auch diesbezüglich sehr gut aufgestellt. http://www.noeku.at/de/gesellschaften/ausstellungsbetriebe/kunstmeile Weiters kam mir glaube ich in der Vergangenheit zu Ohren, dass Du einem Glaserl Wein nicht abgeneigt bist. Hier in der Wachau bist Du sowohl im Zentrum des Rebensaftes als auch des Marillenschnapses, im Land der Raubritterburgen entlang der Donau. Also ein Besuch würde nicht nur karikaturmäßig relevant sein 🙂 https://de.wikipedia.org/wiki/Wachau

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  2. Must have, spätestens nach deiner Rezi und Bosnigl kommt jetzt noch zu meinem Sprachschatz hinzu. Merci für beides. Ich liebe Deix (samt Ekel) und auch hier im Schwabenland sind seine Figuren viel zu oft zu finden (erst kürzlich beim Weizen und dem Zwiebelberda aus’m hiesigen Backhaus gab es wunderbare Studienobjekte aus jahrhundertelang gehegter Darwinscher Auslese im Pharaonenstil zu bestaunen. Wie schade um den großartigen Künstler.

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