Die Fahrt

978-3-499-24775-0Urlaub, dem Alltag entfliehen, neues, interessantes entdecken … Sibylle Berg ist ein Jahr lang durch unwirtliche Gegenden und Kontinente gereist, um Recherchen zu betreiben.

Weit gereist, viel Elend gesehen. Elend in den Entwicklungsländern, der Politik und den Gesellschaften. Elend und Verwirrung in den Köpfen der Menschen, der Reisenden auf der Suche, Wurzeln haben sie keine verspüren Sehnsucht danach, kaum wahrzunehmen diese Sehnsucht, überlagert vom Verdruss an Orten zu sein die sich irgendwann alle gleichen, umgeben von Menschen die sie langweilen, ermüden oder abstossen.

Die alltägliche, sich immer wiederholende Routine, die das Leben der meisten Menschen in den Industrieländern prägt ist nicht das, was sie wollten, welchem sie zu entfliehen versuchen, um festzustellen, dass Routine sich durch Hintertüren immer wieder einschleicht.

Doch Einsamkeit und daraus resultierende Verzweiflung lauern immer im Hintergrund.

Peter, zuerst Hotelier in Sri Lanka, angeödet von seinem Leben vom Tsunami zwangsbefreit und zu erneuten globetrotting verurteilt ist so einer. Ex-Weltenbummler, Hotelier, das Meer ist ihm zu warm, salzig und klebrig, Moskitos, die Nächte zu laut, die Gäste zuwider, der Kaffee „ein großer Dreck“ , der Neid unangenehm, das ewige Lächeln der Bediensteten macht ihn agressiv, keinerlei interessante Erfahrungen mehr in Sicht. Der Tsunami spült ihn nach Deutschland. Dort ist er chancenlos, er reist weiter, lässt sich treiben. Wie alle Protagonisten Bergs auf der Suche, nach Glück und Sinn gehört er zu den Menschen deren Wege sich kreuzen und wieder verlieren…
Feinstes Kunst – Handwerk wie die Autorin diese losen Lebenswege verknüpft, zusammenführt und aufeinanderzufließen lässt.

Auch den Abstecher in die Abteilung lächerliche Lyrik für Einsame meistert sie mit Bravour.

Miki, das gealterte Porno- Starlet in New York, reich, einsam, motivationslos wartet darauf reich und gepflegt zu sterben:

Und der Nymphensittich dann-

wenn man sich sowas leisten kann-

der klebt seit Wochen auf dem Boden,

dort klebt er fest an seinen Hoden.

Da hab ich Uhu draufgestrichen,

um dem Hund eins auszuwischen.

Der sang so laut, die ganze Nacht,

hat mich um meinen Schlaf gebracht.

Mein Schlaf ist Gold, das sag ich dir,

du festgeklebtes blödes Tier.“

Paul, aus Berlin, pubertär, auf der Suche nach dem Ich, im Ablösungsprozeß zu seiner Mutter, die ihm hormonell bedingt fremd wurde, Vater nicht existent. Tausend Fragen, keine Antworten, kein Antrieb, lässt sich treiben, lernt ein Mädchen kennen, redet die Nacht hindurch „…dass er da lag und nicht mehr alleine war und so eine große Zärtlichkeit war in ihm, dass er nicht aufhören konnte zu lächeln.“

Helena, anfangs in Manaus, arbeitet um zu reisen, betreibt sanften Tourismus, folgt einem eingeborenen Goldsucher in den sie sich verliebte in den Dschungel, flüchtet ausgerechnet nach Bombay trifft dort Peter der sie aus Dreck und Elend rettet und reist mit ihm nach Kyrgyztan, immer mehr enttäuscht geht es weiter nach Krakau, dort trifft sie auf Olga die durch Heirat mit einem Westler auf ein besseres Leben hofft, mit der sie schließlich in Füssen in einer Kommune strandet.

Berg beherrscht die großartige Fähigkeit die Bandbreite der unterschiedlichsten Lebensentwürfe vor dem Leser auszubreiten. Von komisch, zynisch, kritisch, anprangernd bis unendlich sanft und zärtlich:

„Es war sechs Uhr, die Vögel schon munter, der Tau in der Luft, und es war vielleicht der unendlichste Moment in Pauls Leben. Doch das wusste er zum Glück nicht. Wie hätte er sonst weiterleben können?“

Die Fahrt ist ein zenbuddhistisches Buch ohne einen Hauch Religion. Eine Schilderung verschiedenster Hoffnungen und Leben. Leben, das existiert, ohne zweite Chance, nur die kleinen Glücksmomente die gilt es zu finden um sich daran zu wärmen. Einsamkeit in dieser einmaligen Existenz die jedem von uns geschenkt, oder aufgebürdet wurde. Liebe die das Dasein bereichert. Ein Hippie- Zen- Buch voll rasanter Komik, tiefer Trauer, Überdruss und Chancenlosigkeit.

Komödie, Tragödie, Satire und Gesellschaftskritik zugleich. Ein Meisterinnenwerk. 😉

Auf dem Klappentext von Frau Bergs Roman Ende gut  ist ein Zitat der Süddeutschen Zeitung:

„Sibylle Berg ist eine der wenigen deutschsprachigen Autorinnen, für die es sich lohnt, eine Buchhandlung zu überfallen.“

Dem schließe ich mich uneingeschränkt an! Höchster Lesegenuß.

Lesen!

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 02. März 2009
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch
  • ISBN: 978-3-499-24775-0
  • Taschenbuch, 346 Seiten

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