Was damals geschah …

Mystic RiverDrei Jungs, nicht die dicksten Freunde, aber doch so etwas ähnliches, vertreiben sich die Zeit zusammen. Unfug im Sinn, groben Unfug. Diebstahl. Ein Auto knacken und ein bisschen damit rumfahren, ein Heidenspaß … oder? Zehn, zwölf Jahre alt sind sie und fühlen sich ertappt, als plötzlich ein Polizeiauto um die Ecke biegt. So ertappt, obwohl sie nichts getan hatten, dass sie nicht genau hinsehen, die Obrigkeit einfach anerkennen. Zwei von ihnen allerdings folgen einem Instinkt, der sie der Aufforderung der beiden Polizisten, ins Auto zu steigen, um sie zuhause abzuliefern, nicht Folge leisten lässt. Dave, der dritte der Jungs, schon immer derjenige, der sich an die beiden anderen eher angehängt hatte, als dass er mitgenommen wurde, steigt ein … und bleibt ganze vier Tage verschwunden.

Als Dave wieder zurückkehrt, ist den Erwachsenen ganz klar, was mit ihm geschehen ist. Seine Freunde Jimmy und Sean aber finden nun gar keinen Zugang mehr zu ihm und wie es so ist, trennen sich ihre Wege gänzlich. Bis 25 Jahre später die Tochter von Jimmy verschwindet, Sean als Polizist den Fall bearbeitet und Dave offensichtlich einiges zu verbergen hat …

Dass Dennis Lehane ein Meister sowohl der Spannung als auch der psychologischen Darstellung seiner Protagonisten ist, ist bekannt. Mystic River wurde sicherlich nicht nur deshalb von Clint Eastwood prominent verfilmt. Beim Versuch, mir die filmische Umsetzung des überaus spannenden Stoffes anzusehen, wurde mir wieder einmal klar, was ich – als prinzipiell nicht abgebrühte Leserin, die Spannung durchaus goutiert, aber nicht den absoluten Thrill sucht – an Dennis Lehane so sehr schätze: Grausamkeiten, die auch im wahren Leben stattfinden, weil Menschen eben Menschen sind, werden ansatzweise aber dennoch deutlich angesprochen, jedoch nicht blutrünstig beschrieben. Mir persönlich reicht es vollkommen, über Andeutungen zu erahnen, was Dave in den vier Tagen, die er bei den vermeintlichen Polizisten verbrachte, widerfahren ist. Ich muss das nicht detailliert lesen.

In einem Film kann man nicht in derselben Art und Weise wie in einem Buch zwischen den Zeilen lesen, werden doch allzu klare Bilder vorgegeben. Die Möglichkeiten, die einem Autor gegeben sind – wie zum Beispiel Dinge unausgesprochen im Raum schweben zu lassen – schöpft Lehane bis zur Neige aus, indem er seine Figuren aus allen Blickwinkeln beleuchet, ihre Ängste, Geheimnisse und Zweifel ebenso aufdeckt, wie ihre offen zur Schau gestellten Handlungen, die Schlüsse daraus jedoch dem Leser überlässt. So entstehen Psychogramme ohne Bewertungen. Das mag manchen Leser verstören, gar ärgern – kann aber auch als Wertschätzung und Vertrauen in die Leser gewertet werden, die sich ihre eigene Gedanken über Schuld und Sühne, Moral und Unmoral machen dürfen und sollen. Ich persönlich empfinde das in einer Welt, in der jeder Meinungen und Wertungen hat, als ungemein angenehm.

Was Lehane in Mystic River ebenfalls nicht verschweigt ist, dass das Leben keine Sicherheiten bietet und wir uns jeden Tag neu den veränderten Erfordernissen stellen müssen, Recht nicht gleich Gerechtigkeit ist, Verbrechen nicht immer geplant sind und Schuld sich nicht in Luft auflöst, sie nicht einfach abgeschüttelt werden kann. Nichts wird beschönigt oder entschuldigt, Lehane zeigt eben das Leben wie es ist oder sein kann. Und dabei ist immer eines ganz klar: Ob wir auf der „guten“ oder „bösen“ Seite stehen, ist letztendlich immer eine Entscheidung, die wir selbst und ganz alleine zu treffen haben.

 Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : November 2014
  • Verlag : Diogenes Verlag
  • ISBN: 978-3-257-24300-0
  • Taschenbuch: 624 Seiten

 

 

2 Gedanken zu “Was damals geschah …

  1. ja, genau das alles, was Du so schön hier zusammengefasst hast, ist mir auch durch den Kopf gegangen. Schön, dass Du es genau so empfindest 😉

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  2. Wie Du es treffend beschreibst: Man muss nicht detailliert erfahren, was Dave in diesen vier Tagen geschieht, vielmehr liegt ja gerade in dem Unaus-geschriebenen das wahre Grauen. Das Buch fand ich sehr, sehr gut – auch weil es Fragen von Schuld un Sühne aufwirft, weil es zeigt, wie man ein Leben lang an der Vergangenheit zu tragen hat, und weil es natürlich auch überaus klug konstruiert ist.

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