„Wir dachten, wir könnten fliegen“

Dieser wunderschöne Titel hat mich mit seinem herrlichen Cover sofort für sich vereinnahmt ! Er versammelt 19 wunderbare Geschichten namhafter Autoren wie Alex Capus, Kim de l’Horizon, Julia Schoch, Iris Wolff oder Caro Wahl. Sie alle schreiben über ausgestorbene Arten. Findet Ihr, das klingt langweilig? Ich verspreche Euch, dieses Buch hier ist alles andere als dröge.

Der Herausgeber Matthias Jügler hatte angesichts des Massenaussterbens seit einiger Zeit das Bedürfnis, das Bisschen zu tun, was in seiner Macht steht. Da er aber nun mal Geisteswissenschaftler und kein Umweltaktivist ist, beschloss er, Autor*innen zu fragen, ob sie Lust hätten, sich eine ausgestorbene Tier- oder Pflanzenart auszusuchen und dieser mit einem Text ein literarisches Denkmal zu setzen.

Dazu merkt er selbstkritisch im Vorwort Folgendes an:

„Hätte ich, so kann man sich fragen, zu diesem Projekt aber nicht vor allem Biologen oder Zoologen um Beiträge bitten sollen? Menschen also, die sich von Berufs wegen seit Jahren mit dieser oder jener Art beschäftigen? Wer kennt schon die Laysan-Ralle, den Weißwangen-Kleidervogel oder den St.-Helena-Olivenbaum? Ich bin der festen Überzeugung, dass die bloße Beschreibung einer Art nicht ausreicht, um sie von den Toten zu erwecken. Für diesen Zauber brauchen wir die Literatur.“

Und diesen Zauber transportieren all diese Texte. Das Buch ist wie eine literarische Schatztruhe, in der Ihr herumstöbern könnt und immer auf neue Fundstücke stoßen werdet. Ihr solltet NICHT in einem Rutsch linear durch das Buch rauschen. Macht es wie ich: Pickt Euch die Texte heraus, auf die Ihr gerade Lust habt, lasst sie sacken, lasst ein wenig Zeit ins Land gehen, bevor Ihr Euch dem nächsten Text zuwendet. Lasst den Zauber wirken :-)

Und bitte erwartet kein biologisches Sachbuch, es ist Literatur! Aber es gibt einen Anhang, der fundierte Informationen zu den vorgestellten Arten (und den Schriftsteller*innen) liefert.

Elena Fischer, die vielleicht die einen oder anderen von Euch von ihrem gelungenen Debütroman „Paradise Garden“ kennen, schreibt im vorliegenden Buch zum Beispiel über den Hawaiianischen Berghibiskus und über die junge Biotechnologin, die sich in den Kopf gesetzt hat, wenn sie schon die Pflanze nicht mehr zum Leben erwecken kann, so möchte sie doch wenigstens deren Duft konservieren. Dazu braucht sie von einem älteren Kollegen ein fingernagelgroßes Stück des letzten gepressten Zweiges des Berghibiskus, in dessen Besitz dieser ist. Er tut sich schwer damit, es hängt so viel Familiäres an diesem Zweig, so viel Emotionales, doch die wissenschaftliche Neugier in ihm siegt und am Ende stimmt er zu. Vielleicht, weil die Biologin so klug argumentiert:

„Nichts ist verloren, wenn wir uns an seinen Geruch erinnern“, sagt sie leise. „Denken Sie darüber nach.“
„Und wenn Sie scheitern?“, fragt er, um zu sehen, wie sie reagiert.
„Ich scheitere nicht“, sagt sie.

Ganz pointiert und einfühlsam erzählt Fischer, wie zwar etwas physisch unwiederbringlich weg sein kann, der Duft davon, der nun synthetisch hergestellt wird, aber alle damit verknüpften Gedanken und Sinneseindrücke zurückbringen kann, so dass sich das Verlorengeglaubte fast materialisiert – und das fühlt sich beinahe wie Magie an. Ein tröstliches Gefühl …

Hier wird aber auch über die Stellersche Seekuh geschrieben, die, trotz ihrer gigantischen Größe, ein Tänzchen wagt, was weitreichende Folgen hat. Wenn Ihr mehr über dieses Tier wissen wollt, lest „Das Wesen des Lebens“ von Iida Turpeinen …

T.C. Boyle wählte die Goldkröte als sein Tier, Daniela Dröscher verliebte sich in den Formesanischen Wolkenleoparden und Caro Wahl nimmt uns mit auf einen Streifzug an der Seite eines Beutelwolfs namens Fritz.

Aber was wären all diese Texte ohne die kongenialen Illustrationen von Barbara Dziadosz? Jeder Art wurde von ihr auf künstlerischer Ebene ein Denkmal gesetzt. Schaut Euch diese Riesenalke auf dem Cover an … entzückend, oder? Übrigens, wollt Ihr mehr über Riesenalke wissen, lest „Der letzte seiner Art“ von Sibylle Grimber oder den Text hier im Buch von John Burnside!

19 Arten, 19 Schreibende, 19 verschiedene Herangehensweisen. Sie haben alle eines gemeinsam: Sie verzaubern uns wortgewandt und literarisch und lassen uns staunend zurück.

Ein besonderer Schatz in der Flut der Novitäten, den Ihr getrost jedem zu Weihnachten schenken könnt, der Freude am Spiel mit Sprache, an Literatur und an wunderschönen Illustrationen hat.

„Wir dachten, wir könnten fliegen“, herausgegeben von Matthias Jügler ist 2025 als Hardcover im Penguin Verlag erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

Ein Gedanke zu “„Wir dachten, wir könnten fliegen“

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