Volker Weidermanns neues Buch führt mitten hinein in ein sehr bedeutungsvolles Jahr für die Dichterin Mascha Kaléko. Nach fast zwei Jahrzehnten im amerikanischen Exil reist sie 1956 zum ersten Mal wieder nach Deutschland – in das Land, das sie einst geprägt hat, gefeiert hat und das sie als jüdische Künstlerin dennoch vertrieben hat. Weidermann nimmt diese Reise als Ausgangspunkt, um Kalékos Leben zu erzählen, er schwebt und springt dabei zwischen früher und jetzt und das macht das Buch enorm lebendig.
Kaléko kommt in ein Deutschland, das äußerlich erneuert wirkt, innerlich aber noch voller Brüche ist. Sie besucht Orte, die ihr früher sehr vertraut waren, besonders Berlin, die Stadt ihrer literarischen Anfänge. Dort wurde sie in den späten 1920er-Jahren bekannt – als Stimme der kleinen Leute, mit Gedichten, die leicht klangen, aber oft voller Wehmut waren. Sie war eine prägnante Stimme des jüdischen kulturellen Lebens, das damals selbstverständlich zum deutschsprachigen Literaturszenario gehört hat. Nun ist sie wieder da, elf Jahre nach dem Kriegsende, doch vieles ist verschwunden: Menschen, die ihr wichtig waren, Häuser, die Heimat für sie bedeutet haben, und nicht zuletzt das Publikum, das sie einst gefeiert hatte. Die große Frage, die sich ihr stellt, ist: Was bleibt von einem früheren Leben, wenn fast alles, woran es hing, zerstört ist?
Ihre Zweifel, ihre Ängste beschreibt sie in ihren vielen Briefen an ihren Mann in New York, der dort mit dem gemeinsamen Sohn zurückgeblieben ist. Weidermann nutzt sie als leise, persönliche Spur, die sich durch das gesamte Buch zieht und dem Erzählten noch mehr Tiefe gibt. Kaléko schwankt in diesen Berichten nach Hause zwischen Neugier und Befangenheit, zwischen Freude an Begegnungen und tiefer Erschöpfung.
Damit Ihr ein Gefühl dafür bekommt, wie Weidermann schreibt, hier ein kurzes Zitat:
„Vielleicht hatten die letzten Wochen sie zu euphorisch gemacht? Hatte sie wirklich geglaubt, sie könnte einfach an ihr frühes Leben anknüpfen, an ihre Triumphe, ihre Liebe, ihren Ruhm, hineinspazieren in die Welt von gestern und sie mit Optimismus und sonnigem Gemüt und Bereitschaft zu verzeihen in die Welt von heute und morgen verwandeln? Wie hält man sich an Wunder, wenn sie ausbleiben? Wie weckt man Gott, wenn er wieder schläft? Was hast du erwartet, Mascha, als du an deiner alten Wohnungstür geklingelt hast? Ein fröhliches ‚Herein! Da sind Sie ja wieder. Wir haben so lange auf Sie gewartet‘?“
Man sieht hier gut, wie Volker Weidermann nicht nur über Mascha schreibt, sondern auch in eine Art Zwiegespräch mit ihr tritt.
Hier liegt keine dröge Biografie vor uns, sondern ein facettenreiches Porträt einer Künstlerin, die immer auf der Suche nach einer Heimat blieb, nachdem Deutschland sie weggejagt hatte, und die im Endeffekt erkennen musste, dass ihre einzige wahre Heimat vielleicht doch nur die Sprache war.
Noch ein Pluspunkt dieses Buches ist für mich der Fakt, dass Weidermann es schafft, die historische Dimension dessen sichtbar zu machen, was Kaléko erlebt hat, ohne den Blick für das Persönliche zu verlieren. Und am Ende ergibt dies, wie bereits erwähnt, ein unheimlich lebendiges, nahbares Bild von dieser widersprüchlichen, zweifelnden, aber vor allem sehr mutigen Lyrikerin.
Eine klare Leseempfehlung von mir für dieses Buch!
„Wenn ich eine Wolke wäre – Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens“ von Volker Weidermann ist 2025 als Hardcover im Kipenheuer & Witsch Verlag erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

