Ida und Elvira, zwei Frauen, die eines eint: Beide wurden von ihren Müttern nicht geliebt. Ida war sehr schön und achtet noch immer sehr auf sich. Ihr Leben hat sie mit verschiedenen Männern geteilt, die alle wohlhabend waren und es ihr somit ermöglichten, nicht berufstätig sein zu müssen. Elvira, die andere Frau, war ihr Leben lang berufstätig und unabhänig. Als ihre Tochter sich nach der Geburt des Sohnes, der bei der Geburt wohl eine Hirnschädigung erfuhr, nicht gebührend um ihn kümmern kann, übernimmt Elvira die Sorge um den Enkel und zieht ihn auf. Es kommt, wie es kommen muss, anfangs geht das Leben mit Ole gut, Elvira betreut ihn nach Ihrem Gutdünken und Ole lebt meist zurückgezogen auf seinem Zimmer. Doch als er in die Pubertät kommt, ändert sich so manches. Da hilft es auch nicht wirklich, dass Ida mittlerweile bei Elvira eingezogen ist …
Katja Lange-Müller ist selbst in Ost Berlin geboren und hat die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern in der damaligen DDR genau beobachtet, so scheint es. Die Figur der Elvira ist wohl das, was man sich als „ost-sozialisiert“ vorstellen könnte: Unabhängig, berufstätig, anpackend. Sie hat keine Lust, sich von einem Mann abhängig zu machen, ihr Mann kam bei einem Unfall ums Leben, als Manuela 7 Jahre alt war und tut, was sie für wichtig und richtig hält. Dass sich ihre eigene Tochter sehr von ihr unterscheidet, liegt wohl auch daran, dass Elvira sie nicht so lieben konnte, wie es für jedes Kind eigentlich notwendig wäre, um zu einem unabhängigen erwachsenen Menschen heranwachsen zu können. Tatsächlich lässt sie ihre Tochter auch häufig wissen, dass ihr ein Manuel lieber gewesen wäre.
Das hört sich extrem hart an und ist es auch. Manuelas vestorbener Vater hat seine Tochter vergöttert, so sehr, dass sich Elvira manchmal auch Gedanken machte, ob das noch in den Bereich der Normalität gehört. Elvira kam für mich aber nicht nur ihrer Tochter gegenüber gefühlskalt rüber. Ole, der Enkel, ist also der Sohn, den sie nie hatte. Sie konnte ihn besser „führen“ als sie es bei ihrer Tochter vermochte, die sich – sicherlich auch durch die notwendige Abgrenzung der Mutter gegenüber – so ganz anders verhielt als sie selbst, Eigentlich ist es ja etwas Gutes, wenn Kinder ab einem gewissen Alter ihre eigenen Ideen entwickeln und die eigenen Wege beschreiten. Aber nicht jede*r kann damit angemessen umgehen. Vielleicht waren es aber auch nur Schuldgefühle, die Elvira dazu bewogen hatten, sich um Ole zu kümmern, denn sie ist nicht ganz unschuldig an Oles Zustand.
Das Zusammenleben mit Ole gerät in dem Moment zu einem Problem, als er eben zu einem jungen Mann wird. Zumindest hormonell. Und das gipfelt schlussendlich darin, dass Elvira wiederum die Zügel nicht locker lassen kann. Wie bei ihrer Tochter. Hatte sie bei ihrer Tochter noch die Oberhand behalten, so ist es die schiere Größe und Kraft, die Elvira langsam aber sicher von Ole entfernt, der einerseits sehr zurückgezogen und für mich verschüchert wirkte, aber andererseits auch keine Rezepte hatte, mit seinem Innenleben adäquat umzugehen. Wie auch in seiner Situation?
Ida betrachtet das Ganze zunächst von außen und wird dann durch den Unglücksfall, der Elviras Tochter auf den Plan ruft, in den Mittelpunkt gestellt. Plötzlich ist sie die einzige Bezugsperson, die Ole kennt. Seine Mutter ist ihm völlig fremd und diese nutzt die Anwesenheit Idas, um sich zunächst auch nicht wirklich mit ihm befassen zu müssen.
Vieles bleibt bis zum Schluss ungeklärt in diesem handwerklich hervorragend verfassten Roman. Das kann man nicht anders sagen. Dennoch war mir zu allem etwas zu viel Distanz. Vielleicht ist das aber auch einer der Hauptpunkte, die Katja Lange-Müller darstellen wollte. Zwischen den Zeilen kann man sicherlich noch vieles herauslesen aus diesem kurzen aber intensiven Stück Literatur. Und das ist es: Literatur. Lange-Müller hat – so schreibt sie – eine wahre Geschichte verfremdet erzählt. Und das weil es eben so ist, wenn man Autorin ist, dass man Beobachtungen und Erlebtes in Literatur verwandelt. Am Schluss bleibt die Hoffnung, dass Ole seinen Weg gefunden hat, man erfährt es aber nicht.
Unser Ole von Katja Lange-Müller ist im September 2024 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Für mehr Info zum Buch per Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.
