Country Noir vom Feinsten

Castle Freeman begegnete mir das erste Mal in einem Bücherschrank bei uns um die Ecke – also natürlich nicht er selbst, sondern seine Romane. Glücklicherweise stand dann später neben dem ersten Band der Lucian Wing – Reihe auch gleich der zweite. Keine Ahnung, weshalb man diese Schätze weggeben wollte, für mich war es ein Glücksfund. Eigentlich lese ich kaum Krimis und noch weniger Thriller, Western schon gar nicht, aber was Freeman Sheriff Wing in seiner rauhen, waldigen Heimat in Vermont erleben lässt, ist eine so geniale Mischung aus all dem, dass ich die Bücher einfach nicht weglegen wollte.

Tatsächlich bin ich bei meinen Lektürevorlieben manchmal etwas altmodisch. Ich liebe sprechende, witzige, lakonische Kapitelüberschriften und Kapitel, die überschaubar lang sind, so dass ich doch immer noch eines mehr lesen will, auch wenn es eigentlich schon spät ist. Freeman hat beides im Angebot und dazu noch einen unvergleichlich trockenen und vielleicht gerade deshalb charmanten Stil. Seine Hauptfigur ist ein Gesetzerhüter der besonderen Art. Kein schießwütiger Sheriff, nein Wing hat seine Waffe meist nicht am Mann, sondern einer, der versucht, verfahrene Situationen zu deeskalieren und das häufig mit großem Erfolg. Deshalb nennen ihn seine Kollegen auch den „Abreger“. Seine Taktik der Verwirrung – also ein völlig abseitiges Gespräch zu führen, dass den vermeintlichen Straftäter so sehr ermüdet, dass er aufgibt, ist einzigartig. Er selbst nennt seine Vorgehensweise „Stuss“.

Leute, die wie Rhumba mit dem Rücken zur Wand stehen, verbrauchen eine Menge Energie. Sie ermüden schnell. Sie wollen vor allem, dass was passiert, irgendwas. Sie sind bis zur Spitze des Fahnenmastes geklettert und jetzt wissen sie nicht, wie es weitergeht. Sie wissen nicht wohin, sie wissen nur: Es muss was passieren. Sie wollen eine Entscheidung. Sie wollen ein Ereignis. Mein Job ist, dafür zu sorgen, dass sie keins kriegen. Stattdessen kriegen sie Stuss.Sie kriegen vollkommen unwichtigen Kram. Sie kriegen Gequatsche, und das wandert von irgendwo nach irgendwo und wieder zurück. Es dauert nicht lange, und der Bequatschte ist so gelangweilt, so benebelt von dieser Unmenge Stuss, dass er von dem Fahnenmast herunterkommt, nur damit es aufhört. Und der kommt friedlich. Es ist eine Methode. Sie ist nicht besonder spektakulär, aber oft funktioniert sie …

Ein Mann, der sich selbst nicht wichtig nimmt, sondern die Aufgabe, die er übernommen hat in den Vordergrund stellt. Dabei ist er nicht unbedingt immer Herr der Lage, aber er bekommt viel Hilfe und meistens auch die hinter Gitter, die es verdienen.

Als eine junge Frau aus dem nahegelegenen Eliteinternat verschwindet, bekommt Wing Besuch. Der Anwalt des schwerreichen Stiefvaters besagter junger Dame möchte sie gefunden wissen. Diskret versteht sich und damit ohne das Einschalten der State Police. Weshalb ist Wing nicht klar, er bleibt auf der Hut, vor allem, weil Carl Armentrout, der Anwalt, ihm nicht ganz koscher vorkommt. Ein eher unangenehmer Typ, der, so scheint es, Druck ausüben kann und wird, wenn seine „Anweisungen“ nicht befolgt werden. Neben Pamela ist auch Duncan, ein Junge aus dem Tal, verschwunden und schnell wird klar, dass die beiden gemeinsam unterwegs sind. Als die ehemalige Lehrerin Miss Truax hinter ihrem Haus eine illegal angelegte Cannabispflanzung vermutet, die sich als Seilhanf, der sich wild ausgesät hat, herausstellt, nimmt Wing die erste Spur auf. Die beiden jungen Leute wollen partout nicht gefunden werden und Pamela schon gar nicht zu ihrem Stiefvater. Was genau das schlechte Verhältnis zu ihm ausmacht, bleibt im Dunkeln.

Nach und nach wird klar, dass andere die Strippen im Hintergrund ziehen als vorgegeben wird, einige der Talbewohner müssen Wing bei der mehrfachen Verlegung des Aufenthaltsortes der beiden jungen Leute helfen und es gibt eine Menge Zerstörung, die nicht nur auf die Armentrout unterstellten „Schwergewichte“ zurückzuführen ist. Denn zu allem Überfluss bricht auch noch der Riesenkeiler „Big John“ regelmäßig aus dem im Tal befindlichen Streichelzoo aus und muss wieder eingefangen werden. Auch dafür ist Sheriff Wing mit zuständig.

„Herren der Lage“ ist mein dritter Freeman und ich muss sagen, auf ihn ist Verlass. Die Dialoge sitzen nach wie vor, die Handlung ist so gestrickt, dass ich nicht gleich wusste, was gehauen und gestochen ist und doch meine Vermutungen anstellte. Kurz und knapp: Auch dieser Roman hat mir irren Spaß gemacht und mein Kopfkino angeworfen. Wer wie ich, gerne mal bei Netflix reinschaut, kennt vielleicht den großartigen, relativ neuen Film „Lou“ – ähnlich, nicht ganz so brutal, aber doch rauh und ungeschminkt sind die Geschichten um Lucian Wing. Ich freue mich jedenfalls sehr auf die Fortsetzung der Lektüre mit dem vierten Band der Reihe.

Herren der Lage von Castle Freeman ist von Dirk van Gunsteren übersetzt als Hardcover 2021 im Hanser Verlag erschienen. Für mehr Infos zum Buch durch Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

4 Gedanken zu “Country Noir vom Feinsten

  1. Na mal gucken, das sagtest Du bei Band eins und zwei bereits 😉 … Scherz, ich weiß doch selber, wie das ist mit den ganzen guten Lektüren.
    LG, Bri

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Bernd, ich wünsche Dir und den deinen auch ein gutes neues Jahr, möge es besser werden als 2022. Absolutes Lob auf Bücherschränke, bin ein großer Fan.
    LG, Bri

    Gefällt 1 Person

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