Wir bleiben! Kampf gegen Landraub

Dieser Roman über das Schicksal eines Aborigines Stammes, fokussiert auf eine Großfamilie in Australien, präsentiert relevante politische Inhalte über die jahrhundertalte Unterdrückung von indigenen Völkern, die bis in die Gegenwart reicht und zeigt die derzeitige Ausbeutung von Bodenschätzen mit der gleichzeitigen rücksichtslosen Zerstörung der Umwelt der letzten Refugien dieser marginalisierten Bevölkerungsschicht. Zudem wird eine wichtige Botschaft transportiert und der Plot gipfelt in einem ziemlich witzigen und überraschenden Happy End.

Bedauerlicherweise gestalten sich jedoch Handlungsaufbau und die mehreren Erzählstränge als ziemlich schwierig, respektive sind die Szenen über weite Strecken sehr verwirrend konstruiert und die Handlung kommt bis zur Mitte der Geschichte nicht in die Puschen.

August Gondiwindi, lebt seit zehn Jahren in London und fährt zur Beerdigung des Großvaters Albert zurück in die Heimatstadt Prosporus in Australien. Zuerst sorgt einmal der Name ordentlich für Verwirrung, denn es wird eine Weile nicht eindeutig klargestellt, ob August eine Frau ist. Zudem gibt es noch eine ganz nebulöse Geschichte mit der verschollenen Schwester Jedda, die immer nur vage und in Minihäppchen angedeutet wird.

Selbstverständlich gibt es noch viele weitere Probleme in der weitverzweigten Aborigines Familie. Augusts Eltern gingen offensichtlich in ihrer Kindheit ins Gefängnis, weil sie Gras angebaut haben, deshalb musste das Mädchen bei ihrer Großmutter aufwachsen. Was Mutter und Vater sonst noch verbrochen haben, was eine weitere Haftstrafe rechtfertigt, oder Gründe, warum sie sich nicht anschließend um die Tochter kümmern konnten, bleiben auch irgendwie komplett im Dunkeln. Es wird zu Beginn sogar so getan, als ob man für einen Verstoß gegen Betäubungsmittelgesetze mit ein bisschen Gras mehr als zwanzig Jahre bekommt, denn August hat zu den Eltern seit der Verhaftung keinen Kontakt mehr.

Die vielen Tanten mit ihren Kindern werden von der Autorin auch sehr lange nicht konsistent in der Familienaufstellung installiert. In einem der beiden Erzählstränge der Vergangenheit schreibt Großvater Albert ein Aborigines Wörterbuch, das im Roman präsentiert wird, dessen Zweck sich auch sehr lange nicht aufklärt und erzählt ein paar alte Geschichten, die eher Verwirrung stiften, als Kontext zu vermitteln. Weiter schreibt ein Reverend Ferdinand Greenleaves aus den 1920er Jahren irgendwelche Briefe an irgendwelche Leute.

Ihr seht also, Chaos pur im Plot. Das wäre jetzt nicht so schlimm, wenn bei spätestens hundert Seiten sich diese Verwirrung allmählich endlich auflösen würde. Leider lichten sich die vielen konfusen Stränge und die Vernebelung erst ab etwa der Mitte des Buches, als August schön langsam ihren Jetlag überwindet, woran man schon erkennen kann, wie wenig die Handlung vom Fleck kommt. Versteht mich nicht falsch, nicht alles muss bei mir sofort aufs Tapet gebracht werden, die Story darf sich schon nach und nach entwickeln, aber wenn das ganze ewig dauert, bin ich genervt.

Natürlich ergeben die Handlungsstränge ab der Hälfte des Romans durchaus Sinn, und die Story nimmt endlich rasant an Fahrt auf. Auch der Grund, warum im historischen Erzählstrang mit dem Reverend ausgerechnet die Zeit von 1915-1920 fokussiert wurde, wird auf einmal offenbar. Seit dem Ersten Weltkrieg gehört das gesamte australische Land inklusive der Outbacks der britischen Krone. Die Aborigines, denen das Land eigentlich gehört, haben es nur 99 Jahre von Großbritannien gepachtet, wussten das aber nicht. In der Gegenwart, also ziemlich zeitnah nach 2020 rücken sehr flott internationale Minengesellschaften an, denen die britische Krone die Schürfrechte verkauft hat. Die Firmen wollen Zinn fördern und dadurch wird als Kollateralschaden die Lebensgrundlage aller Einwohner zerstört und die Umwelt vergiftet. Auch das Haus von Augusts Großmutter ist betroffen. Die arme Frau, die ihr Leben dort verbracht hat und deren Mann gerade gestorben ist, muss aus ihrem Heim raus, da der Pachtvertrag für den Boden, auf dem das Haus steht, nicht mehr gilt.

„Was ist Souveränität in Abwesenheit von Gerechtigkeit anderes als organisierter Raub?“ Augustinus

Als August endlich auch geistig und emotional in ihrer Heimat angekommen ist, will sie bleiben und den Kampf um das Haus ihrer Großmutter und um das Land gegen die Minengesellschaft aufnehmen. Ein Teil der Familie erwacht endlich aus der Lethargie und beginnt, sich zu wehren. Bei der Analyse der Optionen, wird nun auch klar, wer sich in Prosporus und innerhalb ihrer weitschichtigen Verwandtschaft von der Fördergesellschaft hat korrumpieren lassen.

Nun erklärt sich auch das Wörterbuch des Großvaters, nach dem August verzweifelt sucht und das nirgends zu finden ist. Denn wenn die Gondiwindis als eigenständiger Aborigines Stamm mit eigener Sprache, sehr alten historischen Artefakten und eigener Geschichte anerkannt werden, fällt das Land und der gesamte Bezirk Massacre Plaines unter ein australisches Schutzgesetz, das die Zerstörung von Stätten von kultureller Bedeutung verhindern soll. Somit könnte das Bergbauunternehmen gestoppt werden.

Es ist ein Kampf der Aboriginals um den eigenen Boden unter den eigenen Füßen.

Doch die Zeit drängt, es ist ein Rennen gegen die Uhr, denn die Piloten für die Fördertürme werden schon eingeschlagen und die Häuser sind schon geräumt. Das Finale ist wirklich großes Kino: Umweltschützer, Chaos, Widerstand und ein derart überraschendes, sehr witziges und gar nicht kitschiges Happy End, das ich so nie erwartet hätte. Ich verrate nur so viel: Diesmal stand die Göttin Karma, die alte Bitch, auf der Seite der Aborigines und hat die Bergbaugesellschaft, die Landräuber und die Kapitalisten düpiert und vorgeführt. Da schlägt in letzter Sekunde der Zufall zu, was die Minengesellschaft von der Schürfung zuerst plötzlich und dann nachhaltig durch die Intervention der Protagonisten abhält.

Die Stimmungsbilder des trockenen, kargen Landes, der staubigen Plaines und der Kampf der Einheimischen, diesem von Gott verlassenen Stück Erde etwas abzutrotzen, um zu überleben, kommen sehr gut rüber. Schlussendlich sind auch die Figuren gut entwickelt, und tief gezeichnet, aber das dauert eben ganz schön lange.

Fazit: Kommt lang nicht in Schwung dieser sehr politische Roman, aber am Ende hat er sich wirklich gelohnt. Großes Kino im Finale: Alle Erzählstränge zusammengeführt, Geheimnisse aufgeklärt, eine Botschaft transportiert und zum Schluss auch noch gut unterhalten. Ich gebe meine Leseempfehlung mit Einschränkungen ab, denn man muss über die mühsame erste Hälfte erst mal hinwegkommen.

Wie rote Erde von Tara June Winch ist im Verlag Haymon als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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