Rache kalt serviert

Amélie Nothomb ist nach einigen Ausflügen in andere Genres, wie dem Märchen Happy End und der Erzählung der Passion Christi, wieder zu ihrem bewährten Roman-Konzept zurückgekehrt, mit dem sie ursprünglich als Schriftstellerin so berühmt und erfolgreich wurde, indem sie boshaft, grausam und psychologisch perfekt durchdacht die menschlichen Abgründe auslotet, die Leserschaft sogar manchmal dazu bringt, jegliche moralische Skrupel über Bord zu werfen und sich mit Tätern und vermeintlich bösen Menschen zu identifizieren und mitzufiebern. Die große Verführerin ist wieder da, die die Grenzen von Gut und Böse verwischt, uns Motive von schändlichen Taten schlüssig erklärt und uns sogar dazu bringt, diese ein klein wenig zu rechtfertigen – beziehungsweise sie ein bisschen nachvollziehen zu können, ganz im Stile von Der Professor, Liebessabotage, und vielen anderen mehr. Diese Lektion erteilt sie uns auch diesmal wieder in gewohnter Manier kurz und knackig auf 128 Seiten, was ich sehr zu schätzen weiß, denn ich liebe es, wenn AutorInnen schnell auf den Punkt kommen und nicht sinnlos herumschwafeln.

Hier haben wir also wieder eine typische Nothomb Story, in der Claude, ein narzisstisch gekränkter Mann, seine Rache an der ihn abweisenden Geliebten Reine plant. Das ist aber keine kurze wuterfüllte Aktion oder ein mittelfristiges Projekt, sondern Claude erkürt die Rache zu seinem Lebenswerk und Lebenssinn. In dieser Geschichte findet das Sprichwort: „„Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert.“ seine literarische Vollendung. Dass Claude damit auch sein ganzes Umfeld mit in sein riesiges schwarzes Loch zieht, versteht sich von selbst. Davon und von den Auswirkungen erzählt dieser Roman.

Reine hat Claude nach fünfjähriger Beziehung plötzlich abserviert, da er ihr zu wenig ehrgeizig ist – sowohl was seine beruflichen als auch privaten Ambitionen betrifft. Sie heiratet unvermittelt den erfolgreichen Geschäftsmann Jean-Claude und zieht vom Dorf nach Paris. Soweit stellt sich der Einstieg in den Roman in Form der ersten Szene dar.

Nach einem Cut springen wir in das mittlerweile interessante Leben von Claude, der um Dominique wirbt, sie heiratet, ebenso von der bretonischen Provinz nach Paris zieht und auch erfolgreich wird. Als die beiden ein Kind bekommen, verhält sich der bisher charmante Claude plötzlich diametral entgegengesetzt und ignoriert seine Tochter Épicène komplett. Es ist nicht nur die Gleichgültigkeit des Vaters, unter der das kleine Mädchen leiden muss, sondern das Ganze eskaliert in absoluter Geringschätzung, möglicherweise sogar in Hass auf das Kind. Épicène lernt bald eigenständig zu denken und zu handeln, um diese toxische Vater-Tochter-Beziehung zu überwinden. Auch wenn die Mutter ihr Halt und Liebe gibt, unternimmt Dominique nie etwas gegen Claudes Verhalten, sie ist ihrem charmanten Mann hörig. Als sich Dominique und Reine über ihre Töchter, die auf dieselbe Schule gehen, anfreunden, ist Claude der treibende Faktor der Aufnahme und Intensivierung dieser Beziehung, bleibt aber unerkannt im Hintergrund. Nun kann er endlich nach so langen Jahren im geheimen, die Frauenfreundschaft sabotierend, seinen perfiden Racheplan umsetzen. So, wer hier schon überzeugt ist und sich die Überraschung nicht verderben lassen möchte, der springe nun zum Fazit, denn ich muss ein bisschen spoilern, um meinen einzigen, eher kleinen Kritikpunkt, den ich am Roman habe, zu untermauern.

Durch ein zufällig aufgeschnapptes Gespräch zwischen Reine und Claude bei ihrem ersten persönlichen Zusammentreffen nach Jahren kommt die gesamte bittere Wahrheit ans Licht, dass Dominique nur eine Schachfigur in Claudes perfiden Plänen war, es seiner geliebten Reine zu zeigen. Die ganze Ehe der beiden, sogar der Beginn ihrer Beziehung war eine Farce, ein Schauspiel im Drehbuch der geplanten Rachetragödie. Dass dabei auch die mittlerweile innige Frauenfreundschaft zwischen Reine und Dominique zerbrechen muss, versteht sich von selbst.

Épicène, die ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist, war der einzige Störfaktor in dieser verlogenen Schmierenkömödie, weil Claude begann, sich ob der Ähnlichkeit mit seiner Tochter zu identifizieren. Aber anstatt eine echte Vater-Tochter-Beziehung aufzubauen und endlich sein eigenes Leben zu leben, musste alles dem uralten Racheplan beziehungsweise Lebenszweck untergeordnet werden und die aufkeimenden Vatergefühle in Hass erstickt werden. Dass das auch nicht reparierbare psychische Schäden bei Épicène hinterlassen hat, versteht sich von selbst und gipfelt in einem grausamen Finale.

Der ganze Plot war richtig spannend aufgebaut, erst nach und nach entpuppen sich die Motive, die Figuren sind liebevoll und tief entwickelt.

Fazit: Lesenswert! Die Gesamtsumme und die Perfidie von Claudes psychischen Grausamkeiten, war mir zwar um eine kleine Nuance zu überschießend und konstruiert, aber der Roman hat mir dennoch ausnehmend gut gefallen, wenngleich ich nicht ganz so restlos begeistert bin, wie von anderen Werken der Autorin.

Ambivalenz von Amélie Nothomb ist im Verlag Diogenes als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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