Blut, Schweiß, Schmerz und Tränen

Eines gleich vorweg, dieser Roman ist derart untypisch eine Nothomb, von der ich schon sechs Romane gelesen habe, dass es schon sehr viel Liebe zum Gesamtoeuvre der Autorin bedarf, um nicht ein bisschen irritiert zu sein oder eben einiges an Involvement zum religiösen Thema der Geschichte. Die gewohnten bissigen Analysen der Schriftstellerin sind kaum vorhanden, so gut wie kein Funken Humor, nur Jesus und seine wirklich furchtbare Leidens- und Foltergeschichte, werden ausführlich ausgewalzt. Handelt eben wirklich nur von Passion im Sinne von Leidensweg Christi und nicht im Sinne von Leidenschaft.

Ich durfte ja sieben Jahre in der katholischen Klosterschule und im Halbinternat Kasernierung und tägliche religiöse Gehirnwäsche genießen, insofern dachte ich, dass dieser Roman sehr relevant für mich sei.

Am Anfang stimmte das sogar, denn Nothomb erzählt die Geschichte von Jesus nur etwas anders als in den Evangelien, sie schmückt sie aus, erfindet eine Fiktion dazu, die aber durchaus so passiert sein könnte und realistisch in das Gesamtbild der handelnden Figuren und der historischen Überlieferung passt.

Pontius Pilatus benötigt neben den politischen Motiven, um Jesus in der Gerichtsverhandlung zu verurteilen, unbedingt auch irgendwelche Straftatbestände, beziehungsweise Signale aus der Bevölkerung, dass der bisher umjubelte Heiland in Ungnade gefallen ist, damit dieser Schauprozess den Touch eines ordentlichen Verfahrens bekommt. Das ist ganz leicht, denn die Begünstigten der Wunder denunzieren Jesus in vorauseilendem Gehorsam. Der lahme Bettler beschwert sich beispielsweise, dass ihm Christus durch die Heilung seine Lebensgrundlage entzogen hat, das Ehepaar der Hochzeit von Kanaan kritisiert, dass Jesus viel zu lange gewartet hat, das Wasser in Wein zu verwandeln. Dadurch, dass der Wein vorher schon ausgegangen war, hat er die Gastgeber düpiert.

Auch die tiefe und umfassende Charakteranalyse des Messias von Judas, Johannes, Maria Magdalena und Petrus aus persönlicher intimer Sicht fand ich sehr spannend.

Dann liegt der Fokus der Autorin aber relativ bald auf der Gefangenahme, der Folter, dem Kreuzweg und der Kreuzigung und das ist leider tatsächlich nur eine extrem detaillierte Schilderung von Folter, Schmerz, Leid und Tod aus der Innensicht und mit Gedanken des Opfers. Das war mir dann doch etwas zu viel grausame und zu genaue Beschreibung beziehungsweise Ausschmückung der ohnehin schon sehr gewalttätigen historischen Überlieferung. Irgendwann wollte ich nichts mehr davon lesen, und wünschte nur noch, dass es vorbei sei. Ich höre ja auch nicht gerne gefolterten Leuten beim Schreien zu und finde Snuff-Videos entsetzlich. Das, was Nothomb hier darbietet, ist einfach nahezu eine Analogie in Buchform. Mir war das wirklich ausnahmsweise viel zu viel, obwohl ich gewöhnlich nicht so zart besaitet bin. Irgendwie erinnerte mich diese minutiöse Darlegung der Tortour und der Gedanken des Opfers an Edgar Hilsenraths in Märchenform erzählter Leidensweg der Armenier in den Foltergefängnissen der Osmanen: Das Märchen vom letzten Gedanken. Hilsenraths realistische Schilderung von Leid und Folter konnte ich auch schwer ertragen.

Fazit: Dieser Roman hat sicher zu Recht seine begeisterte Fangemeinde, denn er ist sehr eindrücklich erzählt, plottechnisch und sprachlich gibt es auch gar nichts zu kritisieren. Ich gehöre auf jeden Fall nicht zu dieser Zielgruppe, das kann ich nun definitiv bestätigen. So ein unangenehmes Leseerlebnis hatte ich schon lange nicht mehr, aber es hat mich aus der Fassung gebracht und das ist eben auch eine Qualität. Deshalb diesmal nicht nur eine normale Triggerwarnung sondern eine solche, die sogar mich getriggert hat.

Die Passion von Amelie Nothomb ist 2022 im Diogenes Verlag als Taschenbuch erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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