Exzessives Liebesleid

Ehrlich gesagt, konnte ich mit den Protagonisten im Roman reichlich wenig anfangen, was aber nicht unbedingt an der Qualität der Erzählweise und der Figurenkonzeption der Autorin liegt, sondern eher am Umstand, dass ich mich in einem Lebensabschnitt befinde, in dem mich solche Lebensbiografien einfach nicht ansprechen, beziehungsweise eher langweilen.

Irgendwie stellt sich die Geschichte als ein ewiger Coming of Age Roman dar, in dem sich die Protagonistin Alex mehr als zehn Jahre lang einfach überhaupt nicht entwickelt, sie steckt zwischen Twen und weit jenseits der dreißig Jahre noch immer im selben Stadium fest.

Alex weiß einfach nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Sie ist sehr unschlüssig, hedonistisch, selbstbezogen, fast schon egozentrisch, promiskuitiv, bezüglich beiderlei Geschlechts noch nicht festgelegt, erinnerte mich anfangs irgendwie an Unterwasserflimmern von Katharina Schaller. Sie kann sich im Verlauf der Geschichte, obwohl sie schon Mann und Kind hat, noch immer nicht auf den bevorzugten Partner festlegen und weint ständig ihrer großen Liebe Sheela nach, mit der sie aber auch nie wirklich mehr als eine Affäre hatte, weil sich beide nicht aufeinander einlassen wollten. Die Königskinder und ewig unschlüssigen Teenager können einfach nicht zueinanderkommen.

Dabei leidet Alex wie ein Hund an ihrer Liebe zu Sheela, spielt aber, anstatt die Karten in Erwachsenenmanier endlich mal auf den Tisch zu legen, immer wieder dumme Teenagerspielchen in der Art: Wer zuerst sagt, was er für den anderen empfindet, der hat verloren. So bleibt eben alles unausgesprochen, sogar die Kontaktaufnahme zur unglücklichen Liebe wird im Zeitalter von Handy und Social Media dem Zufall und beiläufigen Begegnungen überlassen, was die Geschichte zeitlich sehr in die Länge zieht, weil jahrelang einfach nichts passiert.

Das Setting weist meiner Meinung nach frappante Parallelen zum Werk Die Leiden des jungen Werther von Goethe auf, mit dieser unsäglichen Minne, die mir schon in der Schule so derart fremd war. Pardon, ich muss mich selbst korrigieren, die Story entspricht eher dem moderneren Remake von Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W. Schon als Teenager war mir dieses exzessive, ewig in die Länge gezogene Liebesleid und Jammern, ohne etwas zu unternehmen, völlig fremd. Natürlich sind solche passiven und zaudernden Personen in der Realität sogar sehr häufig, aber in der Fiktion und Literatur langweilen sie mich extrem, von denen muss ich nicht unbedingt etwas lesen.

Ansonsten gibt es nichts zu kritisieren am Roman, sprachlich ansprechend, tief beschriebene Figuren, wenn ich diese auch nicht wirklich genau kennenlernen möchte, ein Plot, der die Längen im Zeitablauf der Persönlichkeitsentwicklung der Protagonisten durch Zeitsprünge aber nicht in Erzähllängen umsetzt, also adäquat gestaltet ist und sogar ein Finale, mit dem ich mich dann auch tatsächlich anfreunden kann.

Fazit: Definitiv not my cup of tea. Ein Roman, der für jemand anderen geschrieben ist. Prinzipiell gar nicht schlecht, aber für mich persönlich sehr unbefriedigend.

Vielleicht habe ich dich nur erfunden von Tatjana Scheel ist im Verlag Haymon als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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