Kamtschatka

Im Moment fällt es mir schwer, neue Bücher, neue Romane zu lesen. Die Situation in der wir uns durch Corona, Klimawandel und den nun schon in der fünften Woche stattfindenden Krieg in der Ukraine befinden, ist für mich nicht dazu geeignet, mich mit Dingen zu beschäftigen, die mir irgendwie unwichtig vorkommen. Ich weiß, das ist eine Phase und ich weiß, es ist dem geschuldet, dass ich mich so wenig hilfreich, ja ohnmächtig fühle. Deshalb greife ich derzeit vermehrt nach Büchern, die ich vor längerer Zeit gelesen habe und die mich nachhaltig beeindrucken. Eines davon ist „Kamtschatka“ von Marcelo Figueras. Er arbeitet in seinem Roman eine der dunkelsten Geschichten seines Heimatlandes Argentinien auf. Der Militärjunta, die zwischen 1976 und 1983 herrschte und der viele Menschen zum Opfer fielen. Im Roman kommt einem äußerst unwirtlichen Landstrich, der aber im Strategiespiel „Risiko“ von großer Bedeutung ist, eine ebensolche metaphorische zuteil und so hat Figueras diesen wichtigen Roman, der auch verfilmt wurde, nach dieser Halbinsel benannt …

“ Das Letzte, was Papa zu mir sagte, das letzte Wort, das ich aus seinem Mund hörte, war Kamtschatka.“

Kamtschatka ist eine dünn besiedelte Halbinsel im ostasiatischen Teil Russlands. Gelegen zwischen der Beringsee und dem Nordpazifik im Westen und dem Ochotskischen Meer im Westen. Ein recht junges Land, das den gewaltigen Kräften der sich unter die Eurasische Erdplatte drückenden Pazifischen Erdplatte ausgesetzt ist. Zahlreiche der vorhandenen Vulkane sind noch aktiv und jedes Jahr brechen einige davon aus … ein unwirtliches Land und trotzdem ist es für Harry, den Erzähler der Geschichte, von größter Bedeutung.

Kamtschatka ist für ihn weit entfernt – er lebt mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder, dem Zwerg, im Argentinien des Jahres 1976 und wird durch die dort herrschenden Umstände aus seinem gewohnten Leben und Umfeld gerissen. Die gesamte Familie muss nach dem Militärputsch in Buenos Aires untertauchen, da der Vater als regimekritischer Anwalt bekannt ist. Für die Eltern eine reine Überlebensnotwendigkeit, wird das hier freiwillige Verschwinden für die beiden Kinder eher zu einem Abenteuer. Ein Buch über Harry Houdini wird für den zehnjährigen Harry zur Bibel.  Als es darum geht, dass die Familie sich eine neue Identität und damit auch neue Namen zulegen muss, benennt er sich nach dem Entfesslungskünstler, in dessen Fußstapfen er unbedingt treten will.
Als die Eltern verkünden, dass ein Gast zu ihnen stoßen werde, der mit ihnen in ihrem Versteck leben soll und Lucas heißt, befürchtet Harry zunächst, Lucas wäre ein Eindringling, der die Zeit mit den Eltern noch knapper machen würde. Lucas muss sich ebenfalls verstecken – offensichtlich ist er Student und nicht linientreu. Obwohl er einige Jahre älter ist, Harrys Fragen meist nicht beantwortet und häufig verschwindet, wird er für Harry ein wichtiger Freund.

Spätestens mit dem Auftauchen von Lucas wird dem Leser klar, wie schwierig die Situation mittlerweile in Argentinien ist. Da ist ein junger Mann, Student, der Fragen nach seiner Herkunft nicht beantworten will, ja darf – um seine Familie nicht zu gefährden? Um die Menschen, die ihm helfen, nicht zu gefährden? Auf jeden Fall, um den Ort, an dem er sich befindet nicht zu verraten.

Und hier kommt wieder Kamtschatka ins Spiel – Harry spielt für sein Leben gern TEG – ein Strategiespiel – in unseren Breiten als Risiko bekannt. Das Ziel dieses Spieles ist es, den Gegner völlig von der Landkarte zu fegen. Harry spielt gegen seinen Vater, der immer mit einer bestimmten Strategie gewinnt … Kamtschatka ist zwar ein unwirtliches Land, dafür aber auch schier uneinnehmbar für den Gegner.

Nach dem Militärputsch 1976 kam es in Argentinien zu einem Terrorregime, das geschätzte 30.000 Menschen, die sich gegen das Regime auflehnen wollten, einfach verschwinden ließ. Noch heute fehlt von vielen dieser Desaparecidos jegliche Spur und ihre Mütter kämpften lange und ausdauernd darum, herauszufinden, was ihnen wirklich zugestoßen ist.

Kamtschatka ist mehr als nur eine unwirtliche Halbinsel, es ist ein Ort, an dem man überleben kann:
“ … Ich habe lange Zeit an dem Ort gelebt, den ich Kamtschatka nenne, ein Ort, der dem echten Kamtschatka sehr ähnlich ist (wegen der Kälte und der Vulkane, wegen seiner Abgeschiedenheit), aber den es in Wirklichkeit nicht gibt, denn manche Orte stehen auf keiner Landkarte. Jetzt wo ich die Bedeutung von Abschieden verstanden habe, möchte ich mich von ihm verabschieden. …. Es ist für mich der Augenblick gekommen, wieder an meinen Ort zurückzukehren, ganz dort zu sein, mit meiner ganzen Person, um nicht mehr zu überleben, sondern anzufangen zu leben. … „

Für mich ist es ein Juwel.
Geschrieben in einer sehr schönen klaren Sprache, die die Schrecken des Terrorregimes nicht direkt anspricht und doch nichts auslässt. Die Erstlektüre fand für mich in einer Zeit statt, in der ich einen sehr persönlichen Abschied nehmen musste – nicht plötzlich, wie Harry, aber ebenso schmerzhaft. Vielleicht hat mich die Geschichte deshalb so nachhaltig begeistert und ist bis heute, zur erneuten Lektüre in meinem Kopf geblieben.

Bei der Recherche nach dem Cover meiner Ausgabe habe ich festgestellt, dass das Buch offensichtlich nicht mehr lieferbar ist. Schade eigentlich, gerade zur Zeit wäre dieses Buch sicherlich ein Leseanker.

3 Gedanken zu “Kamtschatka

  1. ich habe auch momentan ein ungutes Lesegefühl bezüglich mangelnder Konzentrationsfähigkeit wegen Corona und der Gesamtsituation der Welt wie Krieg in der Ukraine, Klima, Tschernobyl und ein riesen Waldbrand diese Woche im Bezirk, weil das Bundesheer bei der Trockenheit Schießübungen veranstaltet hat und fast den ganzen Waldbestand abgefackelt hat. Hab dann zufällig zu einem total optimistischen Wohlfühlroman (Neuerscheinung) gegriffen und plötzlich war das Lesegefühl wieder da. Vielleicht ist so ein Sunshine Eskapismus in einer Welt voller Katastrophen gar nicht so unklug. Probiere es auch mal, möglicherweise hilft es. 🙂

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